Europa hat viele Väter und Mütter. Johannes Rau

Blanker Wahnsinn

Ein Militärschlag gegen den Iran würde den Arabischen Frühling gefährden und Teile der Region in Brand setzen. Obwohl die militärische Option völlig unnötig und unsinnig ist, verfallen viele Politiker in den USA und Europa dieser Idee.

Seit knapp zwei Wochen wird nun beinahe täglich über einen möglichen Militärschlag der USA und/oder Israels gegen Iran diskutiert. In Israel befeuerten die Äußerungen Benjamin Netanjahus und Schimon Peres’ die Diskussion, die inzwischen auch in den USA und Europa zum Teil martialisch fortgeführt wird. Zahlreiche von „regierungsnahen Quellen“ informierte Medien weckten den Eindruck, dass die militärische Option, das iranische Atomprogramm zu beenden, immer wahrscheinlicher werden würde.

Aber warum sollte irgendjemand zum jetzigen Zeitpunkt ernsthaft in Erwägung ziehen, einen Militärschlag gegen den Iran auszuführen? Würde das nicht große Teile der Region in Brand setzen und den Arabischen Frühling aufs Spiel setzen? Würden Israel und die USA dadurch nicht noch viel mehr Verachtung und Hass gegen sich selbst säen und damit gegen ihre eigenen Interessen handeln? Und vor allem: Wäre ein solches Vorgehen nicht ohnehin schlicht völlig unnötig?

Verheerende Folgen für den arabischen Raum

Ein Angriff Irans durch die USA und Israel hätte verheerende Folgen für die Region: Autoritäre Golfstaaten wie Saudi-Arabien oder Bahrain, allesamt verfeindet mit Iran, würden mit hoher Wahrscheinlichkeit in militärische Auseinandersetzungen mit dem Iran hineingezogen werden – nicht zuletzt weil sich dort amerikanische Militärbasen befinden, die Ziel iranischer Angriffe werden würden. Jegliches weitere demokratische Aufbegehren in diesen Staaten würde schließlich im Keim erstickt werden, da es die dortigen Herrscher bisher gut verstanden haben, die ohnehin kleinen Demokratiebewegungen als von Iran gesteuert zu delegitimieren.

Auch im ägyptischen Militärrat würden sich im Falle eines Angriffs auf Iran sicher viele Generäle die Hände reiben. Es ist kein Geheimnis mehr, dass dieser versucht, seine Machtstellung zu zementieren, und nicht nach mehr Demokratie strebt. Auch ohne direkte Einbindung würde sich eine starke Hand an der Spitze des Staates „in solch gefährlichen Zeiten“ angesichts israelischer Aggression gut in der Bevölkerung verkaufen lassen.

Ebenso würde das syrische Regime, der Verbündete Irans, gestärkt werden: es würde die innenpolitische Diskussion weg von der brutalen Niederschlagung der Demokratiebewegung hin zu Israels militärischer Aggression lenken. Politisch Unentschlossene würden wieder mehr der Propaganda Assads verfallen. Wegen der Gräueltaten des Regimes würden diese Effekte zwar geringer ausfallen als noch vor einem Jahr, wirken würden sie dennoch.

Aber nicht nur kriegerische Auseinandersetzungen und ein rascher Saisonwechsel hin zu einem „Arabischen Herbst“ wären wahrscheinlich. Auch die langfristigen Folgen für Israel und die USA wären verheerend: Für die meisten Menschen der Region (einige wenige am Golf ausgenommen) wären sie einmal mehr entlarvt als Staaten, die ihre Interessen mit militärischer Gewalt durchsetzen und die sich nicht um Demokratie und Menschenrechte scheren, sobald sie nicht mit ihren Interessen vereinbar sind. Der Hass auf die USA und Israel würde noch mehr zunehmen, ihre Glaubwürdigkeit noch weiter abstürzen und über den sogenannten Friedensprozess bräuchte man auch nicht mehr sprechen.

Auch die Doppelmoral dieser Staaten würde wieder Gesprächsstoff auf den Straßen der Region sein: Wie soll man den Menschen erklären, dass Nordkorea, Pakistan und Israel Atomwaffen haben dürfen, Iran aber nicht? Sind Kim Jong Il und pakistanische Taliban weniger unberechenbar und gefährlich als Ahmadinedschad & Co.? Und warum darf Israel, dessen Regierungen über drei Millionen palästinensische Flüchtlinge zu verantworten haben und die Menschenrechte der noch verbliebenen Palästinenser seit Jahrzehnten mit Füßen treten, über Atomwaffen verfügen? Das ist den in der Region lebenden Menschen schlicht nicht vermittelbar.

