Eine zarte Seele ist Voraussetzung für erfolgreiche Politik. Anton Hofreiter

Europas Kultur gründet im klassischen Athen und Rom

Die abendländische „Leitkultur“ ist eine Kultur der Humanität. Sie ist eine Hochkultur, entstanden in einem zweitausend Jahre währenden Prozess. Andere Kulturen können sie ergänzen, aber nicht ersetzen. Wird sie mit unterlegenen Kulturen vermischt, verliert sie Höhe, Glanz und Ausstrahlung.

Ein „Debatte nirgends, Geschrei überall“ erkennt Bassam Tibi in einem Leitartikel des CICERO vom 17. Mai 2017 und konstatiert, ihn nerve die von Politikern geführte Diskussion um eine deutsche Leitkultur.

„Leitkultur“ ist ein Begriff, der von dem deutschen Politikwissenschaftler syrischer Herkunft Bassam Tibi eingeführt wurde, um einen auf europäischen Werten basierenden gesellschaftlichen Konsens zu beschreiben. Bemerkenswert ist sein europäische Ansatz, den man auch gut als einen „abendländischen“ Ansatz verstehen kann und der jegliche Deutschtümelei vermeidet.

Während Bassam Tibi die europäische Dimension des Begriffes „Leitkultur“ betont, verengt der Innenminister De Maizière in seinen kürzlich publizierten „Zehn Thesen für eine Deutsche Leitkultur“ die Diskussion auf deutsche Befindlichkeiten. Die Thesen wurden von mehreren Seiten, zum Teil heftig, kritisiert. Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung glaubt sogar erkennen zu können, De Maizières Leitkultur-Katalog sei gesellschaftsschädlich. Sawsan Chebli, Deutsche mit palästinensischen Hintergrund, ehemals Sprecherin von Außenminister Steinmeier und nunmehr in der Berliner Senatskanzlei für die Angelegenheiten von Bund und Länder zuständig, wittert in jeder Leitkultur-Diskusion „eine gefährliche Stimmungsmache gegen Muslime“. Für Jürgen Trittin ist die Leitkulturdebatte „pure rechte Stimmungsmache“. Die Zeit vom 4. Mai 2017 degradiert die Leitkulturdebatte zu einer Debatte ums Deutschsein, was ja gerade von Bassam Tibi als historisch falscher Ansatz gekennzeichnet worden ist.

Offenbar meinen also führende Publikationsorgane, Leitkultur sei in Form einer Identifikation und Halt gebenden historischen Entwicklung nicht zu fassen. Jeder Versuch, sie aus der spezifischen Historie eines Landes oder Kontinentes abzuleiten, sei irreführend, wenn nicht sogar „gesellschaftsschädlich“. Hinweise auf Aristoteles, Platon oder Cicero, die nach bisherigem Verständnis ganz wesentlich zur abendländischen Kultur beigetragen haben, werden ebenso großzügig ignoriert wie Rousseaus Gesellschaftsvertrag, David Humes Untersuchungen über die Prinzipien der Moral, Beethovens Sinfonien oder Kants Kritiken. Vergeblich sucht man in der Debatte Hinweise auf den europäischen Kampf um Aufklärung und Humanismus. Kultur ist irgendwas und wird so zu einem schwammigen, inhaltslosen und grenzenlosen Allerlei.

Europas Kultur gründet im klassischen Athen und Rom

Natürlich haben wir eine spezifische Kultur und wem das nicht genügt, kann sie „Leitkultur“ nennen. Theodor Heuss erinnerte 1950: „Es gibt drei Hügel, von denen das Abendland seinen Ausgang genommen hat: Golgatha, die Akropolis in Athen, das Capitol in Rom. Aus allen ist das Abendland geistig gewirkt“. Heuss, so scheint es, war eine der letzten, der noch über die Bildung verfügte, um die Bedeutung des antiken Erbes zu erkennen. Dort, in Athen, trat das Wort des Bürgers und die Sprache der Vernunft an die Stelle der Sprüche von Orakeln und Wahrsagern. Dort wurde die demokratische Mitsprache aller anerkannter Bürger beschlossen, Theater gegründet und unvergleichlich schöne „klassische“ Kunstwerke geschaffen. Zahllose Worte, vom Theater zum Orchester, erinnern noch heute an den griechischen Stamm unserer Kultur.

Rom ergänzt die griechische Kultur, schafft Ordnung, liefert den Völkern Recht und Gesetze, Thermen und Theater, Fernstraßen und Städte und noch heute stehen wir staunend vor den Meisterleistungen römischer Ingenieure. Zusammen mit der griechischen Kultur ist die römische bis heute stilbildend. Wir nennen sie „antike“ Kultur. Ihre überragende Bedeutung für die westliche Welt ist unbestritten. Sie ist das Fundament, auf dem Europa ruht.

