Daten erzählen Geschichten. Jure Leskovec

Hilfe, die Muslime kommen?

Viel zu viele Deutsche haben Angst vor Fremden – behauptet zumindest eine aktuelle Studie. Wo sind wir denn hier gelandet?

Nach der Anfang Juni erschienenen „Mitte“-Studie, ein Projekt an der Universität Leipzig, stimmen 43 Prozent der Menschen in Deutschland der Aussage zu: „Durch die vielen Muslime hier fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land“.

Diese Überfremdungswahrnehmungen stammen jedoch offensichtlich nicht davon, dass Formen muslimischer Religiosität in Deutschland allgegenwärtig sind. Oder davon, dass Menschen, die durch Kleidung oder andere Merkmale eindeutig als Muslime zu identifizieren sind, das Straßenbild und öffentliche Leben unserer Städte und Dörfer entscheidend prägen. Das kann allein nach Zahlenlagen nicht sein, denn der Anteil von Musliminnen und Muslimen in der deutschen Bevölkerung beträgt nach aktuellen Untersuchungen nur etwa fünf Prozent.

Weit verbreitete Überfremdungsängste

Von diesen fünf Prozent Muslimen, also circa vier Millionen Menschen, von denen fast die Hälfte durch ihren Zuwanderungshintergrund die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, bezeichnen sich nach einer vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Auftrag gegebenen Studie 36 Prozent als „stark gläubig“. Dies unterscheidet sie aber nicht signifikant von befragten Migrantinnen und Migranten, die anderen Religionen angehören. Nach der Studie des BAMF überwiegen unter den Muslimen, die sich selbst als „stark gläubig“ bezeichnen, Frauen. Aber selbst von ihnen trägt nur etwa die Hälfte ein Kopftuch.

Umgerechnet auf gesamte Bevölkerungszahlen Deutschlands kann unser Straßenbild also kaum bestimmt sein durch das Stück Stoff auf Köpfen einer deutlichen Minderheit, dem in oft deutlich xenophobisch gefärbten öffentlichen Debatten mehr Aufmerksamkeit gezollt wird als dem, was in den betreffenden Köpfen ist. Weder Millionen bärtiger Muslime noch Kopftuch- oder gar Burka-tragende Frauen bestimmen unsere Gesellschaft.

Dennoch führen weit verbreitete Überfremdungsängste dazu, dass nach der „Mitte“-Studie 36,6 Prozent der Menschen in Deutschland der Auffassung sind, Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden. Ihr Ergebnis ist erschreckend für unser Land, nach dessen Grundgesetz niemand wegen seiner Religionszugehörigkeit diskriminiert werden sollte.

Wo sind wir denn hier gelandet?

Woher können diese Überfremdungsängste stammen? Betrachtet man Zahlen und Fakten, sind sie offensichtlich irrational. Vielleicht werden aber auch sämtliche schwarzhaarige und dunkeläugige Menschen bei uns per se schnell als Muslime wahrgenommen und durch populistische so genannte „Islamkritik“ – die schon längst salonfähig geworden ist – als potentiell bedrohlich wahrgenommen. Und dabei mischen sich diese Vorbehalte und Ängste gegenüber religiösen Minderheiten mit Rassismus und Vorbehalten gegenüber ethnischen Gruppen. Denn Rassismus scheint in Deutschland weit verbreitet zu sei: nach der gleichen Studie stimmten 55 Prozent der Menschen in Deutschland der Aussage zu, Sinti und Roma sollten aus deutschen Innenstädten verbannt werden. Ein ähnlicher Anteil meinte, Sinti und Roma seien tendenziell kriminell.

Im Fall von Muslimen ist offenbar eine ganze Religionsgemeinschaft in der öffentlichen Wahrnehmung unter Generalverdacht geraten. Stehen wir hier auf einer Stufe mit einer Minderheit islamistischer fundamentalistischer Extremisten (die es in allen Religionen gibt), welche in ihren Schwarz-Weiß-Bildern im religiös definierten „Anderen“ den Feind sehen und alle, die zu dieser Gruppe gezählt werden können, in einen Topf werfen? Übernehmen wir obgleich doch vermeintlich so demokratisch geschult und erfahren, medial geprägte Wahrnehmungsmuster, die uns zu Rassisten machen, ohne unser positives Selbstbild in Frage stellen zu müssen, da doch so viele demokratische Deutsche nicht irren können?

Viele Muslime in Deutschland klagen über Diskriminierungserfahrungen. Unlängst erzählte mir beispielsweise eine junge Frau mit Kopftuch, dass sie beim Trinken aus einer Wasserflasche auf einem öffentlichen Platz einer deutschen Großstadt beschimpft wurde, sie solle sich doch gefälligst integrieren und statt Wasser ein Bier trinken. Wo sind wir denn hier gelandet?

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Dirk Förger, Thomas Schmid, Ruprecht Polenz.

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