Wer Visionen hat, sollte zum Augenarzt gehen. Helmut Schmidt

Unter uns

Ein britischer Kinofilm schlägt die Brücke zwischen Rentnern und einer fremden Kultur – die doch irgendwo vertraut ist.

Gut einen Monat läuft „The Best Exotic Marigold Hotel“ bereits in den britischen Kinos. Ein positiver, sehr lebensbejahender Film, der die Geschichten von sieben englischen Rentnern erzählt, die die Sehnsucht nach der Ferne und neuen Lebenseindrücken ins „exotische“ Indien trägt. Jeder reist mit seinen Problemen, in der Hoffnung, Antworten auf unterschiedlichste Fragen des Lebens zu finden. Sei es die Suche nach dem verlorenen Ich oder auch nur eine kostengünstige Hüftoperation.

Individuelle Selbstreflexion

„The Best Exotic Marigold Hotel“ ist jedoch weit mehr als eines der vielen Comedy-Dramen, die alljährlich den geneigten Kinogänger dazu nötigen, „geglotzt“ zu werden. So ist dies ein Film, der nicht nur zur individuellen Selbstreflexion anregt und Fragen des Altwerdens aufwirft, sondern eben auch ein neues Verhältnis zwischen einstigen Kolonialherren und Kolonialisierten thematisiert.

Nun, werden Sie einwerfen, das ist weit hergeholt! Aber achten Sie auf die Gelassenheit und Beiläufigkeit dieses immer im Hintergrund stehenden Themas. Egal, ob es um den Tuchkauf auf dem Markt geht, oder um den Versuch der verwitweten Evelyn (Judi Dench), einen Job in einem lokalen Callcenter zu finden, die Geschehnisse des Films sind geprägt von Begegnungen zweier sich fremder Kulturen, die jedoch eine gemeinsame Geschichte verbindet.

Der Zuschauer wird weder belehrt noch fühlt er sich gezwungen, sich mit einer vorgegebenen Meinung auseinanderzusetzen. Die Aussage des Films lebt von der individuellen Assoziation des Kinogängers. Jeder wird andere Schwerpunkte setzen, aber jedem wird ein Spiegel vorgehalten, der der westeuropäischen Öffentlichkeit Fragen nach Assimilation und Integration von Fremden nun selbst stellt. Diese gerade im kulturellen Melting Pot London so drängenden Themen, werden hier nun von einer ganz anderen Seite beleuchtet.

Fremdes kulturelles System

6,1 Prozent (National Zensus 2001) der Londoner Bevölkerung stammen vom indischen Subkontinent. Aus dem öffentlichen Leben sind die indisch-stämmigen Londoner nicht wegzudenken. Ob am Arbeitsplatz, in der Uni, am Bankschalter, an der Supermarktkasse oder in der Tube sind sie seit Jahrzehnten fester Bestandteil der Londoner Gesellschaft. Dennoch wird die Frage, was man als Westeuropäer eigentlich über ihr Herkunftsland, ihre Kultur und Lebensvorstellungen weiß, viel zu selten gestellt. Ganz selbstverständlich wird erwartet, dass sie sich eingliedern in ein kulturelles System, das den meisten vollkommen fremd war und manchmal immer noch ist. Jedoch bemerkt man schnell, dass wir selbst den von uns an andere angelegten Maßstab in umgekehrter Situation nie leisten könnten.

So wird mir „The Best Exotic Marigold Hotel“ noch lange in Erinnerung bleiben, als ein Film, der die Aufmerksamkeit auf ein allgegenwärtiges und zugleich aber so wenig beachtetes Thema richtet. Gerne mehr davon!

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Ruben Alexander Schuster: Sammeln für die Königin

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