In der Welt ist es leider zu oft so, dass Menschen den Geldwert einer Sache mit deren tatsächlicher Wertigkeit assoziieren. Peter Silverman

Wie in aller Welt kann man Karl zum „Vater Europas“ machen?

Heute, am 10 Mai 2018, knallen in Aachen die Sektkorken. Emmanuel Jean-Michel Frédéric Macron, Staatspräsident von Frankreich, wird mit dem Karlspreis geehrt. Vorbild ist Kaiser Karl I., genannt der „Große“, „Vater Europas“.

Dieser erregt mit seinem erfolgreichen Bemühen, Mitteleuropa in einem 40jährigen Krieg auf sich und den Katholizismus einzuschwören, noch heute das Staunen europäischer Politiker. Weswegen diese auch gerne zur Verleihung des „Karlspreises“ nach Aachen eilen.

Karl und Christi Himmelfahrt

Damit niemand auf den Gedanken kommt, Europa werde etwa durch das gemeinsame griechisch-römische Fundament, durch die Aufklärung, Menschenrechte und den Gedanken der Freiheit geeint, findet die Verleihung traditionell am Feiertag Christi Himmelfahrt statt, was jedermann klar macht, dass eigentlich nur einer, der an die himmlische Reise Jesu glaubt, für eine Würdigung in Frage kommt und nicht etwa Muslime, Buddhisten, Konfessionsfreie, Agnostiker, Kommunisten, Häretiker, Heiden, Abergläubische oder gar Ketzer. So ganz genau weiß allerdings niemand, wie die Himmelfahrt Jesu die europäische Einigung gefördert hat, aber das dürfte wohl alles seine Richtigkeit haben, zumal auch Päpste den Karlspreis erhielten, die sich bekanntlich redlich bemühten, Europa zu einigen, – katholisch natürlich. Ansonsten werden die Politiker der Reihe nach, von oben nach unten abgearbeitet. Im Jahr 2015 war der Präsident des EU-Parlaments, Martin Schulz, an der Reihe. Schon allein deshalb, weil der Geehrte das katholische Heilig-Geist-Gymnasium der Missionsgesellschaft der Spiritaner besuchte, das er nach der 13. Klasse mit der Mittleren Reife verließ. Nun, im Jahre 2018, ist Macron an der Reihe. Zwar droht sein enthusiastisches Modell von einem vertieften Europa eben dieses Europa zu spalten, aber das sieht man in der Stadt der Printen anders.

Ein Kaiser, eine Ideologie und vierzig Jahre Krieg

Der Stuttgarter Theologe Karl von Gerok gibt im Jahr 1867 dem noch heute gültigen Zeitgeist über einen bildungsbeflissenen Karl ein Gesicht: „Als Kaiser Karl zur Schule kam und wollte visitieren, da prüft’ er scharf das kleine Volk, ihr Schreiben, Buchstabieren, Ihr Vaterunser, Einmaleins und was man lernte mehr“, schrieb er. Etliche Bildungsforscher des 19. und 20. Jahrhunderts folgten dem Theologen und bis heute nehmen Historiker die berühmte Epistola de litteris colendis (785) und Hinweise auf die Einrichtung von monastischen Schulen in der Admonitio generalis (789) zum Anlass, Karl die Gründung von Land- und Volksschulen zuzuschreiben. Der Kaiser habe einem Schulsystem wie „nie in der abendländischen Geschichte einen hohen Rang“ eingeräumt. „Ein Meilenstein in der europäischen Geschichte, ein Markstein sei Karl gewesen, meint Raphael Zehnder vom Schweizer Rundfunk und Fernsehen, „nach Karl war der Kontinent ein anderer“.

