Ich bin überzeugter Europäer. Thilo Sarrazin

„Der Erzähler ist der Herr der Zeit“

Rüdiger Safranskis Biografien historischer Persönlichkeiten versetzen den Leser in die Vergangenheit. Mit Thore Barfuss spricht er über Goethes Modelleisenbahn, die „Replay“-Taste fürs Leben und die Revolution der Gleichzeitigkeit.

The European: Herr Safranski, Goethe schreibt im Werther: „Die meisten verarbeiten den größten Teil der Zeit, um zu leben, und das bisschen, das ihnen von Freiheit übrig bleibt, ängstigt sie so, dass sie alle Mittel aufsuchen, um es los zu werden.“ Erstaunlich aktuell.
Safranski: Es gibt bei Goethe einiges, was immer wieder aktuell wird. Aber hier natürlich besonders. Es benennt einen alten Mechanismus, der schon lange funktioniert.

The European: Nämlich?
Safranski: Wir flüchten uns in die Arbeitszeit, weil wir die Begegnung mit uns selbst nicht aushalten. Wir bewegen uns heute zwischen zwei Polen. Einer davon findet sich ebenfalls in den „Leiden des jungen Werther“: „Ich kehre in mich selbst zurück, und finde eine Welt.“ Der andere Pol zeigt sich im Berliner Witz: „‚Mensch, geh’ in dir!‘ ‚War ick schon. Is’ och nischt los.‘“

The European: Wenn Zeitknappheit und Langeweile schon bei Goethe Thema waren: Hat sich die Diskussion um die Zeit gar nicht so sehr verändert?
Safranski: Die Diskussionen, die wir momentan führen, gab es in allen Epochen mit einem Beschleunigungsvorgang. Auch zur Zeit von Goethe gab es schon eine große Erregung.

The European: Worüber?
Safranski: Über die Eisenbahn. Goethe hat noch erlebt, wie die ersten Eisenbahnen fuhren. Schon da hieß es: Diese Geschwindigkeit, dieser Umgang mit der Zeit, das wird unseren Tod bedeuten. Und die ersten Eisenbahnen fuhren gerade mal mit 20 bis 30 Stundenkilometern! Goethe hat in seinen letzten Jahren wunderbare Sachen über Hektik und Beschleunigung geschrieben. Aber gleichzeitig hat er sich eine Spielzeugeisenbahn schenken lassen, weil er auch fasziniert war. Er war offen für das Moderne, er sah aber die Ambivalenz.

„Heute gibt es die kommunikative Schlamperei"

The European: Also hat sich im Vergleich zu heute nicht wirklich etwas verändert?
Safranski: Doch. Heute erleben wir etwas, was sich kein früheres Jahrhundert erträumen konnte: das ­Erlebnis von Gleichzeitigkeit. Das ist etwas ganz Ungeheures. In Echtzeit können wir global kommunizieren, Informationen bekommen. Und ich habe den Eindruck, dass wir dafür biologisch gar nicht so gemacht sind.

The European: An was machen Sie das fest?
Safranski: Unsere Handlungs- und unsere Wahrnehmungswelt gehen dramatisch auseinander. Das erzeugt ­unterschwellig eine unglaubliche Hysteriebereitschaft. Deswegen wird immer wieder die Sau durchs Dorf getrieben. Deswegen muss es im Tagessatz Sensationen geben. Die Erregung muss abge­fackelt werden, wie die Ölfelder. Die Gleichzeitigkeit hat ganz schüchtern im 19. Jahrhundert angefangen – interessanterweise auch mit der Eisenbahn.

The European: Schon wieder die Eisenbahn?
Safranski: Die Uhren mussten gleichgestellt werden, damit überhaupt Fahrpläne gemacht werden konnten. In den Jahrhunderten davor lebte jeder Ort in seiner eigenen Zeit, in einer Art Zeitglocke. Diese Zeitglocke ist immer mehr aufgegangen, und jetzt haben wir die Gleichzeitigkeit. Das ist vielleicht das Allergrößte, was in und mit der Zeit geschehen ist.

The European: Was geht bei dieser Gleichzeitigkeit verloren? Die berühmten Briefwechsel von Goethe und Schiller kann man sich nur schwerlich per E-Mail vorstellen.
Safranski: Ja, Briefsammlungen von Schriftstellern sind Vergangenheit. Die wird es nicht mehr geben. Wer sammelt schon Mails? Die sind viel flüchtiger geschrieben. Man muss sich das vor Augen führen: Einen Brief zu schreiben, war teuer, dauerte lange. Und wenn man sich hinsetze, mit dem Federkiel, der Tinte, dem edlen Papier: Das war so ein besonderes Ereignis. Die Leute haben sich dabei gesammelt, es gab noch eine Andacht vor dem Medium.