Ein Atomkrieg bedeutet das Ende Israels

Aber selbst wenn man all diese Aspekte ausblendet: Ein umfassender Atomschlag Irans gegen Israel hätte die Zerstörung und Verstrahlung dieses kleinen Landes zur Folge – Jerusalem, die drittheiligste Stätte im Islam, inklusive. Das kann selbst ein verrückter Islamist nicht wollen. Ein zu schwacher Atomschlag hingegen hätte zwangsläufig einen umfangreichen atomaren Gegenangriff Israels zur Folge – und bei all dem sprechen wir noch gar nicht von der Reaktion der USA.

Zusammengefasst: Selbst wenn der Iran eine Atombombe hätte, wäre ihr Einsatz völliger Unsinn: Er hätte in jedem Fall einen massiven Gegenschlag (durch Israel oder die USA) zur Folge, er würde heiliges Land auf Jahrzehnte verstrahlen und viele Palästinenser töten.

Warum in aller Welt würde also ernsthaft jemand mit gesundem Menschenverstand erwägen, einen Militärschlag gegen das iranische Atomprogramm auszuführen? Die Antwort fällt kurz aus: entweder der gesunde Menschenverstand fehlt oder die Erwägungen sind gar nicht so ernst gemeint und haben andere Ziele, wie z.B. die Zustimmung zu noch schärferen Sanktionen. So weit zu gehen, Israels Regierung die Niedertracht zu unterstellen, gegen einen demokratischen Nahen/Mittleren Osten zu sein, um sich so vor dem Willen neuerdings einflussreicher arabischer Bevölkerungen zu schützen, und deshalb das iranische Atomprogramm zum Vorwand zu nehmen, den Arabischen Frühling zu torpedieren, möchte ich nicht.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    Will Tanner – 16.11.2011 - 09:28

    Ist das jetzt die neue Bluthilde-Kolumne? Weil ein Atomschlag des Iran das böse Israel, das millionenfachen Völkermord an den Palästinensern begeht (und das man deshalb in eine Reihe mit Nordkorea und Pakistan stellen muss), endlich auslöschen würde, darf man ihn nicht angreifen, um ihn im Vorfeld daran zu hindern. Eigentlich logisch. Das Münchener Abkommen war ja auch die intellektuelle europäische und damit richtige Vorgehensweise gegen Hitler. Man hätte ihn nie angreifen dürfen, weil der Zweite Weltkrieg 55 Millionen Todesopfer gefordert hat.

    Dieser Beitrag ist selbst für den doitschen Qualitätsjournalismus ein kaum je zuvor gekannter Kraftakt. Die “Deutsche Stimme” sieht ihn zwar mit einem weinenden Auge, weil sie Abonnenten verlieen dürfte, wenn man auf “The European” ihre Inhalte auch gratis lesen kann, aber es dürften viele Menschen in den USA und Israel jetzt Deutsch lernen, damit sie auch die Beiträge heimischer Qualitätsjournalisten und Kommentatoren wie Matthias Sailer lesen können.

    Ich bin mir sicher: Eines Tages werden sich die noch verbliebenen Holocaust-Überlebenden noch bei Matthias Sailer persönlich für Auschwitz entschuldigen.

  • Theeuropean-placeholder
    Witzig – 16.11.2011 - 12:12

    @ Will Tanner: Man kann Ihnen nur zustimmen. Chapeau.

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    Marion – 16.11.2011 - 16:05

    Ohne ausführlich auf die reflexartige Antisemismusrhetorik eingehen zu wollen und zu müßen, frage ich mich was Kritik an der Politik Israels (also eines Staates!) mit Antisemitismus und was Iran mit Nazideutschland zu tun haben. Etwas mehr Sachlichkeit täte der Argumentation ebenfalls gut.

