Man kann sagen: Viagra schuf mehr Härtefälle als Rot-Grün. Harald Schmidt

Niemand rührt sich!

Hastige Eingriffe der internationalen Gemeinschaft und überzogene Erwartungen schmälern die Erfolgschancen für den Wandel in Post-Revolutien. Das fiktive Land ist der Archetypus ungeduldiger Entwicklungspolitik.

Viel wissen wir nicht. Das ist wahrscheinlich die oberste Erkenntnis, die wir aus den letzten drei Jahrzehnten internationaler Demokratisierung und Wiederaufbauhilfe in Krisenregionen lernen können.

Leichtsinnig stürzen wir uns in komplexe Situationen, ohne durchdachte Lösungen parat zu haben. Nur selten warten wir, bis wir die politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Dimensionen des Landes durchdacht haben. In Allgemeinplätzen schwadronieren wir von integrativem, lokalem Wachstum. Aber wenn es ernst wird, kommen wir doch auf unsere Lieblingsgesprächspartner unter den Einheimischen zurück. Sie erzählen uns, was wir hören wollen, wirkliche Repräsentanten der öffentlichen Meinung sind es aber nicht. Meist geben wir zu viel Geld aus und stören die lokale Wirtschaft durch unsere Hilfszahlungen und Anwesenheit mehr, als dass wir helfen würden. Talentierte Einwohner arbeiten als Übersetzer und Fahrer für uns, statt den eigentlichen Wirtschaftskreislauf anzutreiben. Wir doktern herum, um jedes Detail der Verfassungen und Institutionen so aussehen zu lassen wie unsere eigenen. Und dann beginnen wir uns – oder unsere Gönner und Geldgeber zu Hause sich – zu langweilen. Investitionen schwinden dahin. Budgethilfen und Projekte versiegen. Irgendwann verlassen wir das Land und sind nicht selten im Unklaren darüber, ob wir überhaupt irgendetwas Gutes geleistet haben.

Aus dem Weg gehen ist die beste Strategie

Es gibt keinen Grund, „Post-Revolutien“ seinem eigenen Schicksal zu überlassen. Internationale Hilfsleistungen sind nicht notwendigerweise sinnlos oder schädlich. Ohne Frage helfen sie dabei, humanitäre Katastrophen abzuwenden und beschleunigen friedliche Reformen. Wir müssen nur lernen, es langsamer anzugehen. Wenn wir ernsthaft daran interessiert sind, „Post-Revolutien“ zu demokratisieren, ist die beste Strategie, aus dem Weg zu gehen. Zumindest in der Anfangsphase.

Wenn eine humanitäre Krise droht, müssen wir mit Nahrungsmitteln, Behausung und Medikamenten helfen. Kommt es zu einem Genozid, muss die internationale Gemeinschaft einschreiten. Abgesehen von diesen Einschränkungen heißt es aber, einen Schritt zurücktreten und den „Post-Revolutiern“ Zeit geben, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Sie werden es ohnehin nicht gutheißen, wenn große westliche Mächte ihren gestürzten Diktator decken. Auf diese Weise verspielt die internationale Gemeinschaft ihr Vertrauen, auch bei denen, die sie eigentlich unterstützen möchte.

27 Jahre brauchen Gesellschaften durchschnittlich, um Korruption zu besiegen

Wie müssen bescheidener an die Sache gehen: Langfristige Veränderungen brauchen Zeit. Die demokratischen Institutionen der führenden westlichen Staaten kosteten hunderte Jahre und viele blutige Kriege. Im besten Fall sind Reformen in einigen Jahrzehnten zu schaffen.

Der Weltbank-Bericht über Konflikte, Sicherheit und Entwicklung 2011 enthält einige Zahlen, die nüchtern stimmen. Länder, die im 20. Jahrhundert bedeutenden institutionellen Wandel durchlaufen haben, brauchten durchschnittlich 27 Jahre, um Korruption merklich unter Kontrolle zu bringen, 36 Jahre, um effektive Regierungsführung zu etablieren, 17 Jahre, um die Macht des Militärs einzuschränken und 41 Jahre, um Rechtsstaatlichkeit auf ein erträgliches Niveau zu heben.

Es ist nicht nur so, dass nachhaltige Reformen Zeit brauchen – überstürztes Handeln kann schwache Institutionen schlicht erdrücken. Komplexe Gesetzestexte einer Gesellschaft aufzuerlegen, die keine Erfahrung mit formaler Gesetzgebung hat, kann mehr schaden als helfen. Die Geschwindigkeit und Natur der Reformen müssen „Post-Revolutien“ angepasst sein. Der größte Fehler, den wir machen können, ist das „gut genug“ aufzugeben, weil das „Perfekte“ nicht erreichbar scheint.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jon Lomøy, Alina Mungiu-Pippidi, David Chandler.

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