The European: Bei einem digitalen Schriftwechsel schwer vorstellbar.
Safranski: Ja. Ich bin Jahrgang 1945 und habe noch viele ­Briefe geschrieben und schreibe ab und an noch welche. Heute gibt es die kommunikative Schlamperei. Aber das hat ja auch gewisse Vorteile. Durch die Mails ist Kommunikation schneller und häufiger geworden, aber auf Kosten der Intensität und der Nachhaltigkeit. Wer liest schon alte Mails? ­Allenfalls Geheimdienste und Anwälte …

„Wir können über die Zeit triumphieren"

The European: Wenn wir von Schriftwechseln absehen: Wie hat uns diese neue Gleichzeitigkeit verändert?
Safranski: Heidegger hat mal wunderschön gesagt: „Wir sind dabei, die Entfernung zu entfernen.“

The European: Das muss ich kurz wirken lassen.
Safranski: (wiederholt es absichtlich langsamer und macht dann eine Pause) Wir sind dabei, die Entfernung zu entfernen. Das geht doch schon bei der Liebe los. Die Sehnsucht, das Geheimnis, die Neugier, all das setzt Ferne und Abstand voraus. Wenn man zu schnell dran ist, bringt man sich darum, vielleicht sogar um die Liebe. Das ist übrigens auch der Unterschied zwischen Sexualität und Erotik. Erotik inszeniert die Ferne in der Nähe, ­Sexualität kommt gleich zur Sache.

The European: Wobei ich aus meinem privaten Umfeld eine ­Geschichte kenne, wo Liebe über Kontinente hinweg dank dieser neuen Gleichzeitigkeit funktioniert hat. Da wurde im Video-Chat gemeinsam ein Film gesehen, so wie es normale Pärchen auf dem Sofa oder im Kino tun.
Safranski: Ja, das ist natürlich positiv. Ich habe es aber auch schon umgekehrt erlebt.

The European: Wie war es bei Ihnen?
Safranski: Ich habe eine Reise nach Santiago de Compostela­ gemacht, das war wunderschön. Auf der Reise merkte ich, dass es für mich unpassend ist, wenn ich mich dauernd bei meiner Frau hätte melden müssen. Ich wollte in dem Tunnel des Erlebens bleiben, und den nicht zerstören, indem ich Nähe nach Hause herstelle. Diese Aura des Fernen möchte ich mir gerne bewahren.

The European: Wo kommt diese Gleichzeitigkeit noch zum Tragen?
Safranski: Dank der technischen Reproduzierbarkeit können wir über die Zeit triumphieren.

The European: Das müssen Sie erklären.
Safranski: Das Elementare der Zeit ist, dass sie nur eine Richtung hat. Deswegen sterben wir. Doch durch das Aufzeichnen und Wiedergeben konnten wir einen kleinen Sieg über die Zeit feiern. Schauspieler, die schon längst tot sind, sehen wir lebendig agieren. Wir sind das so gewöhnt, manche haben inzwischen das Gefühl, man könne für das ­gesamte Leben auf eine „Replay“-Taste drücken.

The European: Wieso ist das so?
Safranski: Die Wahrnehmung hat sich verändert. Stellen Sie sich einen Menschen im 18. Jahrhundert vor, der die Matthäus-Passion von Bach hört. Er weiß, dass ist alles so aufwendig, er wird es nur ein einziges Mal in seinem Leben hören können. Man erlebt Dinge anders, wenn sie in die Unwiederbringlichkeit eingebettet sind. Wir hingegen gehen heute zum CD-Spieler und spielen die Aufnahme ab. Das Vergegenwärtigbare wird so immer größer, aber der Wahrnehmungsakt nimmt in seiner Intensität ab. Das treibt mich um, das empfinde ich wirklich als Verlust. „Einmalig“ ist ein häufig ­benutzter Superlativ, vor allem in der Werbebranche. Aber in Wirklichkeit immer seltener.

„Die Naivität der Kindheit kommt nicht mehr zurück"

The European: Sie haben das anschauliche Beispiel mit der ­Matthäus-Passion gebracht. Wie haben Sie sich bei Ihren zahlreichen Biografien in andere ­Zeiten hineinversetzt?
Safranski: Ich liebe natürlich vor allem die Zeit um Achtzehnhundert. Das sieht man ja auch an meinen Büchern. Dort fühle ich mich richtig zu Hause, das ist für mich wie eine Zeitreise. Ich kenne definitiv die Leute, über die ich geschrieben habe, besser als die Lebenden. Sie entschädigen mich auch für manche Lebenden …

The European: Braucht man eine besondere Gabe dafür?
Safranski: Eine gewisse Empathie muss man natürlich ­haben. Aber es hängt vor allem mit den wunderbaren Möglichkeiten des menschlichen Geistes überhaupt zusammen. Der kann sich nämlich vor und zurück bewegen. Der Geist weht wo er will, heißt es. Und doch hocken wir existentiell auf dem irreversiblen Zeitpfeil. Jetzt zum Beispiel …

The European: Wir …
Safranski:… telefonieren gerade jetzt. Aber in unserem Geist können wir in Vergangenheit und Zukunft herumreisen. Ein Hin und Her in den Zeitdimensionen.

