Das Haus Europa darf kein Krankenhaus sein. Karl Dedecius

„Wir leben in Schnarchgesellschaften“

Die Linke hat keine Vision, politische Vitalität kommt von Rechts der Mitte. Das ist das Fazit des Juristen und Sozialtheoretikers Roberto Unger. Mit Cora Currier sprach er über politische Kreativität, Arbeitsmarktpolitik und Europas Technokraten.

The European: Seit vielen Jahren fordern Sie eine Alternative zu den wirtschaftspolitischen Ideologien der Linken und der Rechten. Bietet die Krise Chancen für mehr Experimente?
Unger: Der Horizont programmatischer Debatten verengt sich seit langer Zeit. Heute hängt fast alles von einem zentralen Thema ab: Wie können wir die amerikanische Tradition wirtschaftlicher Flexibilität innerhalb bestehender Institutionen mit europäischem Sozialversicherungsdenken kombinieren? Ich glaube jedoch, dass wir das Fundament neu zimmern müssen. Wir müssen Demokratien, Marktwirtschaften und Zivilgesellschaften anders organisieren. Seit dem Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007 gibt es ein enormes Potenzial für Veränderung – leider ist es großteils vergeudet worden. Wir haben aber weiterhin die Chance, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Und diese Einsicht kann natürlich in der Zukunft zu Veränderungen führen.

The European: Worum geht es Ihnen konkret?
Unger: Ein vernachlässigtes Thema ist die Reorganisation der Beziehungen zwischen der Finanzwirtschaft und der produzierenden Industrie. In allen größeren Marktwirtschaften der Welt wird Produktion vor allem durch eigene Rücklagen finanziert. Daraus folgt die unbequeme Frage: Wozu brauchen wir die Banken und Börsen eigentlich? Theoretisch sind sie dazu da, Produktion zu finanzieren. In der Realität ist diese Verbindung höchst brüchig und nur episodenhaft vorhanden. Wir brauchen nicht einfach mehr Regulierung des Finanzmarktes, wir müssen die institutionellen Anordnungen so verändern, dass die Finanzwirtschaft vom Herren zum Diener der Realwirtschaft wird. Das Gesamtvermögen einer Gesellschaft sollte in die eigene Wirtschaft investiert werden, anstatt im Casino des Kapitalismus zu verbrennen. Ein zweites Thema ist die Verbindung zwischen wirtschaftlichem Fortschritt und der Umverteilung von Reichtum. Alle Gesellschaften des 20. Jahrhunderts sind um einen Markt des Massenkonsums organisiert. Das heißt allerdings, dass auch alle Menschen zu Konsumenten werden müssen – dafür brauchen sie entsprechende Einkommen. Die Konsumgesellschaft bedarf also der progressiven Wohlstandsverteilung und der Demokratisierung von Teilhabe am Markt. Meistens ist genau das Gegenteil passiert: Immer mehr Menschen waren gezwungen, immer mehr Konsum über Kredite und Schulden zu finanzieren. Wir hatten also 2007 eine Kreditdemokratie anstelle einer Marktwirtschaft. Sie sehen: Das waren zwei Chancen, um die Marktwirtschaft zu demokratisieren. Genutzt haben wir sie nicht.

The European: Ist das eine Bankrotterklärung an die Linke?
Unger: Man würde eigentlich davon ausgehen, dass eine solche Krise der linken Agenda hilft. Das Gegenteil ist der Fall: Der Linken geht es schlechter als zuvor. Die Krise macht also ein fundamentales Problem offensichtlich: das Fehlen einer wirklichen progressiven Agenda. Es ist doch so, dass die Linke in den USA und Europa vor allem damit beschäftigt ist, die Realität in Watte zu packen. Sie scheuen sich davor, wirklich umzudenken. Das Leitmotiv linker Politik heute ist die Humanisierung des Unabwendbaren.

