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„Ich hatte den Oscar nicht im Horoskop stehen“

Seit Ryan Bingham dieses Jahr den Oscar für seinen Soundtrack für “Crazy Heart” bekam, geht es steil bergauf. Ein Gespräch über Musik und Rodeo von Louisa Löwenstein.

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The European: Du hast dein erstes Album selbst produziert, schwer zu glauben, dass du vorher kein Label finden konntest. Was hat sich verändert, als du dann bei Lost Highway Records unterzeichnetest?
Bingham: Nun ja, meine ersten beiden Alben sehe ich mehr als Demos und “Mescalito” als mein wirkliches erstes Album. Als wir dann den Vertrag unterzeichneten, änderte sich vor allem, dass wir plötzlich finanzielle Sicherheit hatten. Vor dem Plattenvertrag sind wir eigentlich hauptsächlich durchs Land gezogen und haben für unser Abendessen gesungen. Es hat uns nicht wirklich interessiert, wohin wir am nächsten Tag gingen. Manchmal blieben wir einfach drei, vier Tage in einer Stadt, bis wir genug Geld zusammengekratzt hatten, um weiterzuziehen. Als wir bei Lost Highway unterzeichneten, begannen sie, unsere Tour zu unterstützen, damit wir es uns tatsächlich leisten konnten, nach einem Zeitplan zu touren.

The European: Einer der nächsten großen Schritte war, dass du die Musik für den Film “Crazy Heart” geschrieben hast – wie ist das zustande gekommen?
Bingham: Es begann alles, als ich mich mit dem Regisseur Scott Cooper traf. Er hatte eines meiner Alben und mochte meine Musik. Wir trafen uns zum Essen, er erzählte mir von dem Projekt und gab mir das Drehbuch mit. Im Grunde hat er gesagt, wenn es mich dazu inspirieren sollte, etwas zu schreiben, solle ich mich melden. Nachdem ich das Skript gelesen hatte, begann ich gleich, “Weary Kind” zu schreiben. Daraufhin stellte Scott mich T Bone Burnett vor und wir schrieben den Rest zusammen.

“Ich muss wohl erst mal Schauspielunterricht nehmen”

The European: Wie hast du dich mit Jeff Bridges, dem Hauptdarsteller, verstanden?
Bingham: Ich habe Jeff am gleichen Tag kennengelernt, als ich auch T Bone kennenlernte. Er war sehr involviert in alles und schlicht unglaublich. Ich hatte noch nie zuvor an einem Filmprojekt gearbeitet und war zum ersten Mal von Schauspielern umgeben, es hat mich vollkommen umgehauen. Jeff war so entspannt und cool, ich hatte das Gefühl, ihn seit Jahren zu kennen. Einfach ein großartiger Mensch.

The European: Du hattest selbst eine kleine Rolle im Film. Ist die Schauspielerei ein möglicher Nebenjob?
Bingham: Ich bin mir nicht sicher. Mit Jeff und T Bone zu arbeiten habe ich sehr genossen, und wenn ich noch einmal die Möglichkeit hätte, wieder mit ihnen zu arbeiten, wurde ich das auch definitiv tun. Meine Rolle hat nicht sonderlich viel Schauspiel erfordert, ich habe mich eigentlich nur selbst gespielt und ein bisschen Musik gemacht. Bevor ich etwas anderes spielen würde, müsste ich wohl erst einmal Unterricht nehmen. Aber wenn das richtige Projekt des Weges käme, wäre ich schon bereit, es zu probieren.

The European: Hast du diesen Erfolg erwartet? Immerhin bist du Academy-Award-Gewinner.
Bingham: Das hatte ich auf jeden Fall nicht im Horoskop stehen. Dass ich einen Oscar gewinnen würde, war sicherlich das Allerletzte, was ich mir je erträumt habe.

The European: War es immer Country-Rock, oder hattest du auch die typische Teenagermusik-Desasterphase, über die nie jemand sprechen will?
Bingham: Ich habe immer schon viele unterschiedliche Sachen gemocht. Von Bob Wills bis Bob Marley. Es hing auch manchmal davon ab, wo ich mich gerade befunden habe. Eine Zeit lebte ich in Houston, Texas, wo es eine große HipHop-Szene gibt. Ich war begeistert von Sachen wie Geto Boyz und UGK. Von dort zog ich nach Laredo, Texas, an der mexikanischen Grenze, wo ich dann in Mariachi- und Tejano-Musik aufging.

The European: Wie wichtig sind Lyrics für dich? Wie autobiografisch sind Zeilen wie “loosing faith in my family had drove me right out my damn mind” und “I’m tired of stepping on memories and walking on”?
Bingham: Also, erst einmal ging es mir hauptsächlich um die Musik. Ich konnte es vom ersten Moment an, als ich eine Gitarre in den Händen hielt, einfach spüren. Später, als ich dann anfing, Texte zu schreiben, wurde alles persönlicher. Es hat geholfen, mir Dinge von der Seele zu schreiben, auf eine Weise, die ich vorher nicht kannte. Meine Lieder sind meistens über die unterschiedlichsten Dinge, manchmal persönlich, manchmal nicht. 


“Eine Gitarre in den Händen ist besser als eine Schaufel”

The European: Warum hast du dich für die Musik und gegen Rodeo entschieden?
Bingham: Das war nicht wirklich eine Entscheidung, es ist einfach passiert. Rodeo war eigentlich der Grund, warum ich anfing, zu spielen und aufzutreten. Ich fuhr zu den Rodeos und habe mir unterwegs Lieder ausgedacht. Und in den meisten Fällen haben wir dann später eine Bar oder eine Party ausfindig gemacht, auf der wir unsere Gitarren ausgepackt und gespielt haben. Mit der Zeit bekam ich dann an manchen Orten regelmäßige Gigs, und eines Tages, so schien es, hatte ich mehr Gigs zu spielen als Rodeos zu reiten. Ich musste immer einen Job unter der Woche haben, um über die Runden zu kommen, meistens irgendeine körperliche Arbeit. Ich habe nicht lange gebraucht, um herauszufinden, dass sich eine Gitarre in den Händen sehr viel besser anfühlt als eine Schaufel oder ein Seil.

The European: Wenn man Ryan Bingham googelt, spuckt die Suchmaschine Adjektive wie “authentisch”, “viel versprechend” und “tough” aus. Welches Adjektiv willst du am liebsten im Zusammenhang mit deinem Namen hören?
Bingham: Optimistisch.

The European: Ich habe versucht, herauszufinden, woran mich deine Musik, neben den klassischen Countrylegenden, mit denen dein Name in Verbindung gebracht wird, erinnert. Credence Clearwater Revival, der junge Tom Waits, Bob Dylan und Devil Makes Three sind mir sofort in den Kopf gekommen. An wen erinnerst du dich selbst?
Bingham: Ich weiß nicht. Hoffentlich dieselben wie von deiner Liste. Ich wurde auf jeden Fall von ihnen allen beeinflusst.

The European: Du bist seit Jahren unterwegs, freust du dich auf ein bisschen Ruhe?
Bingham: Auf jeden Fall!

The European: Was ist für die Zukunft geplant?
Bingham: Hauptsächlich einfach weiter Musik machen und das Leben genießen. Es war eine ziemliche wilde Fahrt bis hierher, und davon gibt es hoffentlich noch mehr.

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