Wer Gott aufgibt, der löscht die Sonne aus, um mit einer Laterne weiterzuwandeln. Christian Morgenstern

Die Revolution kam über Japan nach China

Imperialismus, Kommunismus, Revolution: Ausdrücke, die im japanischen Sprachgebrauch geprägt wurden, und ihren nach Weg nach China fanden. Die Sprachen Chinas und Japans haben sich über Jahrhunderte gegenseitig beeinflusst. Und tauschten so auch Ideen und politische Konzepte aus. Doch damit ist jetzt Schluss: Die Zukunft gehört der chinesischen Kultur.

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Die Kulturen Japans und Chinas werden im Westen immer noch vielfach als sehr eng miteinander verbunden gesehen und gelegentlich sogar gleichgesetzt. Dies hat auch seine Berechtigung. Denn obwohl die Kultur Japans ursprünglich gänzlich andere Wurzeln hat als die chinesische, sind seit der Mitte des ersten Jahrtausends die Beziehungen zwischen Japan und China immer sehr eng gewesen. Japan hat die chinesischen Schriftzeichen übernommen und auf dieser Grundlage eine Schriftsprache entwickelt. Die hoch entwickelte chinesische Kultur der Tang-Zeit (618-907) hat Japan nachhaltig geprägt. Über Japan haben dann seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts westliche Ideen und Modernisierungskonzepte ihrerseits die Reformprozesse in China geprägt.

Im Zentrum der Beziehungen standen immer Kodierungsfragen. Über Jahrhunderte waren Texte in Japan unter Verwendung chinesischer Schriftzeichen aufgezeichnet worden, obwohl die Sprache in Japan von der Sprache Chinas gänzlich verschieden ist. Doch die Schriftzeichen und natürlich auch die buddhistischen und die konfuzianischen Texte hatten sich über ganz Japan gelegt und die Kultur und das Denken der Menschen geformt. Und doch blieb im Kern Japan eine eigene Welt – nur die Zeichen ließen sich auch durch spätere Sprach- und Schriftreformen nicht gänzlich entfernen. Bis heute gibt es für Personennamen und viele Begriffe der Wissenschaft, Politik und Gesellschaft Ausdrücke, die mit diesen chinesischen Schriftzeichen geschrieben werden. Im Jahre 1946 hatte die Regierung eine Liste von 1850 Zeichen für den offiziellen Gebrauch festgelegt, doch in vielen Fachsprachen werden bis heute weit mehr Schriftzeichen verwendet.

Sozialistischer Sprachimport

Als dann der Marxismus über Japan nach China kam, waren es diese Zeichen, welche die neuen Begriffe nach China brachten. Überhaupt geht die Modernisierung des chinesischen Wortschatzes im 20. Jahrhundert in hohem Maße auf Japan zurück, wo unter Verwendung chinesischer Schriftzeichen, der so genannten Kanji, westliche Begriffe aufgegriffen wurden. Der Ausdruck für „Gesellschaft“, der auch im Begriff des „Sozialismus“ aufgenommen wird, wurde ebenso in Japan geprägt wie „Kritik“, „Kommunismus“, „Imperialismus“ und „Revolution“. Bei letzterem hatten die japanischen Autoren auf eine archaische chinesische Wortverbindung zurückgegriffen, und so kam dieser Revolutionsbegriff aus dem Altertum gewissermaßen auf dem Umweg über Japan wieder nach China. In manchen anderen Fällen gab es bestimmte Begriffe bereits im chinesischen Wortschatz, auch wenn sie dann im Kontext der aus Japan nach China kommenden Lehre des Marxismus ein neues Gewicht erhielten wie „Kapital“ (Ziben) und „Kapitalist“ (Zibenjia).

Der sprachliche Austausch wird sich fortsetzen in einer Zeit der Angleichung von Warenwelten und Konsumgewohnheiten. Für die weitere Verwendung der chinesischen Schriftzeichen war lange Zeit das Telefaxgerät eine willkommene Technik, die inzwischen durch den Computer abgelöst wurde, der auf neue Weise die sprachlichen Gemeinsamkeiten zwischen Japan und China ermöglicht. Auf längere Sicht aber wird Japan viel stärker auf China blicken als umgekehrt, und so ist es denkbar, dass manche Moden aus China auch Japan prägen werden, welches dann wieder stärker zu dem wird, was es lange Phasen seiner Geschichte hindurch war, nämlich ein Teil des chinesischen Kulturkreises.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jamie Oliver, Bill Gates, David Cameron.

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