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Der geografische Begriff des Nahen Ostens ist unscharf – je nach Interessenlage bezeichnet er eine andere Region. Jetzt wäre die Zeit, ihn über Bord zu werfen.

Ich mag keine Labels und Stereotypen. Ein Label hat es mir im Besonderen angetan: die Idee des sogenannten „Nahen Ostens“. Das mag überraschen. Immerhin ist der Begriff in der internationalen Politik extrem geläufig. Aber das Problem wird leicht deutlich: Wenn man bei Google beispielsweise nach einer Karte von Europa sucht, erhält man Hunderte von Bildern, die alle die gleiche Gruppe von Ländern mit den gleichen Grenzen abbilden. Das Gleiche passiert, wenn man „USA“, „Asien“ oder „Afrika“ in das Suchfenster eingibt. Wer aber nach einer Karte des Nahen Ostens sucht, erhält ein Sammelsurium an Landkarten, die unterschiedliche Gebiete abbilden. Je nach Herkunft der Karte werden Länder wie Iran, Türkei oder Somalia dazugezählt – oder eben nicht.

Was also ist der Nahe Osten? Und worauf basiert unsere Klassifizierung? Die einzige Basis für den Begriff ist in den imperialistischen Fantasien der Vergangenheit zu finden. Das merkt man schon, wenn man fragt, was denn mit „Osten“ gemeint sei: Die beschriebene Region liegt östlich der Machtzentren in Europa und Amerika. Wenn die Welt im 21. Jahrhundert von China dominiert wird, liegt Ägypten dann plötzlich im Nahen Westen?

Die Definition des Begriffs folgte kolonialen Machtinteressen

Der Begriff wurde zum ersten Mal von Alfred Thayer Mahan im Jahr 1902 benutzt. Mahan veröffentlichte im Monatsmagazin „National Review“ in London einen Artikel mit der Überschrift „Internationale Beziehungen und der Persische Golf“. Der Autor sonnte sich damals im Licht der Auszeichnung, der „wichtigste amerikanische Stratege des 19. Jahrhunderts“ zu sein. Sein Argument war, dass der internationale Einfluss von Staaten direkt von der Schlagkraft ihrer Marine abhängt. Diese Denkweise hatte einen entscheidenden Einfluss auf die Rüstungspolitik der Kolonialmächte und erklärt das Marinewettrüsten der 1890er-Jahre.

Mahans „Naher Osten“ bezeichnete damals vor allem den Iran. Der Begriff wurde jedoch schnell von anderen aufgegriffen, unter anderem von Sir Valentine Ignatius Chirol, einem Journalisten, Autor, Geschichtswissenschaftler und britischen Diplomaten. Für seinen Beitrag zur britischen Außenpolitik wurde er im Jahr 1912 zum Ritter geschlagen. Chirol war ein entschiedener Verfechter des Imperialismus und glaubte, dass die beiden größten Gefahren für das britische Empire im Deutschen Reich und im arabischen Raum zu suchen seien. In seinem Buch „Das Problem des Nahen Ostens“ widmete er sich den Thesen von Alfred Mahan und weitete den Begriff deutlich aus. Außer Iran zählte er auch Persien, Irak, die Ostküste Arabiens, Afghanistan und Tibet zum Nahen Osten. Genau: Tibet, das Land im Himalaya. Die Definition des Begriffs folgte den kolonialen Machtinteressen der Briten.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Winston Churchill zum Chef der neuen Abteilung „Naher Osten“ des britischen Außenministeriums ernannt. Zu diesem Zeitpunkt umfasste die Definition bereits den Suez-Kanal, den Sinai, die arabische Halbinsel sowie die neu gegründeten Staaten Irak, Palästina und Transjordanien. Tibet und Afghanistan hatten die Briten fallen gelassen. Auch heute ist die Definition noch lebendig: Im vergangenen Jahrzehnt konnten wir beobachten, dass die Türkei versucht hat, sich weniger als Staat des Nahen Ostens, sondern vielmehr als europäische Nation zu etablieren.

Jetzt alte Begriffe über Bord werfen

Der Begriff des Nahen Ostens ist ein überaltertes, eurozentrisches, imperialistisches Konzept ohne formalen Inhalt. Daher ist es nur sinnvoll, den Begriff endlich ad acta zu legen – vor allem, da immer noch bestimmte Vorurteile über Menschen und Kultur der Region propagiert werden.

Als Ägypterin habe ich nichts dagegen, als Araberin bezeichnet zu werden (das ist die Sprache, die ich spreche), oder als Muslimin (das ist meine Religion), oder als Nordafrikanerin (das ist die geografische Gegend, in der ich lebe). Aber ich weigere mich, lediglich in Relation zu anderen Ländern oder als Objekt ihrer wirtschaftlichen und militärischen Interessen definiert zu werden. Die Idee des „Nahen Ostens“ ist komplett irrelevant für meine kulturelle und anthropologische Identität. Sie fungiert als Stereotyp, impliziert negative Assoziationen und umschreibt eine Kultur, die angeblich weniger entwickelt sei als die des Westens und daher auch weniger Respekt verdient.

Und auch Europäer sollten den Begriff zurückweisen: Was ist schon „der Westen“? Wenn der eine Begriff inhaltsleer ist, dann muss es der andere notwendigerweise auch sein. Aus diesem Teufelskreis sollten wir ausbrechen. Schuld tragen aber nicht nur diejenigen, die den Begriff ursprünglich geprägt haben. Auch meine Landsleute sollten umdenken. Wer es akzeptiert, in Stereotypen beschrieben zu werden, wird zum Teil des Problems.

Viele arabische Länder erleben aktuell einen immensen sozialen und politischen Umbruch. Gibt es eine bessere Zeit, um alte Begriffe über Bord zu werfen?

Übersetzt aus dem Englischen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Anna Fleischer, Hans-Heinrich Bass, Moshe Zimmermann.

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