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    Christian Rogler – 16.11.2011 - 21:21

    Es kommt ganz darauf, ob bei der Kritik des Staates gelogen wird. Und das geschieht hier. Israel tritt mitnichten “seit Jahrzehnten die Rechte von Palästinensern mit Füßen”, arabische Israelis haben in Israel alle Bürgerrechte und mehr Freiheiten als in allen arabischen Ländern. Es hat lediglich kein Israeli – ob Jude, Christ, Araber, Atheist, Agnostiker, Bahai oder was auch immer – das Recht, sich in voll besetzten Schulbussen in die Luft zu sprengen oder mit Kalaschnikows friedliche Pizzeriabesucher oder Menschen auf Marktplätzen niederzumähen. Und von Flüchtlingen zu sprechen, die Israel zu verantworten hätte, ohne darauf einzugehen, dass Israel zwei Mal von allen Nachbarländern gemeinsam angegriffen wurde und dass bei dieser Gelegenheit fast die komplette jüdische Bevölkerung dieser Länder vertrieben wurde, dafür gibt es nur zwei Erklärungen: 1. Entweder weiß es der Autor nicht besser, dann sollte er aber mit arroganten Schuldzuweisungen etwas vorsichtiger sein oder 2. Er weiß es besser, dann aber kann es keinen anderen Grund für seine Aussagen geben als ein tief sitzendes antisemitisches Ressentiment.

    Was der Iran mit Nazideutschland zu tun hat? Nun ja, Letzteres verfügte über ein Staatsoberhaupt, das über Jahrzehnte hinweg die Ausrottung des Judentums ankündigte und – sobald er die Gelegenheit dazu hatte – diese auch in Angriff nahm. Der Iran verfügt über ein Staatsoberhaupt, das seit Jahr und Tag droht, Israel – und damit die Heimstätte der Juden – von der Landkarte zu radieren. Dass er die Einwohner dabei unangetastet lassen würde, glauben wohl nicht mal Sie!

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    Jens – 17.11.2011 - 00:05

    Kein seriöser Kenner der Situation der Palästinenser würde bestreiten, dass deren „Menschenrechte“ in Israel in der Tat „seit Jahrzehnten mit Füßen getreten werden“. Unzählige Studien von Menschenrechtsorganisationen lassen da keinerlei Spielraum für Zweifel. Wir wollen mal nicht vergessen: Israel besetzt seit Jahrzehnten illegal unter Verletzung unzähliger UN-Resolutionen fremdes Staatsgebiet!

    Und selbstverständlich hat niemand das Recht, Terroranschläge auszuüben, aber das wurde soweit ich mich erinnere auch nirgendwo im Text behauptet, weshalb also diese ganze Pseudo-Diskussion!?

    Und noch absurder ist es, zu versuchen herauszufinden, wann wer angefangen hat. Schäbig aber ist es, die systematischen Menschenrechtsverletzungen gegen die Palästinenser hier mit Vertreibungen von Juden durch andere Staaten zu rechtfertigen. Frei nach dem Motto: da sind in einem anderen Land Juden vertrieben worden, deshalb verletzen wir die Menschenrechte der Palästinenser in den besetzten Gebieten. Diese Logik ist nicht nur falsch, sondern sie ist menschenverachtend.

    Aber die Krönung ist, dem Autor hier Antisemitismus zu unterstellen, nur weil er sich kritisch über israelische Politik äußert! Hier wird klar definierte Politik des israelischen Staates kritisiert und nicht das Judentum. Diesen billigen Trick, um Kritik am Handeln des israelischen Staates zu unterdrücken, sollte langsam auch in Deutschland jeder durchschaut haben.

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    Christian Rogler – 17.11.2011 - 07:25

    Welchem Staat gehört denn das “fremde Gebiet”? Und warum wurde es besetzt? Und wer finanziert denn die “Menschenrechtsorganisationen”, die ständig gegen Israel hetzen? Wie viele der “kritischen Journalisten” oder “Beobachter” schreiben von ihrer mondänen Hotelanlage mit Pool in Tel Aviv aus, ohne jemals auch nur am Ort des Geschehens gewesen zu sein, über das sie berichten?

    Sie lügen, Jens. Auf dieser Basis ist keine sinnvolle Debatte möglich. In Israel werden keine Menschenrechte verletzt und dort, wo dies jemals der Fall sein sollte, wird dies wie in jeder freiheitlichen Demokratie von unabhängigen Gerichten oder Militärgerichten streng geahndet. Das Land verteidigt nur die Sicherheit seiner Bürger vor Terror und aggressiven Nachbarstaaten – egal ob es Juden, Araber, Muslime, Christen, Ba’hai, Agnostiker, Atheisten, Homosexuelle sind, denn alle diese Menschen leben in Israel in Freiheit.

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    Jens – 17.11.2011 - 10:29

    …und morgen kommt der Weihnachtsmann.