The European: Wie sähe denn ein wirklich linkes Projekt aus?
Unger: Das Ziel der Gleichheit ist weniger wichtig als das Ziel, jedem Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen. Niemand sollte darauf abzielen, Gleichheit um ihrer selbst willen anzustreben. Wir bekämpfen Ungleichheit, weil sie die Entfaltung menschlichen Potenzials und die Befähigung des Einzelnen behindert. Das Ziel muss sein, den Standard für das zu heben, was als normal gelten kann. Dazu dürfen wir etablierte institutionelle Strukturen nicht einfach akzeptieren. Jede Struktur ist ein Zufall der Geschichte, sie ist änderbar. In diesen beiden Schlüsselpunkten haben Sie bereits das Credo eines zukunftsfähigen linken Projekts: die Großartigkeit des Normalen, und der Wille zu institutionellen Experimenten. Aber wenn Sie diese Parameter als Maßstab anlegen, gibt es so gut wie keine linke Politik! Das muss sich ändern. Bevor wir den politischen Kampf angehen können, müssen wir den Kampf der Ideen ausfechten.

„Wir müssen den Kampf der Ideen ausfechten“

The European: Nehmen wir die Arbeitsmarktpolitik als Beispiel. Für viele ist das ein Bereich, in dem der Linken die Vision abhanden gekommen ist und vor allem Schönfärberei betrieben wird. Wie sieht die Alternative aus?
Unger: Das erste Problem ist, dass einem Großteil der arbeitenden Bevölkerung – sogar in den reichen westlichen Nationen – der Zugang zu den fortschrittlichen Bildungs- und Produktionssektoren versperrt bleibt. Um das zu beheben, brauchen wir eine strategische Kooperation zwischen Politik und Unternehmen: dezentralisiert, pluralistisch, experimentell. Ein zweiter Schritt wäre dann, die Institutionen und Gesetze des Arbeitsmarktes zu reformieren und verschiedene parallele Märkte zu schaffen. Wir brauchen mehr Spielraum bei Eigentums- und Vertragsrechten, um mehr Menschen mehr Zugang zum Markt zu verschaffen. Und als drittes ist am Horizont dann ein fundamentaler Wandel unserer Vorstellung von Arbeit zu erkennen.

The European: Und zwar?
Unger: Die liberalen und sozialistischen Denker des 19. Jahrhunderts sahen Lohnarbeit als Kompromiss, der aber immer noch Aspekte der Sklaverei inkorporierte. Doch es gibt noch zwei anderen Formen der Arbeit: Selbstständigkeit und Kooperation. Wenn wir sie klug kombinieren, können wir Lohnarbeit von der Regel zur Ausnahme machen. Der zweite Aspekt dieser Überlegung ist, die Beziehung von Mensch und Maschine zu überdenken. Der Grund, warum wir Maschinen einsetzen, ist, dass wir dann menschliche Arbeitskraft für andere Tätigkeiten verwenden können. Wir sollten alle monotone Arbeit von Maschinen erledigen lassen und unsere eigene Arbeitskraft für Dinge verwenden, die nach Kreativität verlangen.

The European: Das wäre ein ziemlich radikaler Bruch mit fast allem, was unsere Arbeitsmarktpolitik der vergangenen Jahrzehnte definiert hat.
Unger: Die historische Basis für Arbeitsorganisation und Arbeiterrechte ist das System der Ford’schen Massenproduktion: Viele Arbeiter arbeiten in großen Massenbetrieben, die von großen Firmen betrieben werden. So sah die Arbeitswelt auch vom 19. Jahrhundert bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts aus. Aber davor gab es mehrere Jahrhunderte der dezentralisierten Arbeit. Und heute gibt es allen Grund anzunehmen, dass diese frühen Formen der Organisation ein Comeback erleben.

The European: Diese Reorganisation könnte auch die Idee des komparativen Kostenvorteils beerdigen, nach der bestimmte Länder bestimmte Rollen in der globalen Wirtschaft einnehmen. Sollen nationale Wirtschaften wieder selbstständiger werden?
Unger: Genau. Sie können innerhalb dieser dezentralisierten Struktur von überall partizipieren. Das führt uns zur nächsten Frage: Wird diese Neuorganisation des Arbeitsmarktes die klassischen Mechanismen des Arbeitnehmerschutzes untergraben und zur Prekarisierung beitragen? Verstärken wir letztendlich nicht bloß die Unsicherheit des Einzelnen? Die Antwort darauf ist, dass wir die entsprechenden juristischen und institutionellen Strukturen schaffen müssen, um Selbstständige und Zeitarbeiter zu schützen. Die traditionelle Tarifpolitik reicht nicht mehr aus. Und noch ein wichtiger Punkt: Es geht nicht nur um Gleichheit und Inklusion. Es geht darum, den Einzelnen zu emanzipieren. Das ist das Versprechen der Demokratie. Und es ist getrieben vom Glauben an die Kreativität und die Energie von Otto Normalverbraucher. Dieses Potenzial müssen wir praktikabel machen.