Aber eine auch nur oberflächliche Analyse der Quellen lässt erkennen, dass Karl sich nicht um Bildung sorgt. Er gründet nicht eine öffentliche Schule, fördert nicht eine Wissenschaftsdisziplin, eröffnet nicht ein Theater, finanziert nicht eine öffentliche Bibliothek und erlöst nicht eine Stadt aus dem dumpfen Milieu der Verlotterung. Die städtische Kultur liegt am Boden, die Menschen hausen in armseligen Holzbaracken, entleeren die Notdurft auf die Straße und Paris ist ein Müllhaufen. „Wissenschaft“ à la Karl forscht nicht, generiert keine Durchbrüche, ist weder innovativ noch tiefgründig. Originalität findet man selten, die ausgetretenen Pfade der lateinischen Kirchenväter-Theologie werden kaum verlassen. Stattdessen fördert Karl Religionsschulen, die nur einer Minderheit des priesterlichen Nachwuchses zur Verfügung stehen. Die Admonitio generalis beschreibt in achtzig Kapiteln, wie sich alle Kräfte an der Lehre der katholischen Kirche orientieren sollen und drückt unmissverständlich aus, worum es ihm geht: Der Kaiser sorgt sich um Psalmen, Predigten und Gebete; es sei notwendig, Psalmen in korrektem Latein singen zu können. Seine “Hofakademie” gereicht jeder katholischen Fakultät zur Ehre.

Karl und das frühe Mittelalter sind nicht an der Bildung des Volkes, nicht an einer Überlieferung antiker Texte an sich oder an der Sicherung der antiken Zivilisation interessiert, sondern an der Konservierung der weltlichen und kirchlichen Herrschaft. Seine Gesetze und Schriften, sein Verhalten und Handeln sind von totalitärer Theologie durchtränkt, seine Kunst gilt der Heilsvermittlung, seine Einzigartigkeit offenbart sich in der Reform der fränkischen Kirche. Die angebliche „Renovatio“ ist nichts anderes als ein missionarischer Sturmangriff auf die individuelle Denk- und Religionsfreiheit, auf die Freiheit des Einzelnen überhaupt. Karl hinterlässt einen blutgetränkten Acker, droht den unterdrückten Völkern an, „sterben soll, wer Heide bleiben will“, überzieht ein Riesenreich zwischen Atlantik und Oder mit abenteuerlichen Vorschriften bis in den Hühnerstall hinein, verbietet per Reichserlass den Hunden, in der Kirche herumzustreunen, und lässt die Wissenschaft in Apathie verstummen. Am Ende ist die gesamte geistige Elite kaltgestellt und die Kultur auf eine monothematische Restkultur reduziert.

Karls Handeln steht in krassem Gegensatz zu allem, was Europa Gesicht und Farbe verleiht.
Dieser fromme Mann, der ein riesiges Erziehungsprogramm für ein heilsbedürftiges Volk auflegt, der die Gesetzgebung vollständig auf Bibel und Kirchenrecht gründet und den Dienst am Katholizismus unter Androhung der Enthauptung bei Ungehorsam verordnet, um das Volk Gottes zu „den Weideplätzen des ewigen Lebens“ zu führen, dieser Religionstyrann, der den Frauen die Peitsche androht, wenn sie nicht das Vaterunser auswendig können, dieser Mann, der kaum lesen und schreiben kann, der ein Riesenreich aus dem Sattel zu regieren versucht, soll „den entscheidenden Impuls für die Erneuerung der vernunftbetonten, intellektuellen Kultur des Abendlandes“ gegeben haben? Dieser Glaubenskrieger, der die Gesellschaft im Zeichen des Sakralkönigtums neu ordnet, der Bischofsburgen zu Brückenköpfen der Mission errichtet, der einen vernagelten Religionsfanatismus vertritt ohne Platz für andere Welten, der die Städte vergammeln lässt und die Wirtschaft eines Riesenreiches an die Wand fährt, dieser Mann soll die „Gallionsfigur eines im Frieden vereinten Nachkriegseuropas“ sein?

