Machen Sie sich erst einmal unbeliebt, dann werden Sie auch ernstgenommen. Konrad Adenauer

„Arschficker muss erklärt werden“

In seinem neuen Film „Härte“ zeigt Rosa von Praunheim, dass die Grenze zwischen Täter und Opfer oft erschreckend fließend ist. Ein Gespräch über alltägliche Gewalt und deutsche Homophobie.

The European: Herr von Praunheim, in Ihrem neuen Film „Härte“ erzählen Sie die Geschichte von Andreas Marquardt, der von seiner Mutter sexuell missbraucht wurde und später selbst sehr gewalttätig gegenüber Frauen gewesen ist. In Ihrem Film überwiegt die Opfer-Rolle. War das gewollt?
von Praunheim: Ich sehe Opfer und Täter gleichwertig. Aber ich glaube, der Täter überwiegt erst einmal. Das, was er getan hat, das sagt er auch selbst, kann er nicht wieder gutmachen. Es tut ihm leid, aber es ist in der Welt. Dass er sein Leben geändert hat, auch bedingt durch seinen Sport, ist eine Chance, die nicht viele haben. Viele kommen aus dem Knast und haben gar keine Perspektive. Er hatte einen Therapeuten, hat ein Buch schreiben können, hat dazu die intellektuelle Fähigkeit. Das sind alles gute Voraussetzungen. Heute leistet er Charity-Arbeit. Ich habe ihn als einen sehr angenehmen Menschen erlebt und es fällt mir sehr schwer, mir vorzustellen, wie er damals war.

The European: Man hat eher das Gefühl, dass er in sich ruht, Frieden geschlossen hat. Ist das auch Ihr Eindruck?
von Praunheim: Nun, er sagt ja, dass er seinen Eltern nicht vergeben kann. Das ist etwas, was ihn auf ewig quälen wird. Und er ist ein sehr manischer Mensch. Ausgeglichen ist er nicht. Er sucht ständig nach Beschäftigung, ist sehr ruhelos.

The European: Er kann seinen Eltern nicht vergeben, im Film geht es allerdings sehr viel ums Vergeben. Zum Beispiel in der Person der Marion, die Marquardt vergibt, dass er sie misshandelt, und bei ihm bleibt. Glauben Sie, dass er sich selbst vergeben hat?
von Praunheim: Das müssen Sie ihn selbst fragen. Ich glaube er genießt die Möglichkeit, seine Lebensgeschichte zu erzählen. Seine Eitelkeit und sein Narzissmus spielen da natürlich rein. Die Gefahr besteht, dass es in eine Heldengeschichte abrutscht. Vom Saulus zum Paulus und so. Einem Mann, einem Macho, verzeiht man in unserer Gesellschaft mehr als einer Frau. Marion sagte mir, dass ihre Freunde sie damals verlassen haben, weil sie anfing, sich für Marquardt zu prostituieren. Bei weiblicher Verfehlung wird keine Gnade gezeigt.

„Unterdrückung finden einige Frauen anziehend“

The European: Besonders interessant macht „Härte“ der Missbrauch durch die Mutter. Hatte das einen besonderen Reiz für Sie?
von Praunheim: Missbrauch durch die Mutter ist tatsächlich nicht so weit verbreitet, und vor allem nicht in dieser Intensität. Man kann sich vielleicht noch vorstellen, dass die Mutter das Glied des Kindes streichelt, aber es in alle sexuelle Bereiche einzuführen und zu schlagen, wenn es etwas beim Sex nicht richtig macht, ist sicher etwas, was man nur von Männern gegenüber Kindern und besonders Mädchen kennt.

The European: Haben Sie sich für den Film näher mit dem Thema befasst?
von Praunheim: Nein, nicht wirklich. Natürlich habe ich Berichte darüber gelesen, aber da ist sicher auch jeder Fall anders. Das hier ist auch eine individuelle Geschichte, die man so nicht verallgemeinern kann. Marquardt hat der Sport gerettet. Ob er als Zuhälter genauso brutal gewesen wäre, wenn er nicht misshandelt worden wäre, weiß ich nicht.

The European: Gewalt verursacht nicht zwangsläufig Gewalt.
von Praunheim: Es war leicht verdientes Geld, das er mit Karate nie hätte machen können. Es gehören hier aber auch zwei dazu. Je brutaler er zu den Frauen war, umso mehr sind sie ihm hinterhergelaufen. Ein Psychiater hat mir mal gesagt, dass diese Faszination von Macht und Unterdrückung leider für einige Frauen eine Anziehung hat. Das fängt schon in der Schule an: der Macho, der seine Muskeln spielen lässt, ist bei Mädchen anscheinend immer noch sehr beliebt.

