Zeit ist nur knapp im Verhältnis zu den Vorhaben. Rüdiger Safranski

Die Oktoberrevolution als Chance

Mit der Parole für „Brot, Land und Frieden“ gelang es Lenin 1917, große Teile der Bevölkerung für einen radikalen Bruch mit einem überkommenen Feudalsystem zu gewinnen. Der Kapitalismus – auch in wenig entwickelter Form – als Quelle furchtbarer Krisen und imperialistischer Kriege sollte überwunden werden. Die Oktoberrevolution hat eine Chance gegeben, eine andere Gesellschaftsordnung aufzubauen.

Sahra Wagenknecht, Vorsitzende der Fraktion DIE LINKE im Bundestag, ordnet die Oktoberrevolution ein:

Am 7. November jährt sich der Beginn der Oktoberrevolution zum hundertsten Mal. Wie die Durchsetzung der Menschenrechte bei der Französischen Revolution, so ist die Lösung der sozialen Frage heute das Unabgegoltene der Russischen Revolution. Mit der Parole für „Brot, Land und Frieden“ gelang es Lenin 1917, große Teile der Bevölkerung für einen radikalen Bruch mit einem überkommenen Feudalsystem zu gewinnen. Der Kapitalismus – auch in seiner wenig entwickelten Form in Russland – als Quelle furchtbarer Krisen und imperialistischer Kriege sollte überwunden werden.

Das Scheitern des sozialistischen Versuchs war jedoch vorprogrammiert, als es nicht gelang, den Aufbau rechtsstaatlicher Sicherungen gegen Willkür und Staatsgewalt, wie auch die Garantie fundamentaler Menschenrechte zu organisieren. Rosa Luxemburgs Forderung, dass innerhalb der sozialistischen Umgestaltung Freiheit als Freiheit für den Andersdenkenden den Raum für demokratische Erneuerung schaffen sollte, blieb ungehört und unerfüllt.

Heute, 100 Jahre nach der russischen Revolution, hat sich die soziale Frage im Weltmaßstab bis ins Groteske zugespitzt. Die Armen werden immer zahlreicher, während die Reichen immer reicher werden. (…) Kapitalismus heute heißt wachsende soziale Ungerechtigkeit, verstärkte Krisenanfälligkeit und Krieg um Ressourcen und Märkte im Interesse von Großkonzernen. Immer massivere Entrechtung der Mehrheit der Bevölkerung ist das Zeichen unserer Zeit: zum einen durch die Ausbeutung der Ware Arbeitskraft, die vielen nicht einmal mehr einen ausreichenden Lebensunterhalt sichert, aber auch durch eine weit verbreitete und staatlich nicht sanktionierte kriminelle Praxis der Steuervermeidung und -hinterziehung der Reichen, wie sie jetzt wieder mit den Paradise Papers offenbar geworden ist. Diese Entwicklung untergräbt die Institutionen der westlichen Demokratie immer stärker.

Auch 100 Jahre nach der Oktoberrevolution steht die Lösung der immer drängenderen sozialen Frage noch aus. Korrupte Wirtschaftseliten und eine gekaufte Politik verhindern sozialen Fortschritt. Es ist Zeit, sich damit nicht länger abzufinden. Es ist Zeit für Widerstand – für eine neue Wirtschaftsordnung im Interesse der Vielen und nicht der Wenigen.

Soweit Sahra Wagenknecht auf dem Portal ihrer Bundestagsfraktion.

Redaktion The European: ein passendes Fundstück

Dietmar Bartsch, Wagenknechts Kollege im Fraktionsvorstand, möchte die Oktoberrevolution mit differenziertem Blick betrachten.

Der Lenin’sche Umsturz, so Bartsch, sei „ein Ereingnis, das ein ganzes Jahrhundert geprägt habe. Es sei eine Chance gewesen, den bis daher (sic!) herrschenden Kapitalismus nicht nur zu überdenken, sondern ein andere Gesellschaftsordnung aufzubauen.“ Der Redaktion scheint es wichtig, festzuhalten: Von Millionen Todesopfern, von unendlicher Unterdrückung und von millionenfachem Leid erfahren wir bei Bartsch nichts. Stattdessen: „Es ist richtig, auch heute einen differnzierten Blick auf die Entwicklungsrichtungen zu werfen, die danach gegangen worden sind.“ Nicht etwa Terror, nicht Gulag, nicht Völkermord, sondern vielmehr „Entwicklungsrichtungen“ – nota bene. In der Sichtweise historischer Ereignisse scheint zwischen Bartsch und Wagenknecht nicht einmal die Dünndruckausgabe des Marx’schen „Kapitals“ hindurchzupassen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Adorján F. Kovács, Michael Lausberg, Rainer Zitelmann.

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