Nie und nimmer. Dieser Hardcore-Katholik, der als “Sachsenschlächter” von sich reden macht, hat mit einem Europa, wie wir es heute verstehen, mit der Fähigkeit zum demokratischen Diskurs, mit Kritik und Kompromiss, mit kultureller Vielfalt und dem freien Denken so viel am Hut wie Kaiser Wilhelm mit der Demokratie. Karls „Einigung der Stämme“ unter katholischer Flagge ist eine Einigung à la Warschauer Pakt und hält, wie dieser, nur wenige Jahrzehnte. Rom dagegen macht es vor, wie man ein Riesenreich mit religiöser Toleranz sowie der Förderung und dem Export von Kultur und Zivilisation fünfhundert Jahre lang zusammenhält. Gewiss auch mit Truppen, aber nur mit Legionen hätte das Reich auf diesem hohen Niveau niemals so lange überleben können Immerhin finden die Germanen das römische Reich so attraktiv, dass sie sich um Ansiedlung bemühen und um Integration in die Legionen buhlen.

Das Ende

Karl stirbt im Jahr 814 und wird angesichts der Verdienste um den Katholizismus heiliggesprochen. Die Heiligkeit hat nicht lange Bestand, aber ein „Seliger“ bleibt er immer noch. Und ein „Großer“ ohnehin. Karls Eintreten für die römische Kirche sorgt dafür, dass sich das Frankenreich in eine Theokratie verwandelt und ein neuer Stern am christlichen Himmel funkeln wird: der Stellvertreter Gottes mit politischem Anspruch. Der Papst. Dieser sorgt 1077 auf spektakulärer Bühne dafür, dass sich der Staat der Kirche unterwirft und Heinrich IV. büßend nach Canossa pilgert.

Gegen Ende seiner Herrschaft muss der alternde Kaiser wohl gespürt haben, dass seine Politik gescheitert ist, Größe und Vielschichtigkeit des Reiches seine Möglichkeiten überschritten haben. Anderenfalls hätte er wohl kaum in seinem Testament verfügt, das Reich unter seinen Söhnen aufzuteilen. Eine Entscheidung, die Karls bisherige Expansionspolitik konterkariert: Sein Reich wird zum Spielball seiner Söhne und Neffen und nach erfolgreicher Kaperung des öffentlichen Lebens zur Prise der katholischen Kirche, die zum größten Grundbesitzer Mitteleuropas aufwächst und alle wichtigen Positionen in Politik und Verwaltung mit ihresgleichen besetzt. Sie wird mit Hilfe fränkischer Herrscher zur eigentlichen Klammer Mitteleuropas.

So sei die Zeit eben gewesen

Als Entschuldigung für Karls robuste Staatsführung wird das Standardargument verwendet, Karl sei ein Kind der Zeit gewesen, und damals hätten nun einmal die „Oberen“ den „Unteren“ die Religion vorgeschrieben, um im besten Wollen „Heiden“ die Voraussetzung für das ewige Heil zu verschaffen. Abgesehen davon, dass die Zwangsbekehrung zu allen Zeiten als unchristlich zu verstehen ist, bleibt Karls Zwangsmissionierung mit dem Schwert der religiöse Sündenfall des Kaisers, zumal im benachbarten arabischen Reich Juden und Christen nach ihrer Fasson selig werden können. In diesem Sinne repräsentiert Karl nicht „seine Zeit“ oder „ein ganzes Zeitalter“, sondern gestaltet die Zeit. Hitler ist nicht einfach ein „Kind der Zeit“, sondern Schöpfer einer einzigartigen Epoche mit all ihrer Brutalität. „Zeiten“ sind nicht einfach da, sondern werden durch Menschen gefüllt und geformt. Karl ist in diesem Sinne Gestalter der Zeit. Er trägt Verantwortung. Für vierzig Jahre Krieg, für Meinungs- und Religionsdiktatur, für Analphabetismus und wirtschaftlichen Niedergang. An seinen Händen klebt Blut. Karl lebt nicht in der Zeit, er gestaltet sie.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ulrike Trebesius, Gunter Weißgerber, Angela Merkel.

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Kolumne

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von Alexander Kissler
02.11.2010
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