Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen und Gott und dem Evangelium mehr als dem Papst. Hans Küng

„Den Briten steht eine Kulturrevolution bevor“

Labour, außenpolitisches Selbstbewusstsein, die Wirtschaft, das Pfund und die Moral – alles liegt in Großbritannien momentan am Boden. Roger Boyes, Berlin-Korrespondent der London Times, im Interview über die Gründe für die britische Untergangsstimmung. Das Gespräch führte Constantin Magnis

The European: Mister Boyes, Großbritannien steckt so tief in der Krise wie seit Jahrzehnten nicht mehr, sind sie froh, gerade in Berlin und nicht in London zu sitzen?
Boyes: Naja, also eigentlich ist London momentan viel spannender als Berlin, weil das UK wirklich im Umbruch ist. Theoretisch sollte es hier in Deutschland auch eine Umbruchstimmung geben, aber irgendwie passiert das nicht …

The European: Das Pfund ist am Boden, Labour ist am Boden, das Vertrauen in die parlamentarische Demokratie ist durch den Spesenskandal erschüttert, das Vertrauen in die Regierung ist schon lange geschwunden, wie würden sie die Lage auf der Insel zusammenfassen?
Boyes: Nun, die Rezession hat dort dramatischer als in den anderen Industrieländern zugeschlagen, die Arbeitslosigkeit steigt noch immer, auch in der Mittelschicht, und die Prognosen, es würde nach 18 Monaten wieder aufwärtsgehen, haben sich nicht bestätigt. Neulich erst war ich in der Normandie, die in den Boomjahren praktisch zur Hälfte von Briten aufgekauft wurde. Überall stehen dort jetzt halb sanierte Bauernhäuser herum, weil niemand mehr das Geld hat, sie fertig zu bauen. Bis 2012 soll die Lage mindestens kritisch bleiben. Die Briten harren also in unheilschwangerer Erwartung einer ungewissen Zukunft.

Wenn die Queen wie vermutet bald abdanken würde, wäre das dramatisch

The European: Normalerweise orientieren die Briten sich in solchen Krisenzeiten an der Königin. Von der heißt es aber nun, sie sei dabei, abzudanken.
Boyes: Also, das sind Dinnerparty-Thesen, aber tatsächlich soll Prinz Philip schwer krank sein, und die Queen würde ohne ihn die Lust aufs Regieren verlieren. Das wäre dramatisch, denn besonders die Armee als traditionelle Säule der Gesellschaft wurde immer stark von der Queen geprägt. Die Enge Bindung von Krone und Armee wird von außen leicht unterschätzt.

The European: Inwieweit spielt denn das britische Militär eine Rolle für die Stabilisierung der Gesellschaft?
Boyes: Eigentlich haben die Briten seit dem Verlust des Empires versucht, sich neu zu definieren, erst Thatcher hat dem Land wieder eine – wenn auch künstliche – Größe gegeben. Indem sie wie wild privatisiert und damit der Mittelklasse neue Dynamik verpasst hat, aber auch indem sie den Krieg gegen Argentinien geführt hat und damit “hard power” demonstriert hat. Blair hat diese Linie als Amerikas Partner weitergeführt, und der Mythos der außenpolitischen Stärke hat bis etwa 2004 gehalten. Brown versucht jetzt ebenfalls noch, seinen Ruf als dynamischer Kriegsminister zu retten, zumindest bis zu den Wahlen im Mai, aber wir sind durch Blair so abhängig von der amerikanischen Politik geworden, dass ihm das nicht gelingen wird, weil Obama nicht mitspielt.

Blairs Schicksal erinnert an die griechische Mythologie

The European: Blair selbst hat es momentan auch nicht leicht …
Boyes: Richtig, im Grunde liest sich die Geschichte Blairs wie eine Metapher für das Geschick des Landes, das ähnelt mittlerweile der griechischen Mythologie: Letzte Woche war er noch der Favorit für die Europapräsidentschaft, jetzt prüft eine Kommission in London, ob er ein Kriegsverbrecher ist. So schnell geht das und mit einer Dramaturgie, dass es einem den Atem raubt. So ging es auch England: einmal ganz oben, dann wieder nicht. Für die Deutschen, die sich vor großen Würfen scheuen, ist das schwer zu verstehen …

The European: Wenn Teile der Größe Großbritanniens als identitätsstiftendes Element herbeikonstruiert wurden, wie verändert ihr Verlust die Selbstwahrnehmung der Briten?
Boyes: Sie haben jedenfalls recht, wenn sie 2009 als das Jahr identifizieren, in dem das Selbstbewusstsein unseres Landes den tiefsten Schlag bekommen hat. Wir waren immer sehr stolz auf unseren Parlamentarismus, auf unsere Debattenkultur, und wir haben die Deutschen für ihr System ohne richtige Konfrontation und Sprachwitz immer ein bisschen belächelt. Jetzt hat die Spesenkrise unser Vertrauen in die Politik zutiefst erschüttert, und die Entfremdung von der politischen Klasse bekommt man in England täglich zu spüren. Außerdem führen wir Kriege, die wir nicht führen wollen, durch die Rezession sind alle knapp bei Kasse, das alles hinterlässt die Briten orientierungslos, wir befinden uns tatsächlich in einer Art Untergang.

Wenn es den Briten schlecht ging, wurden sie nationalistischer. Heute können sie das nicht mehr

The European: Gehen Inselbewohner mit einer solchen Krise anders um, als die Menschen auf dem kontinentalen Festland?
Boyes: In der Tat hat man sich auf der Insel dem Rhythmus der Natur immer besser angepasst als auf dem Kontinent. Man hat gelernt zu akzeptieren, dass es auch mal ein Paar schlechte Ernte- oder Fischfangjahre geben kann. Immer wenn es den Briten in der Vergangenheit schlecht ging, wie in den 80ern, haben sie sich für ein paar Jahre nach außen hin abgekapselt. Wir werden dann etwas nationalistischer, etwas weniger europäisch, bleiben zu Hause und warten, bis der Sturm vorbei ist. Der Finanzsektor hat diesen Rhythmus zerstört. Weil wir uns in den letzten 20 Jahren so nach außen geöffnet haben, sind wir labil geworden und haben keine Rückzugsoption mehr. Das macht uns jetzt ratlos.

The European: Was ist ihre Prognose? Wird David Cameron den Karren aus dem Dreck ziehen?
Boyes: Wir haben durch unser Wahlsystem die Chance, klare Konturen zu schaffen, aber Cameron allein wird das nicht hinbekommen, dafür ist sein Vorsprung vor Labour zu knapp. Aber den Briten steht eine Kulturrevolution bevor, wenn es zu einer Patt-Situation, einem sogenannten “hung parliament” kommt. Dann würde eine dritte Partei ins Spiel kommen, um die politische Klasse wieder glaubwürdig zu machen, und dann wird es spannend.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Christoph Tophinke: „Ein Gentleman ist man, oder man wird es nie“

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