Ich würde mich schämen, wenn wir in der Krise Staatsgeld annehmen würden. Josef Ackermann

Verkauft und geknebelt

Während alle gebannt auf die Staatsverschuldung starren, wird die drohende Pleite der US-Haushalte oft übersehen. Die Kredite der Privatleute wurden gebündelt und an brutale Schuldeneintreiber verkauft – ob die Familien pleite gehen, interessiert dabei kaum.

Die US-Wirtschaft wird von der Schuldenlast erdrückt. Während die meisten jedoch an Hypotheken und Staatsschulden denken, bleibt ein weiteres Problem unberücksichtigt: Die Verschuldung der US-Privathaushalte ist inzwischen auf über drei Billionen Dollar angestiegen. Diese Form der Verschuldung wirkt sich direkt auf die Wirtschaft aus: Wenn Menschen ihre Kreditkartenrechnungen, ihre Arztrechnungen oder Studiengebühren nicht mehr bezahlen können, bleibt nur die Privatinsolvenz. Wer heute über Amerikas Straßen läuft, merkt das direkt. Die Enttäuschten und Perspektivlosen sind jetzt Teil der Occupy-Bewegung. Sie fordern den Wandel, weil ihr Leben auseinanderfällt. Während die Regierung viel Zeit und Geld in die Rettung von Banken investiert hat, hat sich niemand um die Belange der Menschen gekümmert.

Ironischerweise ist dafür ein Schuldenmarkt verantwortlich, der ursprünglich als Lösung der Kreditkrise der 80er-Jahre geschaffen wurde. Die amerikanische Federal Deposit Insurance Corporation (FDIC) musste einen Weg finden, um eine Pleitewelle der US-Sparkassen zu vermeiden. Sie schuf einen Marktmechanismus, um Kreditansprüche dieser Banken an Institutionen, Organisationen und Investoren verkaufen zu können. Das Ziel war es, die Verluste der Banken zu begrenzen und die Kontrolle über ausstehende Kredite zurückzuerlangen. Passiert ist jedoch etwas anderes: Kreditgeber haben sich nicht mehr darum gekümmert, ob die vergebenen Gelder wirklich zurückgezahlt wurden. Stattdessen haben sie einfach das Geld eingestrichen, das durch den Verkauf des Vermögens frei wurde.

In der Hand der Schuldeneintreiber

Im Detail: Angeschlagene Sparkassen konnten alle ausstehenden Gelder abschreiben und die Schulden in Portfolios bündeln. Diese Portfolios konnten dann für Pfennigbeträge weiterverkauft werden – zum Beispiel an Firmen, die sich um die Eintreibung der ihnen dann zustehenden Gelder kümmerten. Durch den Weiterverkauf der Schuldenlast wurde es den Kreditgebern mehr und mehr egal, ob vergebene Kredite wirklich zurückgezahlt wurden und wie es den Kreditnehmern erging. Das Schicksal der Privathaushalte lag zunehmend in der Hand von Schuldeneintreibern, die bekannt sind für ihre Korruption und brutalen Geschäftspraktiken.

Wenn ein Portfolio erst einmal weiterverkauft war, gab es keinen Zusammenhang mehr zwischen dem ursprünglichen Kreditgeber und dem Kreditnehmer – und damit auch keine Möglichkeit für den Einzelnen, gegen Knebelverträge vorzugehen. Das hat sich inzwischen teilweise geändert. Wahr bleibt jedoch, dass genau diejenigen am meisten unter Druck stehen, die wirtschaftlich ohnehin schon in einer prekären Lage sind.

Schulden sind immer weniger etwas, was man einem anderen „schuldet“. Stattdessen sind sie zum Finanzprodukt geworden, mit dem fleißig Handel getrieben werden kann und Profite eingestrichen werden. Man muss die in Portfolios gebündelten Kredite also nicht mehr primär zurückzahlen, um eine Rechnung mit dem Kreditgeber zu begleichen. Stattdessen ist das Ziel, die eigene Kreditwürdigkeit nicht durch ausstehende Zahlungen zu belasten.

Das Hamsterrad der Schulden

Schulden unterscheiden sich dabei fundamental von anderen Produkten, mit denen Handel betrieben wird. Der Wert eines Kredits sinkt zwar mit der Zeit (genauso, wie andere Produkte durch Nutzung an Wert verlieren), doch der Preis steigt dank der Zinsen immer weiter an. Das sollte es eigentlich schwer machen, Handel mit den Portfolios zu treiben. Doch Investoren kalkulieren bereits ein, dass viele Menschen in die Privatinsolvenz getrieben werden. Selbst wenn nur wenige ihre Kredite zurückzahlen können, lohnt sich daher das Geschäft.

Die Zeit ist gekommen, um den Schuldenmarkt gründlich zu hinterfragen. Wie können wir aus dem Hamsterrad der Schulden herauskommen, wenn das System dazu anregt, risikoreiche Investitionen zu tätigen und Kreditgeber davon abhält, realistische Pläne für die Rückzahlung von Krediten zu erstellen? Solange Privatschuldner von der Kreditindustrie als Geisel gehalten werden, müssen wir uns über die ausbleibende wirtschaftliche Erholung nicht weiter wundern. Der Markt ist aus dem Gleichgewicht gekommen. Das Mindeste ist es, Schulden so zu organisieren, dass sie sich wieder an fairen Prinzipien des Marktes orientieren können.

Übersetzt aus dem Englischen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Rainer Nahrendorf, Markus Sievers, Marcel Tyrell.

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Kolumne

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von Yascha Mounk
02.08.2011
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