Die Verfassung ist doch kein Abreißkalender. Ralf Stegner

„Die Festivalsaison ist ein Wanderzirkus“

Rüdiger Rüde Linhof spielt Bass für die Sportfreunde Stiller. Gemeinsam mit seinen Bandkollegen reist er jeden Sommer durch die Republik. Im Gespräch mit Lars Mensel erklärt er, was die Faszination Festival ausmacht.

The European: Jeden Sommer pilgern Tausende Großstädter aufs Land, leben in Zelten und essen Dosenravioli – alles, um tagelang Bands live zu erleben. Woher stammt die Faszination des Festivals?
Linhof: Ganz grundsätzlich ist es als Künstler immer bewegend, vor Leuten zu spielen, besonders dann, wenn man auf ein gemischtes Publikum trifft. Das macht ein Festival auch aus: Man sieht nicht nur die typischen Sportfreunde-Stiller-Fans, sondern bespielt eine breite Masse an Musikfans. Die kann man dann unter freiem Himmel oder im Sonnenuntergang für sich gewinnen – es sind magische Momente.

The European: Aber was bekommt eine Band denn von dem eigentlichen Festival mit?
Linhof: Klar, als Band im Backstage-Bereich ist es eine andere Erfahrung als die eines Fans in der Menge. Dennoch hat jedes Festival eine ganz eigene Atmosphäre und die ist hinter der Bühne definitiv zu spüren. Wir sind keine Band, die lediglich für den Auftritt anreist, wie es bei einigen internationalen Bands der Fall ist. Wir bewegen uns über das Gelände, kommen auf dumme Ideen und versuchen, das Festival neben der Bühne zu erleben. Es wäre auch zu schade, wenn dieser Teil durch das Reisen ausfallen würde.

„Manchmal sind wir auf großen Bühnen zu verkopft“

The European: Vielleicht sollte man im Publikum also genauer hinschauen – möglicherweise stehen neben einem die Bands, die man noch eben auf der Bühne sah?
Linhof: Teilweise ja, aber das geht dann leider wirklich nur so lange, bis uns jemand erkennt. Dann ist der Fotoandrang doch zu anstrengend.

The European: Moment – genauso wie sich das Publikum jedes Jahr auf seine Lieblingsbands freut, freuen sich Musiker aufeinander? Das ist ja praktisch ein Festival im Festival.
Linhof: Aus Sicht der Musiker ist die Festivalsaison ein einziger Wanderzirkus. Jahr für Jahr trifft man sich, begrüßt sich oder stößt mit einem Bier an. Das ist dann aber natürlich von Band zu Band unterschiedlich.

The European: Haben Musiker und Band einen favorisierten Wanderpartner? Auf welche Bandmitglieder freuen Sie sich jedes Jahr?
Linhof: Die Hamburger Nasen treffen wir natürlich immer wieder mit Freude. Aber auch andere Künstler wie beispielsweise Kraftklub begrüßen und sehen wir gerne. Es gibt aber ganz klare Unterschiede: Manche Bands passen mehr zu uns, manche weniger. Das ist dann davon abhängig, welche Fangemeinschaft man hat, welche Produktion dahintersteht und wie jede Band tickt.

The European: War Ihre Band vor dem Durchbruch denn selbst als Gast auf Festivals?
Linhof: Klar, wir haben das ganze Elend, angefangen beim Zelten bis hin zum wirklichen Spaß, mitgenommen. Letztendlich waren wir dann aber leider selbst zu viel unterwegs, als dass es Zeit und Muße zugelassen hätten, sich einem Zeltplatz zu nähern. Aber wer weiß, was die Zukunft bringt …

The European: Sie spielen im Sommer auf großen Festivalbühnen – den Rest des Jahres treten die Sportfreunde in Clubs und Konzerthallen auf. Was macht den Unterschied zwischen diesen Orten aus?
Linhof: Alleine die Länge des Auftritts ist bei einem Festival schlichtweg begrenzt. Man spielt meist nur sechzig bis siebzig Minuten, in einem Club können das dann auch mal zwei Stunden sein. Zudem muss man ein gutes Gleichgewicht zwischen Best-ofs und neuen Liedern finden, um die Menge – die eben nicht nur aus der Fangemeinschaft besteht – mitzureißen. Es entsteht eine andere Energie, eine andere Anspannung.

The European: … sicherlich doch auch, weil Bühne und Publikum so groß sind?
Linhof: Ja, grade jetzt bei Rock am Ring war die Anspannung groß. Unser Sänger Peter Brugger war krank und wir konnten nicht proben. Da steht man dann wirklich auf dieser enormen Bühne und ist anfangs zu verkopft. Darum ist es dann nach der Festivalsaison wieder schön, in kleinen Rockschuppen zu spielen.

„Fans sind unvorhersehbar“

The European: Wie sieht es als deutschsprachige Band mit internationalen Festivals aus?
Linhof: Vergangenes Jahr waren wir auf dem Sziget-Festival in Budapest, versuchen uns aber durchaus in der Nähe des deutschen Raums zu bewegen. In Spanien, England oder in New York haben wir ebenfalls gespielt, aber selbst dort ziehen wir mit unseren deutschen Texten die gleichsprachigen Fans an.

The European: Bemerken Sie Unterschiede zur deutschen Fankultur?
Linhof: Die Fans unterscheiden sich von Stadt zu Stadt, von Platte zu Platte und von Festival zu Festival. Anfangs, mit unserer ersten Platte „Wie Einst Real Madrid“, war Berlin unsere Hochburg. Zwischenzeitlich war dann das Hamburger und das Kölner Publikum voller Energie. Solche Bewegungen kann man aber nie vorhersehen.

The European: Wo würden Sie am liebsten einmal spielen?
Linhof: Ich würde wahnsinnig gerne mal im Madison Square Garden in New York spielen. Das müsste dann aber auch wirklich rappelvoll sein, damit die Menge bebt.

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