The European: Ist das die größte Stärke des menschlichen Geistes?
Safranski: Ja, wahrscheinlich. Von den ersten Epen von Homer bis zum Film heute. All das reizt unsere Fähigkeit aus, mit der Zeit zu spielen. Deswegen werden die Literaturtage in Badenweiler im Oktober unter dem Thema: „Spiel mit der Zeit“ stattfinden. Vor allem dem Erzähler kommt bei diesem Spiel mit der Zeit eine besondere Rolle zu.

The European: Welche ist das?
Safranski: Er hat die Zeitsouveränität. Wie Thomas Mann sagt: Der Erzähler ist der Beschwörer des raunenden Imperfekts. Das Vorher! Und das Nachher! Und das Gleichzeitige! Und alles durcheinandergewirbelt! Der Erzähler ist der Herr der Zeit.

The European: Es ist ein Phänomen der Neuzeit, dass in sehr ­vielen Bereichen über Zeit nachgedacht wird. Zeit wird heute instrumentalisiert, man muss sie sich nehmen, sie ist knapp, sie wird einem gestohlen. Fehlt der Müßiggang nicht nur als Wort, sondern auch als Gangart?
Safranski: Sie meinen eine gewisse Unbekümmertheit?

The European: Ja, genau.
Safranski: Man kann nicht mehr absichtsvoll in die Naivität der Kindheit zurück. Wenn man das einmal verloren hat, kommt das nicht mehr zurück. Es bleibt einem nichts anderes übrig, als darum zu kämpfen, sich seine Zeitsouveränität zu bewahren. Mit Unbekümmertheit ist da nicht so viel zu holen. Es ist vielmehr ein neues Kapitel der Lebenskunst: das Umgehen mit der eigenen Zeit.

„Zeit ist nur knapp im Verhältnis zu den Vorhaben"

The European: Können Sie das ausführen?
Safranski: Man muss sich zum Beispiel klar machen, dass Zeit nie knapp werden kann. Trotzdem sagen wir es ständig. Zeit kann sich auch nicht beschleunigen. Es beschleunigen sich nur die Ereignisse.

The European: Und wenn ich weniger Beschleunigung haben will?
Safranski: Dann darf die Ereignisdichte nicht zu groß sein. Ich muss mir Zeit für das Schmecken lassen. Wenn­ ich den Wein runterstürze, dann schmecke ich nicht. Zeitsouveränität bedeutet nicht nur, Zeit für sich zu gewinnen. Sondern auch, Menschen und Dingen ihre jeweilige Eigenzeit zuzubilligen.

The European: Was meinen Sie mit Eigenzeit?
Safranski: Eigenzeit ist erforderlich, damit sich etwas entfalten kann. Wenn sich zwei Menschen treffen, dann ist das Gespräch gut, wenn es atmen kann, wenn es kein Verhör ist. Für uns selbst brauchen wir diese Eigenzeit ganz besonders. Man kennt sich selbst erst dann, wenn man weiß, welche Zeit man braucht. Und man ist erst dann bei sich angekommen, wenn man stark genug ist, sich diese Zeit zu nehmen.

The European: In der Gesellschaft aber herrscht der Eindruck, dass die Zeit für einen selbst immer mehr ­abnimmt.
Safranski: Ich bin da nicht so pessimistisch. Es hat sich nach jeder Beschleunigung wieder eingependelt. Irgend­wie habe ich doch den Eindruck, dass der Kopf letztlich oben bleibt. Man darf nur nicht immer an der Klagemauer stehen. Man muss sich die eigenen Bewegungsräume selbst erobern. Hilfreich ist natürlich, wenn in der Gesellschaft überhaupt eine Sensibilität entsteht für den menschenwürdigen Umgang mit der Zeit …

The European: Zum Abschluss würde ich natürlich noch gerne Ihr liebstes Zeit-Zitat hören.
Safranski: Vom heiligen Augustinus: „Was also ist Zeit? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; will ich es einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht.“

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Helge Schneider: „Der Ursprung des Humors liegt im Banalen“

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Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 4/2014.

Darin geht es u.a. um Hitler: Wir haben den größten Verbrecher aller Zeiten zur Popfigur gemacht. Was dieses „Hitlertainment“ über uns verrät, debattieren u.a. Timur Vermes und Ernst Nolte. In weiteren Debatten geht es um den gerechten Krieg (u.a. mit Egon Bahr) und das Ende der Globalisierung (u.a. mit Thomas Piketty).

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