Die Hirnforschung kann den Pfarrer nicht ablösen. John-Dylan Haynes

Sitzplätze im Glashaus

Das Internet wird weniger durch Technologien als durch Ideen verändert. Transparenz ist das kommende Feature, was wir heute schon nutzen können.

Wenn man das Next Big Thing im Internet finden will, kann man leicht an der falschen Stelle suchen. Das Next Big Thing ist keine Technologie im Internet. Es ist die Innovation in der realen Welt, die durch das Internet ausgelöst wird. Nach dem Ökonomen Schumpeter ist Innovation eine destruktive Kraft die bisherige Produkte und Prozesse verdrängt und durch neue ersetzt. Viele vermeintliche Next Big Things im Internet bleiben ohne solche Auswirkungen.

Abstraktion statt Nachbildung

Erinnern Sie sich noch an Second Life? Die virtuelle 3D-Welt schien im letzten Jahrzehnt alles zu verändern. Virtuelle Amphitheater wurden für politische Diskussionen eingerichtet. Unternehmen bauten virtuelle Shops auf. Städte meinten, sich eine virtuelle Kopie zulegen zu müssen. Aber dieses vermeintlich große Ding war lediglich eine technische Entwicklung im Internet. Sie hat keinen Prozess in der realen Welt abgelöst, allerhöchstens einige wenige ergänzt.

Anders waren die Auswirkungen des MP3-Formats. Technisch gesehen ist ein komprimiertes Datenformat für Musik natürlich eine tolle Sache. Gleichzeitig kann man aber ein Musikstück erheblich schneller durch das Internet versenden und auch in kleineren Speichersticks in großer Zahl ablegen.

Das wirklich innovative an MP3 war die physische Entkoppelung zwischen Trägermedium und Musikinhalt. Damit wurde die Musikindustrie als Betreiber von Presswerken und als Mittelsmann zwischen Künstler und Konsument erheblich unwichtiger.

Das nächste ähnlich wirklich große Ding wird die Veränderung von Ansprüchen und Bewertungen in der realen Welt sein. Auslöser dafür sind die großen freien Datensammlungen im Internet. Insbesondere die umfangreichen Daten von öffentlichen Einrichtungen werden gesellschaftlich wirken. Mögen heute Verwaltungen noch Bedenken tragen – sämtliche öffentlichen Daten werden demnächst frei zugänglich sein.

Die tapferen Kontrolleure von Lebensmittelbetrieben in Berlin-Pankow sind prototypisch. Sie stellten schon früh die Ergebnisse ihrer Begehungen von Restaurants ins Internet. Das Smiley-Projekt zeigt Kontrollergebnisse samt Fotos aus Schmuddelküchen. Diese im Internet vorhandenen Daten haben ihre Wirkung in der realen Welt. Verbraucher ändern ihr Verhalten, der Markt wirkt und zwingt zu verbesserter realer Hygiene in Restaurants. Innovativ ist nicht die Technik der Internetpublikation, sondern die Ergänzung des realen Prozesses „Kontrolle von Lebensmittelbetrieben“ um den Schritt „Befundveröffentlichung“.

Transparenz verändert die Gesellschaft

Die so erhöhte Transparenz in der Gesellschaft wird politische Prozesse grundlegend verändern. Jeder Interessierte kann direkt ohne Mittelsmann Sachlagen einschätzen. Diese direkte Meinungsbildung führt schnell zum Anspruch auf direkte Entscheidungsbeteiligung. Und weil das Internet diese Partizipation einfach ermöglicht, wird es durch Datenbereitstellung die Entscheidungsfindung in der Gesellschaft verändern.

Viele übersehen den Trend. Diejenigen, die ihre schlechte Dienstleistung bislang verborgen halten konnten, und diejenigen, die Information als Machtelement spielen, wissen aber um die Wirkung. Welche Angst mögliche Transparenz verursacht, erkennt man an politisch motivierter Bedenkenträgerei. Weil ihnen die Diskussion über ein berlin- oder bundesweites Smiley-System zu schleppend war, haben die Kontrolleure aus Pankow den logischen Schritt vorwärts getan. Sie veröffentlichen nun noch mehr Daten und Details über alle Teilaspekte ihrer Kontrollen. So bauen sie am Next Big Thing im Internet mit.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Dominique Guinard, Pippin Wigglesworth, Klas Roggenkamp.

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