Ich würde mich schämen, wenn wir in der Krise Staatsgeld annehmen würden. Josef Ackermann

„Selbstlos und grauenvoll zugleich“

Der Schauspieler Sam Rockwell brilliert im Kinofilm 7 Psychos. Mit Martin Eiermann sprach er über Wut im Alltag, das Gähnen, deutsche Frauen und kürt seinen James-Bond-Favoriten.

The European: Was macht mehr Spaß: Einen sympathischen Typen zu spielen oder einen Psychopathen? Oder einen sympathischen Psychopathen?
Rockwell: Es macht Spaß, Typen zu spielen, die Regeln brechen. Es macht Spaß, den Anarcho zu spielen – egal, ob sympathisch oder nicht. Der einzige Grund, eine Figur reizvoll erscheinen zu lassen ist, dass man das Publikum mit auf eine Reise nehmen will. Der Zuschauer soll Interesse an der Figur haben. Dazu muss sie aber nicht sympathisch sein.

The European: Warum macht es mehr Spaß, den Anarcho zu spielen?
Rockwell: Weil da die interessanten Geschichten zu finden sind. Die Menschen mögen eben Gesetzlosigkeit – man kann das nicht erklären. Jeder möchte ein Regelbrecher sein. Ich weiß nicht, ob das für die Gesellschaft immer hilfreich ist, aber Kerle finden das reizvoll – speziell junge Männer.

The European: Besonders faszinieren uns oftmals Figuren, die nicht einfach als Bösewichte auftreten und verwerfliche Dinge anstellen, sondern die böse sind auf eine fast schon übernatürliche Art. Anton Chigurh in „No Country for Old Men“ zum Beispiel.
Rockwell: Das sitzt ganz tief in uns drin, das ist so ein Höhlenmenschen-Ding. Wir springen auf Testosteron an. Das ist auch der Grund, warum James Bond so ein verdammter Rockstar ist – speziell der von Daniel Craig.

„Daniel Craig ist verdammt großartig“

The European: Ist er der größte James Bond aller Zeiten?
Rockwell: Ich denke, Daniel Craig und Sean Connery sind wahrscheinlich die beiden besten. Craig ist verdammt großartig.

The European: Sein James Bond ist sehr instinktiv.
Rockwell: Genau. Er ist sehr instinktiv und sehr männlich.

The European: Haben Sie einen Lieblings-Filmpsychopathen?
Rockwell: Ich mag Hannibal Lecter. Christopher Walken in „True Romance“ war sehr gut. Er hat ein paar gute Psychopathen gespielt. Gary Oldman auch. Robert De Niro und Robert Mitchum waren gut in „Cape Fear“. Mitchum war auch gut in „Night of the Hunter“. Kathy Bates in „Misery“, sie gehört wahrscheinlich zu den Besten.

The European: Macht es einen Unterschied, ob ein Psychopath männlich oder weiblich ist?
Rockwell: Kathy Bates war ziemlich freaky. Bei ihr bin ich fast durchgedreht. Die Hölle selbst kann nicht so wütend sein wie eine verschmähte Frau, wie man so schön sagt.

The European: Sie haben in einigen schwarzen Komödien oder Satiren mitgespielt: „Choke“, „Moon“ und jetzt „Seven Psychos“ …
Rockwell: Es macht wirklich Spaß, solche Filme zu machen. „Choke“ hatte einen sehr hämischen Unterton, das machte viel Spaß. Ich habe in dem Film einen großartigen Misanthropen gespielt, einen Rebellen mit einer gewissen “Fuck You”-Einstellung gegenüber der Gesellschaft.

The European: Manche Ihrer Filme haben Kultstatus entwickelt. Kann man das planen oder passiert einem das einfach?
Rockwell: Es ist einfach passiert. Als Schauspieler greift man immer nach den Sternen und sucht den kommerziellen Erfolg und den Erfolg beim Publikum. Aber man weiß nicht, ob er kommt oder wann er kommt. So etwas kann man nicht erklären. Ich war in sehr kommerziellen Filmen wie „Iron Man 2“ oder „Drei Engel für Charlie“, aber ich war auch in kleinen Filmen, auf die ich sehr stolz bin: „Snow Angels“ oder „Joshua“ zum Beispiel.

