Ich liebe meine Frau, nicht meine Partei. Joschka Fischer

Normalität statt Abschiebung

Die Kommentare des französischen Präsidenten Sarkozy zeigen es wieder einmal: Sinti und Roma bleiben auch heute noch eine stigmatisierte Volksgruppe. Damit muss Schluss sein – schließlich sind Sinti und Roma kein "Volk ohne Heimat", sondern so europäisch wie jede andere Bevölkerungsgruppe auch.

Frankreichs Staatspräsident Sarkozy hat Probleme unterschiedlicher Art, unter anderem einen Korruptionsskandal und eine Abhöraffäre. Und löst daraufhin als Erstes die “illegalen Roma-Camps” auf – seine Ausfälle gegen Muslime gingen dabei fast unter –, woraufhin er zu Recht nicht zuletzt von Kollegen aus der eigenen Regierung und Partei auf die republikanischen Werte Frankreichs hingewiesen wird, vor allem aber er in den Medien breite Aufmerksamkeit findet.

Die Migration von Roma aus den neuen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union ist seit Jahren ein Thema, zu dem alle, besonders Journalisten, eine Meinung haben und sogar über das “Problem” etwas zu sagen wissen. Es sind gerade die Fragen, die eine Vielzahl von Journalisten an den Zentralrat Deutscher Sinti und Roma stellen, die mehr über die Wahrnehmung unserer Minderheit verraten als die Artikel, die sie dann schreiben. Im Anschluss an die Fragen zu Sarkozy, zur Lage der Roma in Rumänien oder Bulgarien, wird dann doch noch – zur Hintergrundinformation – nachgefragt, woher denn die Roma stammten und schließlich, wie das schlechte Bild der Roma in der Öffentlichkeit zu erklären sei. Vorab: Eine der bekannten und überzeugenden Antworten auf die Frage, woher der Antisemitismus stamme, lautet: von den Radfahrern. Diese Antwort überzeugt auch am Beispiel Frankreichs.

Vorurteile werden für politische Zwecke aktualisiert

Wir können hier wieder einmal beobachten, wie tief verwurzelte Vorurteile gegen eine Minderheit für politische Zwecke aktualisiert werden können. Und wir können sehen, wie diese Vorurteile gleichzeitig einen vernünftigen Umgang mit Migration und den damit verbundenen Problemen auf der Ebene von nationalen wie lokalen Institutionen verhindern. Die deutschen Sinti leben seit über 600 Jahren in Deutschland, die burgenländischen Roma heißen burgenländische Roma, weil sie seit Jahrhunderten im Burgenland ansässig sind. Gleiches gilt für alle anderen Gruppen in allen anderen Ländern Europas. Die aus dem Kosovo vertriebenen Roma waren dort ebenfalls seit mehr als 600 Jahren ansässig.

Umso verblüffender also, dass Roma immer wieder als “europäische Minderheit”, wenn nicht gar als “die ersten und wahren Europäer” beschrieben werden, weil sie “über kein Heimatland” verfügten und deshalb als “Nomaden nirgendwo erwünscht” seien. Reflexartig erscheint vor diesem Hintergrund die allgegenwärtige Forderung, dass Europa dieses Problem lösen müsse, es sei eine “europäische Verantwortung”. Hier treffen sich die unterschiedlichsten Akteure jedweder Couleur, gut meinende Unterstützer der Sinti und Roma ebenso wie Nationalisten, die die Minderheit aus den jeweiligen Nationalstaaten am liebsten generell ausschließen würden und die deshalb eine “europäische Lösung” fordern. Vor allen Dingen aber entlastet eine solche Forderung die jeweiligen Mitgliedsstaaten, die damit ihre eigenstaatliche Verantwortung nach Brüssel wegdelegieren. Brüssel wiederum ist weit entfernt von den Problemen auf lokaler und regionaler Ebene und empfiehlt die Entwicklung und Umsetzung von nationalen Strategien – ebenfalls integraler Bestandteil der Beitrittsverhandlungen und nach dem Beitritt ebenso schnell vergessen.

Sinti und Roma sind ein natürlicher Teil Europas

Es ist jetzt aufgrund des bekannt gewordenen Runderlasses des französischen Innenministeriums offenkundig, dass die Abschiebungen aus Frankreich gegen europäische Verträge wie die Freizügigkeitsrichtlinie von 2004 und die Grundrechtecharta ebenso verstoßen wie gegen französisches Recht. Sarkozys Politik hat rechtsradikale Positionen in der Gesellschaft akzeptabel gemacht. Dies birgt die Gefahr rechtsradikaler Gewalt in sich, wie Vergangenheit und Gegenwart hinreichend gezeigt haben.

Umso mehr ist es jetzt zu begrüßen, dass die Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, Viviane Reding, ein Verfahren gegen Frankreich vorbereitet. Die europäische Idee ist nicht nur für die Minderheit der Sinti und Roma, sondern für alle Völker Europas eine Erfolgsgeschichte. Und es sind Personen wie Frau Reding, dank derer die Roma-Minderheiten großes Vertrauen in die Europäische Kommission setzen.

Leserbriefe

Aus der Debatte

Europa der Regionen

Rätoromanische Schweiz

Adrian_michael

Nur etwa 50.000 Menschen sprechen heute noch Rätoromanisch. Doch die Sprache ist mehr als ein museales Relikt: Als Ausdruck lokaler Kultur und Motor der schweiz weiter...

Cla_riatsch
von Clà Riatsch
22.09.2010

Baskische Unabhängigkeit

Eta 4

Im Baskenland tobt der Kampf um die Unabhängigkeit. Doch im Zweifelsfall hat Madrid das letzte Wort – und regiert mit harter Hand. Doch ein Gewaltverzicht der ETA eröffnet neue Möglichkeiten zum Kompromiss.

Copyright_berriak-news_2010
von Ingo Niebel
16.09.2010

Die Unabhängigkeit Schottlands

2768304171_8c555f3613_b 1

Die nationalistische Scottish National Party regiert in Edinburgh und bezeichnet die Unabhängigkeit von Großbritannien als ihr Hauptziel. Dennoch mu weiter...

David-torrance
von David Torrance
06.07.2010

Mehr zum Thema: Viviane-reding, Sinti, Roma

Kolumne

Dsc_0357
von Alexander Görlach
07.03.2012

Debatte

Vorurteile gegen Roma

Valentiny_j_nos

Vorurteile gegen Roma

Es ist egal ob wir – die Roma – gebildet sind. Deutsche Juden waren hochgebildet; vor dem Holocaust hat sie das trotzdem nicht gerettet. Roma sind zur gleichen Zeit kaum zur Schule gegangen. Dennoc... weiterlesen

Valeriu_nicolae
von Valeriu Nicolae
16.02.2012

Kolumne

Wolf-christian_ulrich_kopf
von Wolf-Christian Ulrich
31.01.2012
meistgelesen / meistkommentiert