The European: Und hat mehr Strahlkraft als der stumme Typ in der Ecke.
von Praunheim: Sicherlich. Das Böse fasziniert uns, zieht uns an. Im bürgerlichen Leben trauen wir uns ja nichts und passen uns sehr gut an, sind ängstlich. Raue und kantige Persönlichkeiten bewundern wir insgeheim, weil sie über Grenzen gehen. Deshalb sind Krimis so beliebt, das deutsche Fernsehen besteht ja nur noch aus Krimis. Irgendwie finden wir solche Taten faszinierend, sonst würden wir sie nicht so oft konsumieren. Starke Konflikte ziehen uns an, bereichern sozusagen unser etwas langweiliges Leben. Insofern sind alle, die über Grenzen gehen, erst einmal faszinierend. Besonders interessant ist natürlich, zu sehen, wie es dazu kommt, dass jemand diese Grenzen überschreitet.

The European: Weshalb der Inzest neben der anderen Gewalt im Film auch so schockierend ist.
von Praunheim: Im Leben ist alles, was wir uns vorstellen können, möglich und spielt eine Rolle – auch etwas so Schreckliches wie Kindesmissbrauch. Obschon diese Themen oft sehr heikel sind, ist es wichtig, darüber zu diskutieren und sie der Öffentlichkeit zu zeigen. Es darf keine Tabus geben, das macht es den Opfern nur schwerer.

The European: Als Sie kürzlich das Bundesverdienstkreuz erhielten, haben Sie auf Ihrem Blog geschrieben, dass Sie es komisch finden, diese Auszeichnung zu erhalten, weil man Sie aufgrund Ihrer Homosexualität noch vor 50 Jahren als Kriminellen tituliert hat. Ist diese Ehrung auch ein Zeichen des großen gesellschaftlichen Wandels?
von Praunheim: Absolut, das ist ja nicht nur für mich alleine, sondern steht für die ganzen Mitstreiter. Ich bin in einer Zeit groß geworden, in der Sexualität diskriminiert und kriminalisiert wurde. Selbst nach dem Krieg mussten viele Homosexuelle noch ins Gefängnis. Das hätte jedem blühen können, auch mir. Insofern war es damals sehr mutig von uns, das Thema auf die Agenda zu setzen. Es waren ja nur sehr wenige Leute, die am Anfang mit mir nach außen getreten sind und ihr Gesicht gezeigt haben. Auch heute ist es ja immer noch für viele schwierig, sich zu outen.

The European: Die Homosexualität ist also noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen?
von Praunheim: Auf keinen Fall. Jedenfalls nicht bei Jugendlichen. In der Schule wird sich ein homosexueller Lehrer oder eine homosexuelle Schülerin kaum outen. Das ist immer noch ein großes Tabu. Das fängt ja schon im Kindergarten an. Viele Leute ahnen nicht, wie früh man als homosexuelle Person merkt, dass man sexuell anders ist. Auch bei Transgender-Menschen ist das laut Studien so. Aber man weiß natürlich in dem Alter nicht, wie man damit umgehen soll. Das gilt besonders für Länder, in denen Homosexualität noch als krimineller Akt oder Perversion angesehen wird.

The European: Lenken besagte Länder vielleicht davon ab, dass es auch bei uns noch viel Homophobie gibt?
von Praunheim: Sicher, aber trotzdem darf man das nicht zu sehr miteinander vermischen. Es hat sich in unserer Gesellschaft doch viel gewandelt. Selbst auf dem Land kann ein junger Schwuler oder eine junge Lesbe heute übers Internet mit anderen Homosexuellen in Kontakt treten und sich Rat geben lassen. Diese Möglichkeit bestand früher nicht, da warst du faktisch allein. Ich sehe das als einen enormen Fortschritt an. Aber auch die Toleranz gegenüber Schwulen und Lesben hat sich enorm gesteigert. Klar gibt es immer noch Homophobie, aber es gibt auch immer noch Rassismus und Frauenhass. Das verschwindet nicht so schnell.

„Als Schwuler hat man auch das Recht, ein Spießer zu sein"

The European: Denken Sie, dass die Schwulenbewegung heute noch so geeint ist wie beispielsweise in den 1990er-Jahren? Der amerikanische Autor Michael Warner beschrieb zur Jahrtausendwende in seinem einflussreichen Buch „The Trouble with Normal“, dass sich die Bewegung in zwei Lager spaltet: ein bürgerliches und ein radikales.
von Praunheim: Als Schwuler hat man auch das Recht, ein bürgerlicher Spießer zu sein. Zu sagen, man möchte heiraten, zum Militär, seine Religion ausüben. Das sind alles Dinge, die ich persönlich nicht will, aber das muss ich dem anderen doch zugestehen. Auf der anderen Seite verschwindet natürlich ein Stück spezielle Kultur, die durch die Unterdrückung stärker sichtbar wurde. Da gibt es heute kaum Debatten, es werden kaum Bücher veröffentlicht. Die Bewegung ist so gesehen zahmer geworden, das stimmt.