The European: Chris Walken hat einmal gesagt, dass er selten Drehbücher ablehnt. Sind Sie ein wählerischer Schauspieler?
Rockwell: Man versucht wählerisch zu sein, aber schlussendlich muss man auch einfach zur Arbeit gehen. Manchmal macht man Dinge, vor denen man sich fürchtet – ich habe mich zum Beispiel vor „Moon“ gefürchtet, aber es wurde großartig. Manchmal hat man einfach Glück.

„Jeder von uns kann einen psychopathischen Augenblick haben“

The European: Die Neigung zum Gähnen korreliert anscheinend mit Empathie, und Empathie wiederum korreliert negativ mit psychopathischen Neigungen. Sind Sie ein großer Gähner?
Rockwell: Ist das wahr? Ich gähne viel, wenn ich müde bin und wenn ich versuche, mehr Sauerstoff zu bekommen. Ich atme nicht genug. Aber Wissenschaftler denken, man ist ein Psychopath, wenn man nicht viel gähnt?

The European: Das geht auch auf die Höhlenmenschen zurück. Gähnen hatte eine soziale Komponente: Wenn der Stammesälteste gähnte, wusste jeder, dass es Zeit fürs Bett war und begann auch zu gähnen. Und wenn man diese sozialen Verhaltensweisen nicht richtig einordnen kann, dann kann das ein Zeichen sein, dass man vielleicht einen Psychologen aufsuchen sollte.
Rockwell: Und wenn man gähnt, sollte man wahrscheinlich versuchen, mehr Sauerstoff zu bekommen. Gähnen ist gut, es gibt nichts Schlechtes daran.

The European: Glauben Sie, dass in jedem von uns ein kleiner Psychopath steckt, eine grundlegende Neigung, böse zu sein oder Böses zu tun?
Rockwell: Wir können alle ausrasten. Wenn es regnet und die Leute ihre Regenschirme aufklappen, passen sie manchmal nicht auf, wenn sie damit an anderen vorbeigehen. Da steckt eine gewisse Portion Narzissmus drin: Es wäre so einfach, den Regenschirm etwas anzuheben oder ihn zu kippen, damit man ihn anderen nicht über den Kopf zieht – das ist eine selbstverständliche Höflichkeit. Wenn man müde ist, kann einen so etwas an den Rand des Wahnsinns bringen. Dann möchte man am liebsten jemanden dafür grün und blau schlagen. In Los Angeles nennt man das „Road Rage“. Jeder von uns kann einen psychopathischen Augenblick haben oder könnte zumindest einen solchen Moment haben wollen.

The European: Erwarten Sie von Menschen das Beste oder das Schlimmste?
Rockwell: Eine Mischung aus beidem. Menschen sind gut, aber egoistisch. Wir sind mitfühlend, aber wir haben auch einen starken Überlebenstrieb. Das ist ein natürlicher Instinkt. Wenn man eine selbstlose und heroische Tat erlebt, ist das ein kleines Wunder, weil es nicht unserem natürlichen Instinkt entspricht, heldenhaft zu sein.

The European: Denken Sie an jemanden Bestimmten?
Rockwell: Der Pilot, der das Flugzeug im Hudson River landete oder der Typ, der in New York auf die U-Bahn-Gleise sprang, um jemand herauszuziehen. Erinnern Sie sich daran? Er war ein einfacher Kerl, der nicht lange nachdachte, um jemanden von den Schienen zu holen. Er hätte dabei selbst getötet werden können. Man hört das und denkt sich: „Wow“. Ich hatte Momente, in denen ich mich selbst überrascht habe und etwas für andere getan habe. Und ich hatte auch Momente, in denen ich ziemlich eigennützig war und nicht die richtige Entscheidung getroffen haben.

The European: Geben Sie mir ein Beispiel für den Helden Sam Rockwell.
Rockwell: Ich half vor ein paar Wochen einer alten Dame über die Straße. Ich habe nicht versucht, nett zu sein. Sie stand einfach da und brauchte jemanden, der ihr hilft und ich war eben da. Es war selbstverständlich, das zu tun. Aber es gibt auch Momente, in denen ich für diesen Scheiß keine Zeit habe. Es hängt davon ob, wo man ist. Hält man den Aufzug für jemanden auf oder lässt man die Türen zufahren? Ich habe beides schon gemacht.

