Ich rotiere höchstens, wenn ich Opfer des Rotationsprinzips werde. Oliver Kahn

„Es gibt Gegensätze, die kann man nicht zukleistern“

Seit 23 Jahren wälzt die Stasi-Unterlagenbehörde Akten. Roland Jahn ist ihr dritter Chef. Im Gespräch mit Thore Barfuss und Sebastian Pfeffer fühlt er den Autoren unserer Debatte auf den Zahn. Und das tut richtig weh.

The European: Herr Jahn, was ist 23 Jahre nach Gründung Ihrer Behörde die wichtigste Aufgabe?
Jahn: Diktatur begreiflich machen, um Demokratie zu gestalten. Das ist der Kern. Der setzt sich natürlich aus vielem zusammen.

The European: Nämlich?
Jahn: Aus den Betroffenen, die die Akten nutzen, ihr Schicksal aufklären und ihre Erfahrung weitergeben. Aus den Forschern und Journalisten, die die Akten zur Recherche heranziehen. Und natürlich auch aus der detaillierten Darstellung der Stasi-Tätigkeit in Publikationen, Ausstellungen und Lehrmaterial.

The European: Wenn Sie sagen, „Diktatur begreifen“, hat das zwei Aspekte. Zum einen, das bereits Verstandene zu ­bewahren. Zum anderen, die Defizite aufzuarbeiten.
Jahn: Die Diktatur zu begreifen, heißt für mich, ihre Mechanismen zu begreifen. Es hilft nicht, auf die Täter von damals zu zeigen und sie zu beschimpfen. Wir wollen wissen, wie sie zu Verantwortlichen der Diktatur wurden. Warum sperren Menschen andere Menschen ein, nur weil diese ihre Meinung sagen? Dies zu ergründen ist ein wichtiger Prozess.

The European: Wie schätzen Sie den Stand der Aufarbeitung ein?
Jahn: Aufarbeitung und Aufklärung kann es nie genug geben. Einiges ist schon geleistet worden, auch wenn es zum Beispiel beim Wissen der Jugend noch Defizite gibt. Auffällig ist, dass in den Familien noch zu viel geschwiegen wird. Es wird zu wenig über das gesprochen, was Eltern oder Großeltern gemacht und erlebt haben. Da habe ich aber große Hoffnungen.

The European: Weshalb?
Jahn: Weil gerade eine Generation nachwächst, die nicht involviert war. Die Kinder der DDR organisieren den ­Dialog mit ihren Eltern. Das Netzwerk „3. Generation Ost“ hat sich dafür gegründet, und die noch Jüngeren gehen total unvoreingenommen an die Sache heran.

The European: In unserer Debatte stellen wir die Frage, wie es 23 Jahre nach dem Ende der zweiten deutschen Diktatur um die Aufarbeitung bestellt ist und ob heute eine Bewegung wie die der 68er nötig ist. Halten Sie diesen Vergleich für sinnvoll?
Jahn: Er ist sinnvoll, weil wir auch heute erleben, dass eine junge Generation frische Fragen stellt: Warum haben meine Eltern mitgemacht? Warum haben sie sich angepasst? Oder: Wie sind sie zum Widerspruch gekommen? Klar ist: Das kann nicht mit der NS-Zeit gleichgesetzt werden. Der Terror der Nazis ist einmalig.

The European: Natürlich. Aber sehen Sie noch weitere Unterschiede?
Jahn: Ein Unterschied ist sicher, dass wir bei der DDR-Aufarbeitung in den letzten 20 Jahren viel mehr öffentlich diskutiert haben. Es gibt viel bessere Informationsmöglichkeiten, als das 1945 der Fall war. Wenn junge Leute mit dem Thema konfrontiert werden, sind sie hoch interessiert. Bei Veranstaltungen sage ich immer: „Bleibt nur hier, wenn es euch wirklich interessiert.“ Ich erlebe aber immer wieder, dass es für Jugendliche spannend ist, auf die Vergangenheit der Diktatur­ zu schauen.

The European: Warum ist das so?
Jahn: Weil junge Menschen etwas für ihr eigenes ­Leben lernen können. Es geht um ganz grundlegende Dinge: Verrat oder Freundschaft, Anpassung oder Widerspruch.

“Auch Hans Modrow nutzt die Vorzüge der Demokratie”

The European: Hans Modrow schreibt in seinem Debattenbeitrag, Deutschland befinde sich 23 Jahre nach der Vereinigung noch immer in einer „tiefen Zweiheit“. Sehen Sie das auch so pessimistisch?
Jahn: Das ist eine Frage des Blickwinkels. Auch in der DDR gab es eine „Zweiheit“: Die Trennlinie zwischen den SED-Bonzen, wie Modrow einer war, und den Menschen, die unter der Diktatur gelitten haben. Modrow wird seine Schwierigkeiten mit unserer heutigen Gesellschaft haben, weil er aus seiner Perspektive im DDR-System das bessere sieht. Obwohl ich glaube, dass er die Vorzüge der Demokratie gut nutzt. Er nimmt die Meinungs-, Versammlungs- und Reisefreiheit gerne an.

