Wir verkörpern eine Botschaft, die nicht jedem gefällt: Niemand steht über dem Gesetz. Hans-Peter Kaul

Voll auf die Dreizehn

13 Nominierungen zu den MTV Video Music Awards 2010 sind Rekord, acht hat sie schließlich gewonnen: Mit Lady Gaga hat die Musikindustrie ihren vorläufigen Höhepunkt medialer Inszenierung erreicht. Sie ist die perfekte Symbiose von Geschäft und Kunst.

Stefani Germanotta aka Lady Gaga ist so etwas wie Rokoko in Bezug auf Barock. Sie definiert den Kulminationspunkt, die Übersteigerung einer stilistischen Epoche, sie ist sozusagen eine Art Wurmfortsatz, eine Verlängerung des Eigentlichen, eine Sackgasse, die das Ende darstellt. Gaga symbolisiert das große Aufbäumen der Popkultur, die sich in Superlative und Extreme hochgeschaukelt und damit ihren Zenit erreicht hat. Das Publikum sehnt sich jetzt schon nach Ruhe – mit Gaga gibt es noch einmal voll auf die Zwölf.

Als 2008 “Po-Po-Po-Po-Pokerface” allerorten über die Trottoirs schallte, ahnte noch niemand, dass sich die Interpretin dieses eher trivialen Stücks bald als omnipräsentes Medienwunder entpuppen würde. Ihr Auftritt im Videoclip, der zu besagtem Werk die Runde machte, glich dem jener gecasteten Fräuleinwunder, die sich mit Sex und knappen Höschen an gemieteten Pools zu temporärem Ruhm durchräkeln und so schnell weg sind, wie sie gekommen sind.

Der Klimax der Popmusik

Nicht so Gaga. Sie steigert alles bereits Dagewesene in die popmusikalische Klimax. Gaga kultiviert dabei vor allem Kopie und Provokation. Autokonzentriert ackert sie sich durch Outfits und Hooklines diverser Popstars und präsentiert bekannte Bilder, die in der Vergangenheit mediale Tabus brachen. Ihre Auftritte werden begleitet von Waffen, Kunstblut, Gestellen, Krücken, Prothesen und Rollstühlen – und all das visuell schwer Verdauliche wird mit auditivem Fastfood zusammengekloppt, das an so manchen Hit von Pop-Omi Madonna erinnert. Gaga zerrt zudem das Genre des Musikvideos aus dem Sumpf digitaler Low Fidelity. Ihre monströsen Clips sind Referenzen an die guten Zeiten von MTV, als die Musikindustrie noch Geld hatte und Musikclips Kurzfilme mit Intro und Outro waren.

Gaga finanziert sich diese Eskapaden mit harschem Productplacement. Kaum jemand kann sich so etwas heute noch leisten, außer vielleicht Beyonce – und da sich Gleich und Gleich gern gesellt, tritt Beyonce des Öfteren als Lady Gagas Duettpartnerin in Erscheinung und spielte zuletzt in dem üppigen Sex- und Gewaltszenario, das zu “Telephone” gedreht wurde, Gagas bisexuelle Geliebte.

Lady Gaga lebt die perfekte Illusion

Das Musikvideo zu “Telephone” liefert außerdem einen Beitrag zur Diskussion, die Gaga anfachte, als sie mit seltsamem Geraffel im Schritt auf der Bühne stand und damit das Gerücht aufkommen ließ, sie wäre ein sexuelles Mischwesen. In der Eingangssequenz, einer Art Knastorgie, in der sich Gaga mit lauter crazy bitches umgibt, präsentiert sie sich entblößt mit verpixeltem Schritt. Von den soeben in die Zelle gewuchteten Kalfaktorinnen ist zu hören, dass sie ja gar keinen “dick” hätte und das wäre ja “too bad”. Das ist deswegen erwähnenswert, weil die Gaga damit den Zenit der bisher im Mainstream gebrochenen Tabus überschreitet und die mediale Pflicht der Frau verweigert, sich mit maximaler weiblicher Sexyness zu präsentieren.

Lady Gaga ist eine Art Readymade, sie ist industriell und funktioniert doch als Kunstwerk. Sie vereint in sich alles, was die Popkultur ausmacht, und sie beschleunigt, bis zwangsläufig der Stillstand eintritt und endlich Ruhe herrscht. Lady Gaga wird damit kein Problem haben, sie hat Stimme und kann Klavier spielen, das beweist sie immer wieder bei ihren A-capella-Auftritten. Auch Momente wie jene, in denen sie dümmliche Fragen von Paris Hilton beantwortet, dabei als Inspirationsquelle das Ruhmphänomen in der Medienkultur nennt und die Hilton sie anguckt wie ein Auto – auch in diesen Momenten wird klar, Stefani ist klug und die perfekte Symbiose aus Musikerin und Geschäftsfrau.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Conrad Fritzsch, Max Dax, Tobias Trosse.

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