Wir dürfen nicht nach Hause gehen und denken, dass die Klimakonferenz das Problem gelöst hat. Rajendra Pachauri

„Gott ist nicht desinteressiert an unserem Leben“

Im Interview mit The European spricht der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Zollitsch, über das Geheimnis der Weihnacht, die Aufgabe des christlichen Glaubens und die Notwendigkeit der Stimme des Christentums in Zeiten der Krise.

The European: Weihnachten ist das Fest der Geburt Jesu. Was bedeutet das für die Christen?
Erzbischof Zollitsch: Gott kommt in Gestalt eines kleinen und wehrlosen Kindes und zeigt uns so, was wahre Menschlichkeit bedeutet: nicht Macht und Gewalt, sondern Liebe und Solidarität. Damit öffnet uns Gott selbst an Weihnachten die Tür zu einer lebenswerten und glücklichen Zukunft.

The European: Jesus wurde als Kind in einem Stall geboren – sieht sich die Kirche noch immer in der Verantwortung für die Armen?
Erzbischof Zollitsch: Das Geheimnis der Weihnacht ist die Menschwerdung Gottes. Die konkreten Umstände dieser Geburt waren wahrlich bescheiden. Durch das gesamte Leben und Wirken Jesu, das die Evangelien des Neuen Testamentes darlegen, verstehen wir, was dies für unser Bild vom Menschen und für unsere sozialen und gesellschaftlichen Ordnungen bedeutet: Es geht darum, die Solidarität Gottes mit uns Menschen nachzuahmen, es ihm gleichzutun, im anderen den Bruder und die Schwester statt des Konkurrenten zu sehen und nicht nachzulassen bei der Suche nach dem menschlich Notwendigen und nach gerechten Strukturen. Die Geburt im Stall, die Botschaft Jesu Christi, sein Tod am Kreuz und die Überwindung des Todes in der Auferstehung sind die Kraftfelder, die Christen bewegen, sich engagiert in die Gesellschaft einzubringen, sich für diejenigen starkzumachen, die nicht Schritt halten können mit den Anforderungen unserer Leistungsgesellschaft, aber auch mit Nachdruck nach Antworten auf die soziale Frage zu suchen und Gerechtigkeit in Wort und Tat konkret werden zu lassen. Das sind bleibende Aufgaben!

The European: Die Arbeiterschaft hat die katholische Kirche schon im 19. Jahrhundert verloren. Meinen Sie, Sie haben noch Anschluss an das sogenannte Prekariat?
Erzbischof Zollitsch: Ich bin nicht der Ansicht, dass wir die Arbeiterschaft verloren haben. Es ist ja gerade die Kirche, die mit der christlichen Soziallehre die Fragen und Sorgen der Arbeiterschaft ganz besonders in den Blick nimmt. Und wenn ich etwa in ein Bistum wie Essen schaue, dann erlebe ich, wie nah die Kirche an der Arbeiterschaft ist und sich für sie einsetzt. Das gilt nicht weniger für Menschen, die dem sogenannten Prekariat zugerechnet werden: Denken sie etwa an die ganze Bandbreite unserer karitativen Einrichtungen, die auch und ganz besonders für diejenigen eine offene Tür haben, die bei anderen längst durch das Netz der Wahrnehmung und Solidarität fallen. Wir tragen hier als Christen eine hohe Verantwortung, die wir wahrnehmen.

The European: Gibt es ein Milieu, in dem sich ein katholischer Bischof am wohlsten fühlt?
Erzbischof Zollitsch: Wir sind gesandt, allen Menschen das Evangelium zu verkünden. Das ist keine Frage des Sich-Wohlfühlens, sondern des Auftrags, den wir als Kirche haben.

Schafft sich das Christentum selbst ab?

The European: Stimmt es, dass dem Christentum die Kraft zur Säkularisation innewohnt – diese Religion sich also selbst abschaffen wird?
Erzbischof Zollitsch: Die These ist schlichtweg falsch.

The European: Auch der Papst teilt diese These nicht. Sein Anspruch ist es, die Kriterien des Moralischen und Guten als Maßstäbe politischen Handelns wieder umfassend zur Geltung zu bringen. Ist das rückwärtsgewandt oder notwendig, wenn der Katholizismus seine Prägekraft behalten will?
Erzbischof Zollitsch: Papst Benedikt hat ein waches Gespür für das, was eine Gesellschaft lebenswert macht und im Innersten zusammenhält. Und die dramatische Finanzmarktkrise hat gezeigt, dass es ein Trugschluss ist, zu meinen, die Wirtschaft käme ohne Tugenden und moralische Verantwortung aus. Die Stimme des Christentums ist notwendig und wird auch künftig in der Gesellschaft unverzichtbar sein.

