Selbst sehr mächtige Länder können fremde Gesellschaften nicht in den Griff bekommen. Stephen Walt

Frankreich schielt nach Merkelland

Angela Merkels Unnachgiebigkeit in der Euro-Krise hat in Frankreich neben Angst vor deutscher Dominanz auch Respekt für ihre Souveränität hervorgerufen. Kurz vor den Bundestagswahlen dreht sich (fast) alles um die Kanzlerin und das deutsche Modell.

Lustig ging es schon immer zu auf dem deutsch-französischen Kinderspielplatz: Da saßen die kleine Angie und der zappelige Nico noch vor zwei Jahren zusammen im Buddelkasten und bauten mit Plasteförmchen Rettungs- und Sparpakete. Sie hangelten auf dem Klettergerüst zum nächsten Krisengipfel und ließen nur ungern die anderen Kinder mit auf die Wippe. Die Sandkasten-Liebe von Merkozy reichte gar bis zur offenen Unterstützung der Kanzlerin für den „Kandidaten“ Sarkozy bei einem gemeinsamen TV-Interview. Als hingegen der sozialistische Herausforderer François Hollande um einen Besuch in Berlin bat, zeigte ihm „Madame Non“ die kalte Schulter. Und nachdem der Gescholtene schließlich doch zum Präsidenten gewählt wurde lud er sich einige Wochen später (und noch vor der ersten Visite der Kanzlerin) seine roten Spielkameraden aus Berlin in den Elysée-Palast und die lustige SPD-Troika Gabriel-Steinmeier-Steinbrück strahlte vor Schadenfreude.

Mittlerweile aber haben sich die staatsgroßen Kleinen wieder einigermaßen vertragen. Bei ihren regelmäßigen Treffen werden Hollande und Merkel nicht müde, die engen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich zu unterstreichen, wofür es im Jubiläumsjahr des Elysée-Vertrags wahrlich ausreichend Gelegenheit gab. Auch wenn der französische Präsident seinen Landsleuten im Wahlkampf versprochen hatte, sich im Gegensatz zu seinem Vorgänger nicht dem „deutschen Diktat“ zu beugen, ist der von vielen befürchtete Totalausfall des deutsch-französischen Motors ausgeblieben und den kurzweiligen Zusammenschluss der südlichen Euro-Staaten gegen Merkels rigide Sparpolitik hat die Kanzlerin zumindest scheinbar verziehen.

Beziehungskrise und Kuschelkurs

Sticheleien von beiden Seiten gab es immer wieder. Im deutschen Wirtschaftsministerium sorgte man sich in einem internen Papier um den „kranken Mann Europas“ und um dessen Wettbewerbsfähigkeit. Hollandes linke Parteikameraden konterten ihrerseits, als sie der Sparkanzlerin ihre „egoistischen Unnachgiebigkeit“ vorwarfen. Und immer wenn es im deutsch-französischen Getriebe knirschte, rief die französische Oppositionspartei UMP die angebliche Zweisamkeit Merkozys in Erinnerung, selbst wenn diese von Beobachtern seinerzeit auch nur als Zweck- statt Liebesehe beurteilt worden war. So ging es das ganze Jahr lang munter auf und ab. Mal war von der schwersten Krise der deutsch-französischen Beziehungen seit Ende des zweiten Weltkrieges die Rede, dann wieder vom ostentativen Kuschelkurs.

Und nun stehen alle Zeichen auf Merkel III. Selbst die Tageszeitung „Le Monde“, wo das Herz traditionell links schlägt und für die Steinbrück im Gegensatz zu anderen französischen Medien zumindest kein Fremdwort, ja sogar der bessere Europäer ist, glaubt mittlerweile, dass Frankreichs Regierung mit Merkel reloaded leben kann. Es ginge Hollandes Mannschaft zuallererst darum, bis zu den Europawahlen im Mai 2014 wichtige Projekte wie den Fond zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit umzusetzen, um den euroskeptischen, radikalen Stimmen im Land keinen Auftrieb zu geben. Angesichts der konstanten Sympathie- und Umfragewerte für Angela im Merkelland, hat sich Hollande auch nicht dazu verleiten lassen, ihr jetzt noch in den Rücken zu fallen. Vor fünf Monaten hatte er zwar Steinbrück encore une fois nach Paris eingeladen und beide machten sich Hoffnungen auf eine Wende in der Europapolitik nach einem möglichen Regierungswechsel in Berlin. Der linke Flügel der Parti Socialiste machte indes weiterhin keinen Hehl daraus, dass ihnen der ehemalige Finanzminister Steinbrück zu wirtschaftsliberal daherkommt. Sie hätten lieber mit dem kuscheligen Genossen Gabriel an einem sozialeren Europa geschmiedet.

Merkelphob, merkelphil

Jenseits der politischen Klasse, verfolgte die Mehrheit der Franzosen den deutschen Wahlkampf aber eher gelangweilt. Denn verglichen mit dem spektakulär inszenierten Showdown der Präsidentenanwärter in Frankreich, haben die deutschen Wahlkampfveranstaltungen für Franzosen nur mäßigen Unterhaltungswert. Allein Deutschlandkette, Merkel-Raute und Stinkefinger sorgten für eine gewisse Abwechslung in der Berichterstattung. Die französischen Medien mühten sich zwar tapfer, ihren Lesern und Zuschauern auch Themen wie die doppelte Staatsbürgerschaft, die Familienpolitik oder die kleineren Parteien à la Piraten oder AfD zu erläutern, aber nichts und niemand faszinierte die Franzosen mehr als Angela Merkel und das Deutsche Modell. Die Zeitung „Libération“, bekannt für ihre markant-provozierenden Titelseiten, mahnte neben dem übergroßen streng blickenden Auge von Frau Merkel „Deutschland, die Schattenseiten eines Modells“.

Trotzdem: ihre Souveränität und Unnachgiebigkeit haben der deutschen Kanzlerin in Frankreich auch Respekt eingebracht. Sie hat dem französischen Präsidenten sieben Jahre Regierungserfahrung und das Charisma der Macht voraus. Natürlich werfen ihr viele Franzosen Egoismus und mangelnde Solidarität in der Europapolitik vor. Aber trotzdem: zwei Tage vor den deutschen Bundestagswahlen veröffentlichte die konservative Tageszeitung „Le Figaro“ eine Umfrage, nach der 56 Prozent der Franzosen für Kanzlerin Merkel stimmen würden. 63 Prozent fänden, Frankreich müsse sich vom Deutschen Modell inspirieren lassen und 52 Prozent glaubten weiterhin an die herausragende Bedeutung des deutsch-französischen Motors für Europa.

Merkophobie und Merkelphilie liegen bei Deutschlands wichtigsten europäischem Partner eben nah beieinander. Weil es als ziemlich sicher gilt, dass François auch nach dem 22. September mit Angela weiterspielen muss, täten die beiden also gut daran, sich dauerhaft zu vertragen. Denn auch wenn man sich manchmal mit Sand bewirft oder von der Schaukel schubsen will: alleine spielen, macht auf Dauer gar keinen Spaß.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Stefano Casertano, Simona Kustec Lipicer, Lukáš Novotný .

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