Der Beitrag der islam-arabischen Kultur

Die antike Kultur verfällt ab dem 5. Jahrhundert im lateinsprachigen Mitteleuropa. Gründe und Umfang des Verfalls sollen uns hier nicht beschäftigen. Aber bereits zur Zeit Karls „des Großen“ ist die Stadtkultur untergegangen, übt der Katholizismus sein strenges Regiment über Ehebett und Gesetze aus, kann fast das gesamte Volk nicht mehr lesen und schreiben. Die viel gerühmte Klosterkultur ist nur ein Schatten der antiken. Die Mönche sind auf Gott eingeschworen und nicht auf außerbiblische Bildung; ihre Bibliotheken haben bestenfalls einen Bestand von wenigen hundert Werken gegenüber mehreren Hunderttausend in den antiken öffentlichen Bibliotheken.

Parallel zum Verfall des Nordens schwingen sich im islamischen Süden Europas die Städte zu kulturellen Höhen auf. Die islam-arabische Kultur wächst in kurzer Zeit wie Phönix aus der Asche. Sie integriert die griechisch-römische Kultur, adaptiert indische, asiatische und persische Beiträge, ordnet und ergänzt das Erworbene und beherrscht zwischen 700 und 1400 die Welt zwischen Indus und Atlantik. Die neue islam-arabische Kultur wird zum Maßstab aller Kulturen. Córdoba, die Kali-fenstadt im arabischen Spanien, gilt als „Zierde des Erdkreises“, Bagdad als weltweiter „Hort der Weisheit“.

Ab dem 13. Jahrhundert dringt das islam-arabische Wissen via Toledo und Sizilien nach Mitteleuropa. Nach tausend Jahren Düsternis kehren Teile der antiken Kultur an ihren Ursprungsort zurück. Europa wird zum Erben und Nutznießer der heidnischen Antike im arabischem Gewand und erblüht in der „Renaissance“. Das „finstere“ Mittelalter wandelt sich. Die lange unterdrückten schöpferischen Kräfte finden einen, wenngleich noch begrenzten, Raum zur Entfaltung. Der islam-arabischen Beitrag zur abendländischen Kultur ist seitdem unübersehbar, unser Wortschatz wimmelt von Arabismen: Admiral, Giraffe, Haschisch, Matratze, Sofa, Zucker, Algebra, Chemie, alles ist arabischen Ursprungs.

Aufklärung

Im 18. Jahrhundert leitet die Aufklärung, Höhepunkt europäischer Geistesgeschichte, die Revolutionen für Freiheit, Mitbestimmung und Menschenrechte ein. Ihre unsterbliche Formel lautet: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“. Ihre Forderungen nach Demokratie, Freiheit und Gleichberechtigung sind die Werte, die heute die westliche Hemisphäre prägen und ihr Ausstrahlungskraft verleihen. Kant und Rousseau, Goethe und Schiller, Beethoven und Bruckner verleihen ihr ein unverwechselbares Gesicht.

Leitkultur des Abendlandes

So sind Antike, islam-arabische Hochkultur und Aufklärung die eigentlichen tragenden Bausteine europäischer Kultur. Die modernen Naturwisssenschaften, Fortschritte in der Medizin, Forschung und Theorien ergänzen sie. Das Konglomerat können wir „Leitkultur“ nennen, die nicht mehr Gott in den Mittelpunkt allen Denkens und Handelns stellt, sondern den Menschen. Die abendländische „Leitkultur“ ist also eine Kultur der Humanität. Sie ist eine Hochkultur, entstanden in einem zweitausend Jahre währenden Prozess. Andere Kulturen können sie ergänzen, aber nicht ersetzen. Wird sie mit unterlegenen Kulturen vermischt, verliert sie Höhe, Glanz und Ausstrahlung.

Der Beitrag des Christentums ist unübersehbar. Aber berauschende Orgelkonzerte, beeindruckende Klosterbibliotheken und fein ausgemalte Bibelübersetzungen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um kirchenkulturelle Leistungen handelt, die für die geisteswissenschaftliche und demokratisch-gesellschaftliche Entwicklung Europas von geringerer Bedeutung sind. „Christliche Kultur“ ist eine Teilkultur, spezialisiert auf die Verehrung Gottes und nicht auf die gesellschaftliche Weiterentwicklung. Sie wartet seit der Gotik mit hohen Erzeugnissen auf, aber ihre fundamentale Religiösität hinterließ überall in der Welt Spuren der Verwüstung. Sie ist eine Teilkultur, in der sich das Gute den Rang mit dem Schmach des Unanständigen teilen muss.

**Aus: Rolf Bergmeier, Christlich-abendländische Kultur. Eine Legende, 2014.__

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Egidius Schwarz, David Berger, Andreas Plöger.

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