The European: Sind die Fronten verhärtet, oder kann ein Dialog mit alten SED-Kadern wie Modrow funktionieren?
Jahn: Ich erhoffe mir das! Ich fordere den Dialog geradezu heraus. Es ist wichtig, dass wir mit den Verantwortlichen von damals sprechen und gemeinsam mit ihnen aufarbeiten, wie die Diktatur funktioniert hat.

The European: Auch in der Bevölkerung in Ost und West existieren noch ganz spezielle Befindlichkeiten.
Jahn: Aber es gibt nicht „die Ossis“ oder „die Wessis“, sondern viele Menschen mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen. Allein im Osten reicht die Bandbreite von Stasi-Offizieren bis zu denen, die unschuldig im Gefängnis saßen.

The European: Eine der zentralen Fragen ist, wie man mit den Menschen umgeht, die in das System involviert waren. Direkt nach Ihrer Wahl 2011 haben Sie eine Debatte ausgelöst, weil Sie ehemalige Stasi-Mitarbeiter aus Ihrer Behörde versetzen lassen wollten. Stand der Dinge: Die meisten sind noch da.
Jahn: Von den 48 ehemaligen Stasi-Mitarbeitern arbeiten jetzt noch 37 bei uns. So etwas braucht Zeit. Es geht nicht darum, die Brechstange anzusetzen, sondern rechtsstaatlich korrekt und menschlich respektvoll zu handeln. Wichtig ist der Symbolcharakter. Besonders für die Opfer.

The European: Bundestagspräsident Norbert Lammert hat bei Ihrer­ Wahl gesagt, der Chef der Stasi-Unterlagenbehörde müsse ein Kopf sein, der dem Thema in der Öffentlichkeit zu Aufmerksamkeit verhilft. Wie sehen Sie Ihre Rolle?
Jahn: Es ist immer schwierig, über sich selbst zu reden. Aber ich merke, dass meine Doppelrolle als Zeitzeuge und Bundesbeauftragter hilft, den nachfolgenden Generationen etwas über das Leben in der DDR zu vermitteln.

The European: Sie sind gerade am Anfang ihrer ersten fünf Jahre.­ Wie lange braucht Aufarbeitung – werden­ Sie vielleicht der letzte Beauftragte für die Stasi-Unterlagen sein?
Jahn: Ich sage bewusst immer wieder: Behörden existieren so lange, wie Bürger sie brauchen. Es gibt Aufgaben, die der Staat unserer Behörde übertragen hat. Man muss sehen, ob diese Behörde auch in Zukunft das geeignete Instrument sein wird, die Aufgaben zu erfüllen.

The European: Also kein Schlussstrich?
Jahn: Aufklärung kennt keine Schlussstriche! Die Akten müssen immer zugänglich sein.

The European: Würden Sie sich denn einen Nachfolger wünschen?
Jahn: Es ist wichtig, auf das aufzubauen, was mit dieser Behörde in 20 Jahren geleistet wurde. Das darf nicht beschädigt werden, wenn man es in etwas Neues überführt. Solch ein Schritt muss wohlüberlegt sein.

The European: Bei Ihrer Wahl haben Sie etliche Stimmen aus der Linkspartei bekommen. Qua Ihrer Biographie ist das Verhältnis zur SED-Nachfolgepartei schwierig. Wie haben Sie das damals verstanden?
Jahn: Als positives Signal. Als Zeichen, dass der Dialog möglich ist. Aber es gibt noch einiges zu tun. Die Linkspartei ist herausgefordert, noch offener mit der eigenen Rolle umzugehen.

The European: Dietmar Bartsch schreibt bei uns: „Keine zweite Partei hat sich nach 1990 so intensiv mit der jüngeren Geschichte befasst wie wir.“ Dem würden Sie also nicht zustimmen?
Jahn: Bei der Linken ist die Verantwortung immens größer, als zum Beispiel bei CDU und FDP, in denen DDR-Blockparteien aufgegangen sind. Aber alle Parteien sind herausgefordert, ihre Geschichte aufzuarbeiten. Man sollte aber schon bei der Realität bleiben: Es war die Diktatur der SED.

“Was wollen wir mehr als eine ostdeutsche Kanzlerin und einen ostdeutschen Präsidenten?”

The European: Eine andere Partei, Bündnis 90/Die Grünen, feierte gerade 20 Jahre Zusammenschluss. Warum hat sich das ostdeutsche Bündnis 90 nie wirklich in der heutigen Partei durchsetzen können?
Jahn: Ich würde dem nicht ganz zustimmen. Gerade bei den Grünen sind die Menschen- und Bürgerrechte sehr präsent. Wir haben in unserer Arbeit hier immer eine große Unterstützung durch die Grünen erfahren.

