Unsere Aufgabe ist nicht leicht, aber dieses Gericht wird die Welt verändern. Luis Moreno Ocampo

Kein Stimmvieh

Es gibt neben der Hoffnung viel Sorge im Ägypten vor der Wahl. Doch es gibt Grund für Optimismus: Das ägyptische Volk hat bewiesen, dass man ihm ein demokratisches Urteil zutrauen kann.

In wenigen Tagen werden wir Ägypter zu den Wahllokalen gehen, um dort zum ersten Mal in unserer langen Geschichte einen Präsidenten zu wählen. Fast jeder Führer der letzten 10.000 Jahre wurde von anderen bestimmt – angeblich zum Wohle des Volkes – oder durch die Wirren des Schicksals an die Macht gebracht.

Wir sind daher voller Vorfreude und auch voller Besorgnis. Das alte Regime sitzt immer noch fest im Sattel und ist sogar so dreist, zwei eigene Kandidaten aufzustellen. Revolutionäre Parteien sind damit beschäftigt, sich gegenseitig Wählerstimmen streitig zu machen. Die Frage ist also: Ist Ägypten auf die Demokratie vorbereitet? Werden Ägypter den „richtigen“ Präsidenten wählen oder sich von der Begeisterung und dem Mangel an Erfahrung zu kurzsichtigen Entscheidungen hinreißen lassen?

Das Gewicht eines Ochsen

Ich bin keine Politikerin – aber ich interessiere mich für menschliche Verhaltensweisen. Auf der Suche nach einer Antwort auf diese Fragen bin ich auf ein Experiment des britischen Wissenschaftlers Francis Galton aus dem frühen 20. Jahrhundert gestoßen. Galton glaubte, dass nur wenige auserwählte Personen in der Lage seien, eine Gesellschaft zu führen. Er hatte wenig Vertrauen in die Intelligenz des Durchschnittsbürgers und widmete seine Karriere dem Versuch, diese allgemeinen Defizite wissenschaftlich zu belegen.

Im Jahr 1906 ergab sich eine Gelegenheit dazu während einer Vieh-Ausstellung in einer ländlichen Region in England. Die Zuschauer – Metzger, Viehzüchter und das gemeine Publikum – versuchten, das Gewicht eines Ochsen nach der Schlachtung und Zerlegung zu schätzen. Galton zog eine Parallele zur Demokratie, wo Wahlstimmen von Menschen mit sehr unterschiedlichen Ansichten und Begabungen über das Schicksal der Kandidaten entscheiden. Er schrieb: „Der durchschnittliche Zuschauer ist wahrscheinlich genauso qualifiziert, das Gewicht des Ochsen zu schätzen, wie der durchschnittliche Wähler qualifiziert dafür ist, die politischen Vorzüge verschiedener Alternativen zu verstehen, über die er abstimmt.“ Der Tenor seiner Aussage: Der „Durchschnittswähler“ sei nicht dafür prädestiniert, eine korrekte Entscheidung zu treffen.

Galton notierte also die Schätzwerte aller Teilnehmer und errechnete danach den Durchschnittswert der Schätzungen. Er ging sicherlich davon aus, dass dieser Durchschnitt weit von der richtigen Schätzung entfernt sei, da es in jeder Gruppe schließlich viele Menschen mit durchschnittlicher Intelligenz und ein paar Dumme gäbe, die eine richtige Schätzung verhindern würden. Doch Galton hatte sich geirrt: Der errechnete Durchschnittswert lag bei 1.197 Pfund. Das wirkliche Gewicht: 1.198 Pfund. Die Schätzung war fast perfekt.

In Ägypten haben wir diese Erfahrung seit Januar 2011 oft gemacht. Während der 18 Tage auf dem Tahrir-Platz war es einfach umwerfend zu beobachten, dass die Masse der Menschen – die meisten davon fast ohne Ausbildung – klüger war als die klügsten Individuen. Ägypter waren selbstbewusst und motiviert, bereit zu Risiken, interessiert an Lösungen für spontan auftretende Probleme, inspirierend und effizient darin, den Wandel voranzutreiben. Und all das, ohne sich ihrer Begabungen bewusst zu sein.

Vertrauen in das Urteilsvermögen der Menschen

Während der Revolution, als das Volk frei und an der Macht war, sind die Menschen nicht zu primitiven Plünderern und Hooligans geworden, sondern haben 18 Tage lang an einer gemeinsamen Utopie gebaut. Vielen Menschen war das zivilisierte Verhalten auf den Tahrir-Platz vor der Revolution komplett fremd. Die Masse der Demonstranten war klüger und zivilisierter, als jeder Einzelne von uns es sein könnte – ganze 18 Tage lang. Nach dem Rücktritt Mubaraks haben Bürger freiwillig die Rolle des Staates übernommen, den Müll eingesammelt, den Verkehr geregelt und für öffentliche Sicherheit gesorgt. Auf einmal funktionierte Ägypten so, wie ein moderner Staat eigentlich funktionieren sollte. Mit einem Unterschied: Es gab keinen Staat – die Menschen waren der Staat! Für viele Ägypter war das eine absolut neue Erfahrung.

Wenn diese Dynamik sich inmitten einer Revolution entfalten kann, in einem Land mit 85 Millionen Einwohnern und 40 Millionen Analphabeten, dann kann sie sich auch heute wieder entfalten, wenn die meisten Menschen daran interessiert sind, eine bessere Zukunft auf Basis von Demokratie, Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit zu bauen. Dieses Interesse ist eine große Errungenschaft des vergangenen Jahres. Der Weg nach vorne ist, Demokratie nicht nur zu denken, sondern zu praktizieren: durch regelmäßige, freie Wahlen.

Vergessen wir nicht, was Galton nach seinem Experiment als Fazit niederschrieb: „Das Ergebnis deutet darauf hin, dass wir dem demokratischen Urteilsvermögen der Menschen stärker vertrauen können, als man hätte annehmen können.“

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Pepe Egger, Jörg Armbruster, Kristin Jankowski.

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