The European: Der Film “Seven Psychos” hat eine gute Portion religiöser Symbolik, mit der die Figuren sehr unterschiedlich umgehen. Ihre Figur Billy steht dem Ganzen sehr abschätzig gegenüber, Chris Walkens Figur ist tief bewegt von Gedanken an ein Leben nach dem Tod. Glauben Sie an Himmel und Hölle?
Rockwell: Nicht wirklich. Ich denke, die Symbolik im Film ist das Ergebnis der irisch-katholischen Schuldgefühle von Martin [McDonagh].

The European: Wenn ich an Psychopathen denke, dann denke ich nicht unbedingt an religiöse Menschen. Aber vielleicht macht es gerade dann Sinn, sich auf transzendente Autoritäten zu berufen: Wenn die eigene Existenz so gestört ist, kann eine höhere Instanz Halt bieten.
Rockwell: Genau. Oder man denkt, man selbst sei die letzte Instanz. Die Figuren gehen sehr unterschiedlich mit Religion um.

„Ich weiß nicht, ob man nur mit Logik Kunst machen kann“

The European: Es gibt eine Zeile im Film, wenn Ihre Figuren über das fiktive Drehbuch sprechen, an dem sie gerade arbeiten und jemand sagt: „Oh Mann, das ist verdammt vielschichtig.“ Wir haben die erste Schicht: die schwarze Komödie. Was ist die nächste Schicht?
Rockwell: Der Film hat eine gewisse Schärfe. Die Leute sagen, er sei „meta“. Ich weiß nicht mal genau, was „meta“ eigentlich bedeutet. Auf jeden Fall hat der Film ein philosophisches Element. In einer Szene werden wir Zeuge der Selbstverbrennung eines buddhistischen Mönchs. Die Szene bildet das berühmte Foto aus Vietnam nach. Ich glaube, das ist ein tiefgründiger Moment.

The European: Es ist ein Bild, das die meisten sehr gut kennen.
Rockwell: Ja, es ist uns allen geläufig. Und bei Martin [McDonagh] steckt viel Psychologie dahinter. Der Akt der Selbstverbrennung ist enorm gewaltsam, aber er nimmt diesen Akt und dreht ihn um in eine selbstlose Tat zum Protest gegen Gewalt. Ein Akt, der von einem großen Zorn und einer tiefen Wut gegenüber der Gewalt auf der Welt motiviert ist. Das ist ein sehr interessantes Konzept: Seine eigene Wut zu nehmen, sie nach außen zu richten und sie für etwas Positives zu verwenden, für etwas sehr Selbstloses und zugleich Grauenvolles. Und die Tatsache, dass das wirklich so passiert ist, macht es noch bedeutender. Das bleibt im Kopf, und zeigt, wie tiefgründig Martin über solche Szenen nachdenkt.

The European: Harmonie und Kunst passen nicht unbedingt zusammen. Kreative Projekte scheinen oftmals von großem Schmerzen getrieben, oder zumindest von sehr intensiven emotionalen Reaktionen auf die Welt. Und es ist gut, dass diese Reaktion nicht nur Liebe ist, sonst könnte man wahrscheinlich irgendwann nur noch Liebesfilme drehen.
Rockwell: Das ist richtig. Die Vulkanier aus dem „Star Trek“-Universum stehen nicht für große Kunst – für sie gibt es nur Logik. Ich weiß nicht, ob man nur mit Logik Kunst machen kann. Man braucht utopische Träume, nur mit Logik funktioniert es nicht.

The European: Im Film gibt es eine Szene, in der Ihre Figur sagt: „Die Spanier haben ihre Stierkämpfe, die Franzosen haben ihren Käse und die Iren haben ihren Alkoholismus.“ Was haben die Amerikaner?
Rockwell: Sie haben Toleranz. Das wird im Film gesagt.

The European: Was haben die Deutschen?
Rockwell: Gutes Bier.

The European: Gutes Brot.
Rockwell: Stimmt.

The European: Frauen?
Rockwell: Oh Yeah. Helga. Absolut großartige Frauen. Ziemlich heiß. Heidi Klum ist Deutsche, oder? Sie ist unglaublich. Ich habe sie einmal in Berlin getroffen.

The European: Gute Stadt?
Rockwell: Es war nett. Ich war für die Berlinale dort, hatte aber kaum die Möglichkeit viel von der Stadt zu sehen.

Übersetzung aus dem Englischen.

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