The European: Was kann das Christentum den Menschen in unserem Land anbieten? Früher war es die Tradition, die jedem vertraut war und so Trost in vielen Lebenslangen spenden konnte. Das ist heute bei vielen nicht mehr möglich.
Erzbischof Zollitsch: Die Botschaft des christlichen Glaubens ist zeitlos! Unsere Aufgabe ist es aber, diese Botschaft in die Sprache der Menschen und in die jeweilige Zeit hinein zu übersetzen: dass der Glaube an Gott nicht einengt, sondern frei macht, dass er Kraft und Zuversicht schenkt; dass es mehr gibt als das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Dafür stehen als weithin sichtbare Zeichen auch unsere Kirchen und Gotteshäuser: Sie sind Orte, die zum Innehalten einladen und unser Herz für Gott und unsere Mitmenschen öffnen und um wie gefordert möglichst allen Menschen diese Frohe Botschaft zu verkünden: Suchenden und Fragenden, Interessierten und Neugierigen. Kirche will Gottesberührung mitten im Alltag des heutigen Lebens ermöglichen.

Ärgerliche Formulierungen

The European: In einem internen Papier der EKD wurde behauptet, Sie seinen farblos. Hat Sie das gekränkt?
Erzbischof Zollitsch: Das Papier enthält verschiedene falsche Informationen wie auch ärgerliche Formulierungen. Ich bin dankbar, dass wir diese Irritationen in einem Gespräch in guter und offener Atmosphäre mit der evangelischen Seite ansprechen und klären konnten. Jetzt gilt es, den Blick nach vorne zu richten.

The European: Wie sehen Sie die Möglichkeiten, dass im Jahr 2017 deutsche Protestanten und Katholiken gemeinsam und mit einer Stimme die Reformation bewerten?
Erzbischof Zollitsch: Die Lutherdekade ist zunächst einmal eine Sache der evangelischen Kirche. Evangelische Christen knüpfen große Erwartungen daran. Es verbinden sich damit aber auch Herausforderungen und Chancen für die Ökumene, die es gemeinsam im Blick zu behalten gilt. Ich hoffe und wünsche, dass der vor uns liegende Ökumenische Kirchentag 2010 in München vor allem ein Ausdruck der schon erreichten Gemeinsamkeiten sein wird.

The European: Bischof Wolfgang Huber spricht gerne, wenn er von seiner Kirche spricht, von einer “Kirche der Freiheit”. Ärgert Sie das? Das heißt ja umgekehrt, dass die katholische Kirche eine Kirche der Unfreiheit ist.
Erzbischof Zollitsch: Das ist durchaus eine Frage, die sich stellen kann, wenn man die Formulierung von Landesbischof Huber ernst nimmt. Ich meine, diese Konsequenz wurde von protestantischer Seite zu wenig bedacht und deckt sich auch nicht mit dem, was katholische Kirche ist und sein will.

“Evolutionstheorie und Theologie sind vereinbar”

The European: Im nun ausklingenden Jahr wurde 150 Jahre Darwins Buch über die Entstehung der Arten gewürdigt. Hat die katholische Kirche ihren Frieden mit der Evolutionstheorie gemacht?
Erzbischof Zollitsch: Es hat sich hier in den vergangenen Jahrzehnten viel getan. Die Evolutionstheorie ist grundsätzlich mit der Bibel und der kirchlichen Lehre vereinbar. Es handelt sich um zwei Sichtweisen auf ein Geschehen: einerseits um die naturwissenschaftliche Erklärung, andererseits um die theologische Deutung der Weltentstehung. Ich bin sehr froh, dass eine Fachtagung im Vatikan dazu in diesem Jahr weitere mutige Schritte vorangegangen ist.

The European: Wenn der Mensch nicht mehr im Mittelpunkt des Universums steht, was ist er dann?
Erzbischof Zollitsch: Der Mensch ist das von Gott geschaffene und geliebte Wesen. Gott ist der Dreh- und Angelpunkt des Universums. Und auf diesen Dreh- und Angelpunkt hin ist der Mensch geschaffen. Ist das nicht fantastisch: Gott und Mensch – zwei, die aufeinander verwiesen sind!

The European: Gott kommt als Kind zur Welt – was sagt uns das über Gott, was sagt das über den Menschen?
Erzbischof Zollitsch: Gott ist Mensch geworden. Das ist die zentrale Botschaft des Weihnachtsfestes. Es ist eine Botschaft, die alle die stark und zuversichtlich macht, die an Christus glauben. Aber darüber hinaus geht es an Weihnachten um eine Botschaft, die wir Christen allen Menschen sagen dürfen: Gott ist nicht desinteressiert an unserem Leben, er ist nicht abwesend und unerreichbar, vielmehr interessiert er sich brennend für uns; ja, Gott weiß um uns Menschen, um unser Schicksal, unsere Sehnsüchte, unsere Enttäuschungen und Erfolge. Daran glauben zu dürfen bedeutet für uns Christen, mitten in der Welt und nahe bei unseren Mitmenschen eine Antwort zu kennen, die das Leben erfüllt und die einen Namen trägt: Jesus Christus.

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