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    saarfregatt – 16.11.2011 - 10:50

    Wie auch im Tagesspiegel Herr Sailer, trauen sie sich nicht das Kind beim Namen zu nennnen. Es ist doch den USA und Isreal egal ob sie an Glaubwürdigkeit verlieren, sie besitzen eh keine mehr. Die USA brauchen einen Krieg um aus ihrer katastrophalen Wirtschaftslage zu kommen. Ebenso will das Militär die geplanten Haushaltskürzungen nicht hinnehmen. Israel befürchtet seine Vormachtstellung als einzige Atommacht der Region zu verlieren und so nicht mehr schalten und walten zu können wie es will. Sicherlich ist ihre Begründung, was gegen einen Atomangriff des Irans gegen Israel spricht richtig. Aber solche Überlegungen werden keine Rolle spielen wenn es a. um die Wirtschaft der USA geht und b. den Absolutismus Israels in Nah Ost.

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    ludwig – 16.11.2011 - 11:30

    Grade der gesunde Menschenverstand hört, was die Machthaber Irans fordern (Vernichtung Israels) und sieht, dass sie jeden Preis dafür zahlen würden, mit eigenen Bürgern wie mit den Bewohnern in und um Israel. Ein Iran mit Atombombe wird diese nutzen.

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    Karl Heger – 16.11.2011 - 22:32

    zunächst stellt sich doch die frage, was das sein soll: der “arabische frühling”? und warum sollte iran, dass ja nun die bombe will, diese nicht per luftpost zugestellt werden?
    vielleicht sollte man dem autor vermitteln, dass es bei den revolten in islamischen raum nicht um eine demokratisierung geht, sondern um den austausch (semi-)säkularer regime, durch religiöse. es geht folglich nicht um selbstbestimmte individuen, die sich in meinungsbildungsprozessen zu bestimmten normen, gesetzen … bekennen. den eins steht fest, als moslem bzw. als araber mit sinn fürs traditionelle wird es ihm immer um autorität und nicht um die abgrenzung davon gehen.
    es ist eben keine revolution was dort stattfindet. denn das würde bedeuten dass man mit traditionen bricht, dass man die väter stürzt, die mullahs und vorbeter, die “gelehrten” und alles was die alte ordnung präsentiert. und dass man (so es sich um eine demokratische revolution handeln soll) der religion einem platz im privaten zuweist. doch das wird nicht passieren. vielmehr werden archaische muster reaktiviert, um den einzigen moderneschub zurück zu schrauben den die arabische welt je erlebt hat. wer wird denn in lybien nach gaddafi, in syrien nach assad und in ägypten nach mubarak die politik bestimmen, wenn es nicht das millitär tut? – ich glaube selbst dem gutgläubigsten mitteleuropäer ist klar, dass dies nicht säkulare, pluralistisch orientierte eliten, oder einfach nur simple demokraten sein werden. ALSO: hören wir doch auf uns die augen mit diesem “arabischen-frühlings”-geschwätz zu verkleistern und sorgen wir dafür, dass der iran NIE die bombe selbst baut, die er so gern auf tel aviv, new york oder berlin werfen würde.

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    nadine – 17.11.2011 - 09:28

    Wow- kaum beschäftigt sich ein Kommentar mit Israel und Iran darf sich der Leser an mindestens zwei unsachlichen und polemischen Kommentaren erfreuen. Da wird jeder Autor ganz schnell zum Antisemiten oder Zionisten. Also erstmal zurück zur eigentlichen Funktion des Kommentars: Ich glaube, dass Herr Sailer einen recht wichtigen Punkt aufgreift- ein Angriff könnte einen Flächenbrand auslösen und die gerade einsetzende Demokratisierung in der Region gefährden. Da stellt sich dann schon die Frage, warum der Iran gerade jetzt wieder zum Bösewicht wird…Kommen die Partikularinteressen Israels vielleicht doch vor einer Verbreitung von Demokratie… Wer weiß denn so genau welche Israel-Politik demokratisch gewählte Regierungen in der Region so verfolgen würden- eine ruhige Grenze (wie sie Mubarak und-trotz aller Rhetorik- Assad sichergestellt haben) ohne politische Zugeständnisse Israels wäre dann natürlich fraglich… Interessensgeleitete Politik-ein guter Punkt: Trauen wir den Machthabern im Iran bei aller anti-israelischen Rhetorik keine eigenen Interessen zu? Der Besitz einer Atombombe würde ihnen die Sicherheit vor einem israelischen oder amerikanischen Angriff geben- sie zu nutzen wäre reiner Selbstmord. Selbst wenn ihnen die eigene Bevölkerung egal ist, die eigene Machtposition dürfte es nicht sein. Bestes Beispiel: 40 Jahre Assad,-40 Jahre antiisraelische Rhetorik und kein einziger Schuss am Golan!

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