„Europa wird nur von Technokraten geliebt“

The European: Bleibt der Nationalstaat die organisatorische Basis dieser Experimentalpolitik?
Unger: Wir reden oft darüber, dass der Nationalstaat seinen Zenit überschritten habe. Aber gleichzeitig sind Staaten weiterhin die Einheiten, mit denen wir global rechnen. Das Problem Europas ist, dass es keine Institutionen gibt, die Wandel internalisieren. Wandel erfolgt weiterhin nur in Zeiten der Krise. Im 20. Jahrhundert bedeutete das, dass die Menschen sich erst gegenseitig abschlachten mussten, bevor sich wirklich etwas bewegt hat. In Friedenszeiten legen wir uns schlafen und ertränken unsere Sorgen im Konsum. Welch depressiver Materialismus! Wir leben in Schnarchgesellschaften, in denen niemand etwas opfern mag, in denen wir visionäres Denken den Extremisten von Links und Rechts überlassen. Das ist ein Desaster. Europa wird nur von den Technokraten geliebt und von der rebellierenden Jugend gehasst. Die Macht zur Veränderung ist bürokratisiert und zentralisiert worden, die Definition des Sozialstaats wird auf nationale Institutionen abgewälzt. Das Gegenteil sollte der Fall sein. Die primäre Verantwortung der Europäischen Union ist es, die Emanzipation und Befähigung der eigenen Bürger sicherzustellen, damit sich von dort ein experimenteller Sturm ausbreiten kann: Wir müssen die Dinge anders angehen, wir müssen dies und das ausprobieren.

The European: Wandel führt immer auch zu konservativen Gegenreaktionen. Das sehen wir auch in Zeiten der Krise. Haben wir nicht zu viel zu verlieren, um blind drauflos zu stürmen?
Unger: Natürlich haben wir etwas zu verlieren. Aber ein Problem der Linken ist es immer gewesen – vor allem auch im 20. Jahrhundert, das erklärt viel des Unheils -, dass das Kleinbürgertum dämonisiert worden ist. Die Wahrheit ist doch, dass es deutlich mehr kleinbürgerliche Familien gibt als Arbeiterfamilien. Und wenn der Parameter ist, Menschen wirtschaftlich unabhängig zu machen, sind diese bürgerlichen Kreise ebenfalls ein gutes Vorbild. Der Fehler dieser Kreise liegt eher darin, dass sie die eigenen Aspirationen nicht realisieren können und den Familienbetrieb als einzige Ausdrucksform haben.

The European: Sie reden von wirtschaftlicher Befähigung – aber Sie reden erstaunlich wenig über Wirtschaftspolitik.
Unger: Um die Abhängigkeit des Wandels von Krisensituationen zu überwinden, müssen wir vor allem die Politik verändern. Wir brauchen hochenergetische Demokratien, um die Temperatur des politischen Klimas zu erhöhen und das Tempo der Politik zu beschleunigen. Die Wählerschaft muss stärker einbezogen werden, das Potenzial experimenteller Dezentralisierung muss ausgeschöpft werden, einzelne Bevölkerungsgruppen müssen unbürokratisch aus Abhängigkeiten gerettet werden, die repräsentative Demokratie muss um direkte und partizipative Elemente ergänzt werden. Der Horizont der europäischen Sozialdemokraten reicht so weit nicht. Man denkt immer noch in den Kategorien des 20. Jahrhunderts. Das ist tragisch für Europa und die Welt.