The European: Was wohl mit der größeren gesellschaftlichen Toleranz einherging. Müsste man sich nun nicht um die kümmern, deren Kampf erst begonnen hat, beispielsweise die Transgender?
von Praunheim: Man würde natürlich glauben, dass eine Minderheit sich mit anderen Minderheiten solidarisiert. Wir haben Unterdrückung erlebt und müssen jetzt auch Solidarität zeigen. Es darf eigentlich keine Vorurteile oder Feindschaften unter Minderheiten geben. Meine jüdische Freundin Lotti Huber hat erlebt, was es bedeutet, einer Minderheit anzugehören, und trotzdem bildete sie sich bei vielem schnell ein Vorurteil. Ich habe auch das Gefühl, dass Kino oder Fernsehen nicht mehr die nötige Vermittlungsarbeit leisten, weil man sich vielleicht denkt, dass der Emanzipationskampf der LGTB-Bewegung an Dringlichkeit verloren habe. Es gibt aber auch weniger Nachfrage nach solchen Filmen oder Büchern seitens der Bewegung.

The European: Der Filmemacher Jack Smith hat mal gesagt, dass die Normalität die schlechte Seite der Homosexualität sei. Er wollte es radikal halten, bis man an dem Punkt ist, dass es komplett in der Gesellschaft angekommen ist.
von Praunheim: Es gibt auch eine Lust an der Unterdrückung – das sollte man nicht vergessen. Man weiß aus Studien, dass es zum Beispiel Frauen gibt, die es toll finden, vom Mann dominiert zu werden. Vielleicht gibt es so was auch in der Schwulenbewegung und daraus entsteht dann diese Haltung, sich an die Außenseiterposition zu klammern, aus der man eigentlich schon rausgewachsen ist. Ich denke, dass wir nicht unbedingt radikal sein müssen, sondern einen sinnvollen Dialog suchen sollten. In der Schule könnte man mehr auf das Thema eingehen und auch heranwachsenden Machos klar machen, dass ihr Verhalten Konsequenzen für andere hat.

„Die Gesellschaft muss auf das Internet reagieren“

The European: Gerade entzündet sich harsche Kritik an einem entsprechenden Bildungsplan in Baden-Württemberg.
von Praunheim: Jeder weiß, dass Kinder sehr früh an Informationen kommen. Gerade durch das Internet. Früher haben wir Bildchen getauscht oder uns etwas zugeflüstert. Jetzt hat jeder Zugang zum Internet und wird so sozialisiert. Darauf muss die Gesellschaft in der Schule reagieren. Wenn ein Kind „Arschficker“ sagt, dann muss das halt erklärt werden. Das muss Platz finden in der Erziehung. Fragen müssen offen beantwortet werden. Das heißt ja nicht, dass Kinder dadurch verdorben werden. Man kann sie ja nicht von der Welt abschotten.

The European: Sie haben Interesse bekundet, eine schwule Serie zu drehen. Denken Sie, dass eine solche eine wichtige Funktion in der Erziehung und Aufklärung haben könnte?
von Praunheim: Das will ich hoffen. Allein die Tatsache, dass Schwule und Lesben im Fernsehen sichtbar geworden sind, hat vieles verändert. Wenn man etwas zeigt, ändert sich die Wahrnehmung der Zuschauer. Dass es bisher noch keine schwule Serie gibt, ist erstaunlich, da sich in anderen Ländern schon welche etabliert haben. Wir arbeiten dran. Ob es zustande kommt, ist noch nicht sicher.

The European: Letztes Jahr haben Sie die „Praunheim Memoires“ veröffentlicht und in diesem Kontext gesagt, dass Sie sich sowohl jung als auch alt fühlen. Gibt es abseits der Serie Projekte, die Sie anpeilen?
von Praunheim: Ich habe immer zehn bis zwanzig Projekte gleichzeitig laufen. Das ist wie in jeder Filmfirma, man entwickelt Konzepte und die klappen oder klappen nicht. Wenn es scheitert, dann meist an der Finanzierung und nicht an meinem Tatendrang.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Errol Morris: „Versuchen Sie mal, einen unpolitischen Kriegsfilm zu machen“

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