Wir können uns Zentralbanken fast schon als Geld-Elfen vorstellen. John Lanchester

Genesis verpflichtet

Nur ein einziger Superheld kann alle Probleme der Welt lösen. Nämlich der, der sie auch gemacht hat.

Helden sind ja so eine Sache. In den Legenden bekämpfen sie räudige Riesen, drollige Drachen oder heulende Hydren (vielleicht heißt es auch Hydrae oder Hydrata), und schon werden ihre muskulösen Körper in lustigen Comics an Tempelwände geschmiert. In der Realität jedoch sind Helden meist nur dazu da, adoleszente Geister zu der Erkenntnis gelangen zu lassen, dass die überall um sie herum mit lustigen Plopps (auch möglich: Ploppata) zerplatzenden Kinderträume nichts als Träume waren: „Guck ma, Kind, da geht der Papa und kommt nicht wieder.“ Es gibt keine Helden.

Womit wir schon im ersten Absatz in der leuchtenden Landschaft der Klischees angelangt sind, und genau hier wollen wir hin. Denn hier tummeln sich diejenigen, die wir eigentlich suchen: die Superhelden. Nun sind auch Superhelden so eine Sache. Meist tragen sie zu enge Hosen und zu viel Pathos und küssen nur kopfüber und an Spinnfäden hängend, bevor sie in der Nacht verschwinden. Doch sie alle tragen eine Maske, die es jedem Kind erlaubt, sich seinen eigenen Vater dahinter vorzustellen: „Guck ma, Kind, da fliegt der Papa.“ Das klingt doch schon viel schöner.

Allen gemein ist: Helden, ob Super- oder nicht, bekämpfen das Böse. Das Böse ist meist hässlich bis schleimig, unberechenbar, herzlos und Urheber eines kalten, kehligen Lachens. Einfach zu definieren also. Da reicht ein Turbo-Boost-Super-Gummihammer, um dem Bösen das Handwerk zu legen. Dasselbe mit den realen, komplexen Problemen der Menschheit zu versuchen, wäre absurd. So absurd, dass es eigentlich funktionieren muss. Ich stelle mir das so vor:

Ein düsteres, verrauchtes Hinterzimmer. Zwischen Zigarrenqualm und Whiskyfahnen sitzen der menschengemachte Klimawandel, das Bevölkerungswachstum und die Finanzkrise und spielen Karten. Das tun sie jedes Mal, wenn einem von ihnen ein großer Coup gelungen ist. Also eigentlich immer. Denn ihre Coups sind nicht nur groß, sie sind auch Selbstläufer: Das Klima wandelt sich, die Bevölkerung wächst und die Finanzen kriseln. Was soll man da noch groß tun?

Auf einmal steht Gott auf der Schwelle

Doch plötzlich wird mit einem Rumms die Tür eingetreten. Auf der Schwelle steht Gott. Zugegeben, Gott ist ein eher umstrittener Superheld. Aber Allmacht schafft eben Neider. Außerdem ist Gott der Vorläufer aller anderen Superhelden. Er hat die Ohren von Batman, die Füße von Frodo Beutlin, die Vielköpfigkeit der Hydra, die Hautfarbe der Turtles, die Augen von Sailor Moon und die Zähne des bösen Wolfs, damit er uns alle fressen kann, falls wir ihm zu sehr auf die Nerven gehen. Seine Gesamterscheinung ist demnach alles andere als ästhetisch, weshalb er auch recht früh auf die Idee kam, sich Bildnisse seiner Person zu verbitten. Ein Superheld ohne dazugehörigen Comic also. Schwierig. Vor allem schwierig zu verfilmen.

Gott jedenfalls steht nun auf besagter Hinterzimmertürschwelle und tätigt einen siegesgewissen Ausruf, der sogleich in schwarzumrandeten Sprechblasen erscheint: „Gleich gibt’s was, ihr Lausbuben!“ oder „Ach du liebes Lottchen, euch werde ich die Leviten lesen!“. Fanfarenklänge erklingen, stattliche Scheinwerfer, von denen niemand weiß, woher sie plötzlich kommen, lassen ihn von hinten erstrahlen, und die drei Bösewichte fallen vor Schreck tot um.

Das wäre moderne Superhelden-Problemlösung, wie sie im Comicbuche steht. Aber warum Gott?

Weil er es kann

Erstens: Weil er die Welt und damit ihre Probleme selbst erschaffen hat. Und man soll ja bekanntlich seine eigene Suppe ausbügeln.

Zweitens: Weil er selbst ein Problem ist. Vielleicht sogar das größte von allen. Im Namen von niemandem sonst wurden so viele Kriege geführt und Menschen gefoltert, und das, obwohl er wahrscheinlich gar nicht existiert.

Drittens: Weil er es kann. Und zwar als Einziger. Natürlich könnten Superman, Hulk oder Hellboy den Klimawandel zerquetschen, wenn dieser nur einen Körper hätte, der sich zerquetschen ließe. Hat er aber nicht. Soll Hulk hinter Autos herhüpfen und mit seinen Riesenpranken das CO₂ aus der Luft fischen? – Natürlich sollte er, nicht zuletzt, weil es ein hübsches Bild abgäbe. Aber nutzen würde es wohl kaum. Hellboy könnte die Autos von den Straßen fischen und zu Blechkugeln zerdrücken, mit denen er dann in der Fußgängerzone Bowling spielt. Wieder ein hübsches Bild, aber ändern würde auch das nichts. Superman könnte alle Fabriken dieser Welt zu Asche verglühen lassen. Es würde nichts bringen. Wir wären dumm genug, sie alle wieder aufzubauen.

Gott hingegen könnte seinen Turbo-Boost-Super-Gummihammer zur Hand nehmen und damit jedem einzelnen Menschen, jedem korrupten Politiker, Bankster, Lobbyisten und Diktator der Welt den berühmten leichten Klaps auf den Hinterkopf geben. Ich gebe zu, einen spannenden Film gäbe es nicht her. Aber wenn irgendeiner helfen könnte, dann er.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Tommy Finke.

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 1/2013 des The European enthalten.

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