The European: Werner Schulz, der einzige, der sich aus dem Bündnis 90 wirklich auf Dauer etablieren konnte, sagt: „Bündnis 90 ist im grünen Tee aufgelöst worden.“
Jahn: In der Politik hat jeder die Chance, seinen Weg zu gehen. Es ist zu einfach, das auf einzelne Parteien zu schieben. Wir haben einen ostdeutschen Präsidenten und eine ostdeutsche Kanzlerin. Was wollen wir mehr? Die einen schimpfen darüber, dass der Osten nicht in der Fußball-Bundesliga vertreten ist, andere betonen die wirtschaftlichen Unterschiede. Jeder kann aber selbst einen Teil dazu beitragen, dass die Deutsche Einheit gelebt wird.

The European: Gerade ist ein neues Buch über Angela Merkels DDR-Vergangenheit erschienen. Auch wenn dort keine bahnbrechende Erkenntnis über ihre Verstrickungen in die SED-Diktatur zu Tage gefördert wurde, wird doch wieder deutlich, wie schwer die Grenze zwischen Mitläufertum und Tätern gezogen werden kann.
Jahn: Es gibt keinen gesellschaftlichen Maßstab für das Verhalten in der Diktatur. Die konkreten Rahmenbedingungen sind unterschiedlich und subjektiv. Es ist wichtig, dass sich jeder selbst fragt: Hätte ich in der Situation, in der ich war, anders handeln können? Niemand sollte als Scharfrichter auftreten.

The European: Gregor Gysi schreibt in unserer Debatte, dass heute viele ihr Leben in der DDR entwertet sehen.
Jahn: Ich denke nicht, dass das Leben in der DDR eine Entwertung erfahren hat. Die Missstände in der DDR sind klar benannt worden. Gregor Gysi, der als ehemaliger SED-Kader viel Verantwortung trägt, kann sich diesen Schuh vielleicht anziehen. Für mich kann ich nur sagen: Ich fühle mein Leben in der DDR nicht entwertet. Eher hochgehoben.

The European: Warum?
Jahn: Auch in der Diktatur scheint die Sonne. Zusammen mit vielen Mitstreitern und Freunden haben wir es uns trotz der Verhältnisse „schön“ gemacht. Das hat uns gestärkt und uns die Voraussetzung gegeben, im heutigen Deutschland zurecht zu kommen.

The European: Eine ganz andere Form der Ostalgie.
Jahn: Durchaus! Ich habe viel in der DDR erlebt, was mir heute hilft, wenn ich in Konflikte gerate.

The European: Seit Jahren stehen sich die üblichen Verdächtigen unversöhnlich gegenüber. Geht das jetzt immer so weiter, oder haben Sie Hoffnung auf Konsens?
Jahn: Es gibt Gegensätze, die kann man nicht zukleistern. Dort, wo es Differenzen gibt, müssen sie offen ausgesprochen werden.

The European: Gregor Gysi schreibt von „hauptberuflichen und kenntnisarmen Aufklärern“ wie Hubertus Knabe. Schottet man sich mit solchen Aussagen nicht ab?
Jahn: Die Ostdeutschen, die ihre Herkunft als Ausweis ihrer Kompetenz werten, überzeugen mich nicht. Herkunft und Kompetenz müssen nicht zwingend zusammenfallen.

The European: Wenn Sie 23 Jahre in die Zukunft gucken, welchen Zustand der Aufarbeitung halten Sie für wünschenswert?
Jahn: Ich möchte, dass die Menschen aufeinander zugehen. Dass diejenigen, die mitgemacht haben, sich zu ihrer Verantwortung und Schuld bekennen, damit Vergebung möglich wird. Ich kenne so viele Opfer, die sagen: „Ich will doch gar nicht, dass die bestraft werden. Ich will doch nur, dass die einmal eingestehen, dass sie uns Unrecht angetan haben. Dass ich eingesperrt worden bin, nur weil ich ein freies Wort gewählt habe.“ Es geht nicht um Abrechnung, sondern um Aufklärung und die Chance, vergeben zu können, ohne zu vergessen.

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 3/2013 des „The European“ enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Endlich Arbeitslos – Wenn Roboter unsere Jobs übernehmen, geht die Arbeit erst so richtig los. Über Chancen und Risiken einer Welt ohne Mühsal debattieren u.a. dm-Gründer Götz Werner und Nobelpreisträger Robert Solow. Weitere Debatten: Die Ressource Big Data, die neuen Geschlechterrollen sowie die Aufarbeitung der deutschen Teilungsgeschichte. Dazu Gespräche mit Jean-Claude Juncker, Jürgen Trittin und Anne-Marie Slaughter.

Sie können es hier direkt bestellen.

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