Natürlich muss die Gesellschaft beim Thema Zuwanderung auch einen gesunden Egoismus an den Tag legen. Götz Widmann

Shopping-Interesse genügt nicht

Die Richter in Karlsruhe haben klargemacht, was jedem nicht vom Shoppingtrieb befallenen Verstand einleuchten muss: Wenn selbst Gott am siebten Tage ruht, dann müssen auch die gehetzten Erdenbürger einmal eine Auszeit machen.

bundesverfassungsgericht christliches-erbe sonntag feiertag

“Macht hoch die Tür, die Tor macht weit” – dieses Adventslied hat der rot-rote Berliner Senat wohl gründlich missverstanden. Er erlaubte vor drei Jahren die Öffnung der Ladentüren an jedem Adventssonntag von 13 bis 20 Uhr – mit Zustimmung der Berliner CDU und FDP übrigens. Wozu man wissen muss, dass die Geschäfte an den Werktagen ohnehin von 0 bis 24 Uhr geöffnet sein dürfen. Aber Berlin sollte eben sein wie New York, Paris oder Rom: eine Stadt, die niemals schläft. Mit mies bezahlten Arbeitskräften, die bereitwillig rund um die Uhr schuften, so muss man wohl ergänzen. Die christlichen Kirchen wehrten sich gegen die Hauptstadt-Hybris, ist der Advent für sie doch eine Zeit der Besinnung und Einkehr. Es bedurfte des Karlsruher Bundesverfassungsgerichts, um klarzustellen, was jedem Mitteleuropäer einleuchten müsste, der seinen Verstand nicht durch ständiges Einkaufen betäubt: Am siebten Tage der Woche ruhte selbst Gott. Da sollte es auch uns gehetzten Erdenbürgern möglich sein, einmal Pause zu machen.

Altmodisches doch überraschendes Urteil
Ein bloßes “Shopping-Interesse” genügt nicht, um Ausnahmen vom “Schutz der Arbeitsruhe und der Möglichkeit zu seelischer Erhebung an Sonn- und Feiertagen zu rechtfertigen” – so argumentiert Karlsruhe. Schon gar nicht darf ein ganzer Monat pauschal freigegeben werden. Dass es zu diesem angenehm altmodischen Urteil kam, war dennoch nicht selbstverständlich. Durchaus überraschend billigten die Richter den christlichen Kirchen zu, gleichsam stellvertretend für die Gesellschaft den Schutz des Sonntags einzuklagen. Karlsruhe hat Neuland betreten, indem es den Kirchen die Berufung auf die Religionsfreiheit erlaubt hat, weil dem Sonntag ein “in der christlichen Tradition wurzelnder Gehalt” innewohne. Von einer Leitkultur wollte das Gericht verständlicherweise nicht sprechen, lässt sich aber durchaus in diesem Sinne verstehen. Auch für künftige Karlsruher Entscheidungen wird gelten: Das Grundgesetz ist kein bloßer Gesetzestext, es ruht vielmehr auf einem starken kulturellen Fundament.
Die Humanität der Arbeitswelt steht auf dem Spiel

Bemerkenswert ist, dass die Kirchen ihren Erfolg in einer Allianz mit den Gewerkschaften errungen haben. Auch aus weltlicher Sicht ist es richtig, den Sonntag als letztes Refugium gegen die ungehemmte Globalisierung zu verteidigen. Die Humanität der Arbeitswelt steht auf dem Spiel; Ausnahmen vom Sonntagsschutz gibt es ohnehin schon genug. Die Beschäftigten können sich kaum wehren, wenn Einzelhandelsketten unter Hinweis auf weltweiten Konkurrenzdruck die Öffnungszeiten immer weiter ausdehnen wollen. Dabei ist die Hoffnung auf zusätzliches Wachstum eine Mär. Schon als die Engländer im Jahr 1914 in den Fabriken die Sonntage strichen, um die Kriegsproduktion zu fördern, nahm die Menge der produzierten Güter ab. Am siebten Tag der Woche hatten die Arbeiter forthin wieder frei.

Seit 5.000 Jahren kennen nicht nur christliche Gesellschaften einen Ruhetag. Trotz aller Begeisterung für das Urteil ist es eine traurige Erkenntnis, dass Parteien aller Couleur dieses Kulturgut dem Mammon opfern wollten. Dem hat Karlsruhe zwar einen Riegel vorgeschoben, ein Wermutstropfen aber bleibt: In dieser Adventszeit dürfen die Berliner Geschäfte an den Sonntagen weiter öffnen, da sie sich schon auf die längeren Öffnungszeiten eingestellt hatten. Als mündige Bürger sollten wir das Urteil vorzeitig vollstrecken – und an den nächsten Sonntagen einen weiten Bogen um die Konsumpaläste machen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Martin Kastler, Robert Zollitsch.

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