„Politik ohne Visionen ist wertlos“

The European: Scheren Sie jetzt nicht doch etwas viel über einen Kamm?
Unger: Im transatlantischen Raum hat es immer zwei Auffassungen von Demokratie gegeben, die amerikanische und die europäische. Doch heute verbinden sie sich mit der Konsequenz, dass sich die Sozialdemokratie immer weiter in ihre Verteidigungslinien zurückzieht. Die Realität ist aber, dass die Politik von morgen von denen bestimmt werden wird, die heute selbstbewusst auftreten und offen für Experimente sind. Das kann linke Politik sein, oder auch rechte Politik. Heute zumindest hat die Linke das Nachsehen. Politische Vitalität in Europa kommt aktuell von rechts der Mitte.

The European: Sowohl in den USA als auch in Europa geht die Tendenz dahin, die Macht der Regierungen zu beschneiden. Müssen wir unsere Politik hinterfragen?
Unger: Ohne Prophezeiungen und Visionen ist Politik wertlos. Wir brauchen eine intellektuelle und spirituelle Rebellion. Die Sozialwissenschaften versuchen, Politik zu rationalisieren, humanisieren. Das ist fatalistische Realitätsflucht. Die Verbindung zwischen der realen Welt und den möglichen Alternativen ist zertrennt worden. Keiner der aktuellen populären Denker beschäftigt sich damit, sie schweben alle darüber hinweg und dekorieren den Fatalismus lediglich mit hübschen Argumenten. Es gibt also einen immensen Bedarf an Aufklärung und Inspiration für transformative Politik.

The European: Sie haben selbst geschrieben, dass diese Art des Umdenkens eine „extreme und fast paradoxe Freiwilligkeit“ voraussetzt.
Unger: Ohne wird es wohl nicht gehen. Aber die Geschichte folgt keinem Drehbuch, jeder Moment ist umgeben von einer Hülle an angrenzenden Möglichkeiten. Und es gibt weiterhin einen starken emotionalen und kognitiven Zusammenhang zwischen unserem Interesse, die Gesellschaft zu verstehen und unserem Verlangen, sie zu verändern. Das ist wie in der Wissenschaft: Sie verstehen den Status quo, wenn Sie die möglichen Derivate verstehen. Wenn dem nicht so ist, dann starren Sie einfach gedankenlos in die Welt. Ein Großteil der Sozial- und Geschichtswissenschaft ist gedankenlos, ohne Energie. Europa scheint sich auf diesem Totenbett ganz wohl zu fühlen. Das muss sich ändern. Aber diese Veränderung muss anders aussehen als das, was wir momentan erleben: Die europäische Sozialdemokratie vagabundiert zwischen Kollaboration und statischem Marxismus. Die Annahme ist, dass man im Privaten groß sein kann, auch wenn in der Politik die materialistische Vulgarität herrscht. Dagegen müssen wir angehen. Diese Annahme ist Gift für die Idee des Nationalstaats.

The European: Glauben Sie nicht, dass Demokratie notwendigerweise schmutzig und langsam und schwerfällig ist? Konsens ist schließlich nie einfach.
Unger: Mit der Demokratie ist es wie mit dem Markt: Es gibt keine alternativlose institutionelle Form. Eine der Fragen, die sich aus meinen Argumenten ergibt, ist, wie wir Wandel unabhängig von Krisensituationen erreichen können. Aktuell ist Wandel krisenabhängig. Eine Krise kommt wie ein Meteorit auf uns zu und lässt uns zusammenschrecken. Und wenn er dann an uns vorbeigezogen ist, legen wir uns wieder schlafen. Das Problem dabei für den Einzelnen ist, dass wir nicht in evolutionären Zeiträumen existieren – wir leben in biografischen Zeiträumen. Wir sollten uns also fragen, was denn zu tun sei, wenn während unserer Lebenszeit kein Meteorit vorbeikäme. Pech gehabt? Oder organisieren wir die Welt so, dass der Meteorit überflüssig wird und die Energie für den Wandel aus der Welt heraus generiert wird? Ich glaube nicht, dass wir uns bei dieser Frage nur um die Begrenzung staatlicher Macht streiten müssen. Natürlich brauchen wir entsprechende Parteiprogramme, aber wir brauchen gleichzeitig eine Auseinandersetzung mit Kultur, Ideen, Bewusstsein. Jeder Teil unseres Lebens muss auch ein Teil dieser Auseinandersetzung sein.

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