Als die Mauer fiel, hatte ich einen Kloß im Bauch. Paul van Dyk

Arbeit ohne Ende

Haben Sie Angst vor dem Einschlag eines Asteroiden? Nein? Dann müssen Sie auch nicht das Ende der Arbeit fürchten.

Der Glaube, dass Automatisierung und Mechanisierung den Großteil menschlicher Arbeit überflüssig machen und auf diese Weise zwangsläufig Massenarbeitslosigkeit entsteht, brodelt wie ein inaktiver Vulkan stets dicht unter der Oberfläche. Und dieser Vulkan bricht immer dann aus, wenn die Wirtschaft eine Phase mit hoher und anhaltender Arbeitslosigkeit durchläuft.

Als ich vor über 50 Jahren die Kennedy-Regierung in Wirtschaftsfragen beriet, habe ich die Wahrscheinlichkeit solcher Angstszenarien überprüft. Damals wie heute gab es warnende Worte. Und damals wie heute habe ich das Gefühl, dass jenseits der bloßen Theorie nicht viel für diese Ängste spricht. Es gab bisher keine solche Katastrophe, und ihr Eintreten erscheint auch weiterhin extrem unwahrscheinlich.

Ein Grund dafür: Wir wissen nicht, ob sich der wirtschaftlich nutzbare technologische Wandel beschleunigt oder nicht. Selbst die fortschrittlichsten Volkswirtschaften sind noch weit davon entfernt, ihren Hunger an Gütern und Dienstleistungen zu stillen. Ein Großteil der Erdbevölkerung lebt sogar weiterhin deutlich unter dem Einkommens- und Konsumniveau dieser Länder. Wir sollten eine Steigerung der wirtschaftlichen Produktivität angesichts der zu erwartenden Steigerung des weltweiten Warenausstoßes daher willkommen heißen.

Die meisten arbeitenden Menschen wären froh, wenn sie bei gleichzeitig steigendem materiellen Wohlstand mehr Freizeit hätten. Drastische Zuwächse der Produktivität, dank Automatisierung und dem Einsatz von Robotern, würden genau das ermöglichen. Das setzt allerdings eine höhere Wirtschaftskompetenz voraus, als wir sie momentan haben.

Die Angst vor der Automatisierung der Arbeitswelt ist daher genauso unbegründet wie die Angst vor dem Zusammenstoss mit einem riesigen Asteroiden. Trotzdem ist diese Angst in zweifacher Hinsicht schädlich: Erstens liefert sie eine bequeme Ausrede für jene, die sich mit dem Problem der bereits heute existierenden Arbeitslosigkeit nicht auseinandersetzen wollen. Technologischer Fortschritt ist nämlich kein Grund für hohe Arbeitslosenzahlen. Zweitens wird die Aufmerksamkeit durch diese Angst von zwei wichtigeren Fragen abgelenkt, über die wir stattdessen nachdenken sollten.

Die erste Frage dreht sich nicht um die Zahl der Arbeitsplätze insgesamt, sondern um die Anforderungen und Bezahlung verschiedener Jobs. Es gibt ausreichend Belege dafür, dass fortgeschrittene Volkswirtschaften ohne größere Probleme Arbeitsplätze an beiden Enden des Spektrums schaffen können: Hochbezahlte Arbeit für Experten und einfache Arbeit mit schlechter Bezahlung. Gefährdet sind vor allem Arbeitsplätze, die zwischen diesen Extremen liegen, für die man eine solide Ausbildung benötigt und in denen man moderat verdient.

Diese Polarisierung hat zwei schwerwiegende Konsequenzen für Wirtschaft und Gesellschaft: Da es naturgemäß mehr Jobs am unteren als am oberen Ende der Skala gibt, sehen sich die Mittelschicht und deren Kinder mit einer schlechteren Ausgangslage konfrontiert – und schrauben oftmals ihre Erwartungen herunter. Gleichzeitig verliert die Wirtschaft eine bis dato stabile Konsumentenbasis – denn die Mittelschicht ist wichtig für den Konsum.

Es klingt zumindest plausibel, dass diese Polarisierung durch neue Technologien – und vor allem durch Informationstechnologien – begünstigt wird. Computer können einfache analytische, geistige und verwaltende Arbeiten problemlos übernehmen. Wir sollten diesen Effekt allerdings nicht überbewerten: Ansprüche an Waren und Dienstleistungen wandeln sich, und tragen so ebenfalls zur Polarisierung bei. Es ist unklar, ob und wie wir politisch darauf reagieren können. Panik vor dem Ende der Arbeit ist keinesfalls hilfreich.

Die zweite Frage ist viel spekulativer. Es gibt Hinweise, dass sich ein immer größerer Anteil des Volkseinkommens nicht durch tatsächliche Arbeit generiert, sondern durch Investitionen. Anstatt dass wir für Geld arbeiten, arbeitet Geld für uns. Und ähnlich wie die Polarisierung sorgt dies für Ungleichheit. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, müssen wir mit hässlichen Konsequenzen rechnen. Im schlimmsten Fall bricht die Gesellschaft durch solche Entwicklungen auseinander.

Was können wir tun? Eine Umverteilungspolitik ist theoretisch möglich, allerdings mit Blick auf die Politik der Vergangenheit eher unwahrscheinlich. Eine Alternative wäre eine Art Demokratisierung des Kapitals mit anderen Mitteln. Denkbar ist etwa ein verbrieftes Recht auf Kapital durch öffentliche Investmentfonds, die statt auf die Maximierung von Renditen auf die soziale Absicherung der Gesellschaft zielen. Oder wie wäre es mit Spar­anreizen, von denen Familien mit geringem oder moderaten Einkommen profitieren? Zugegeben: Diese Ideen sind nur vage und bisher kaum untersucht. Doch sie erscheinen mir sinnvoller und spannender als die instinktive und uninformierte Ablehnung einer automatisierten Wirtschaft.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Rainer Nahrendorf, Friederike Spiecker, Guy Standing.

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 3/2013 des „The European“ enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Endlich Arbeitslos – Wenn Roboter unsere Jobs übernehmen, geht die Arbeit erst so richtig los. Über Chancen und Risiken einer Welt ohne Mühsal debattieren u.a. dm-Gründer Götz Werner und Nobelpreisträger Robert Solow. Weitere Debatten: Die Ressource Big Data, die neuen Geschlechterrollen sowie die Aufarbeitung der deutschen Teilungsgeschichte. Dazu Gespräche mit Jean-Claude Juncker, Jürgen Trittin und Anne-Marie Slaughter.

Sie können es hier direkt bestellen.

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