Wenn ich etwas nicht komplett verstanden habe, dann schreibe ich auch nicht darüber. Frank Schätzing

„Einen gerechten Krieg gibt es nicht“

Ende des Jahres zieht der Großteil der deutschen Soldaten aus Afghanistan ab. Wir haben mit dem Veteranen und Buchautoren Robert Sedlatzek-Müller über seine Erinnerungen gesprochen – er wäre am Hindukusch beinahe gestorben.

The European: Was ist Ihre schönste Erinnerung an Afghanistan?
Müller-Sedlatzek: Die gemeinsame Zeit mit meinem Diensthund Idor. Wir haben Fahrzeuge nach Sprengstoff ­abgesucht, für die ­Sicherheit im Lager gesorgt oder draußen Waffenverstecke aufgespürt. Wir ­haben aufeinander aufgepasst und uns gegenseitig­ den ­Rücken freigehalten.

The European: Und die schlimmste?
Müller-Sedlatzek: Natürlich die Explosion, die mich schwer verwundet und fünf Kameraden getötet hat. Das war hart. Davor und danach gab es zwar auch gefährliche Situationen, aber so schlimm wie damals war es nie. Wir hatten versucht, eine auf unser Lager ­gerichtete Rakete der Taliban zu entschärfen, und scheiterten bei dem Versuch. Danach wurde ich ausgeflogen.

The European: Ende des Jahres wird die Bundeswehr den Einsatz in Afghanistan beenden. Wie beurteilen Sie den Erfolg der Mission?
Müller-Sedlatzek: Wir überlassen das Land sich selbst. Alleine werden sie die von uns geschaffene Sicherheit nicht aufrecht halten können. Armee und Polizei kämpfen­ an vielen Fronten, auch gegen Korruption, Drogen und Amtsmissbrauch auf allen Ebenen – vom Präsidenten bis hin zum kleinen ­Beamten. Dieser Krieg ist nicht zu gewinnen.

The European: Politiker scheuen im Falle Afghanistans davor zurück, von „Krieg“ zu sprechen. Ärgert Sie das?
Müller-Sedlatzek: Als Soldat ärgert mich das. Wir hatten doch ­Gefechte, Verwundete und Tote. Natürlich ist mir klar, dass das ein politisch sensibles Thema ist. Aber Afghanistan war nun mal kein Stabilisierungseinsatz, sondern ein Krieg.

The European: Glauben Sie, dass es einen „gerechten Krieg“ gibt?
Müller-Sedlatzek: Nein, die Schwächeren leiden zuerst. Die Zivilisten – Frauen, Kinder, Alte – sind immer die ­Opfer. Kein Krieg macht dabei eine Ausnahme, das ist die ­Tragödie. Die Konfliktparteien kämpfen nicht nur gegeneinander, sondern ziehen immer auch Unbeteiligte hinein. Einen gerechten Krieg gibt es nicht.

The European: Ihr Buch trägt den Titel „Soldatenglück“ – warum?
Müller-Sedlatzek: Es ist das Quäntchen Glück, dass wir Soldaten uns wünschen. Ich hatte viel Soldatenglück, andere Kameraden sind nicht heimgekommen. Aber die Bundeswehr ist nicht erst seit gestern im Auslands­einsatz. Die obere Führung hat verpennt, dass wir verwundet oder tot nach Hause kommen. Mit dieser neuen Generation von Veteranen tut sich die Bundeswehr sehr schwer.

The European: Wie hat Ihre Familie reagiert, als Sie das erste Mal ins Ausland geschickt wurden?
Müller-Sedlatzek: Meine Familie ist linkspolitisch, als ich es meinen Eltern bei einem Sonntagsfrühstück offenbarte, knallten sie mir Tucholsky und Brecht um die ­Ohren. Es gab heftigen Widerstand. In die ­Diskussion mit skeptischen Bekannten bin ich gerne­ gegangen. Es liegt doch an euch, etwas zu ändern! Ich als Soldat bin in meinem Demonstrationsrecht eingeschränkt. Doch dann wurde fröhlich Fußball-WM geguckt, und als wieder drei ISAF-Soldaten gefallen sind, interessierte das niemanden.

The European: Wie reagiert die Gesellschaft – in weiten Teilen sehr pazifistisch eingestellt – auf Soldaten, Heimkehrer und Veteranen wie Sie?
Müller-Sedlatzek: Der deutsche Pazifismus ist heuchlerisch. Eine Parlamentsarmee wird von gewählten Volksvertretern ins Ausland geschickt. Die Gesellschaft trägt also die Verantwortung. Und auch Pazifisten wollen günstig tanken und das neueste Handy besitzen – dabei müssen die doch wissen, dass die Handelsrouten von der Bundeswehr geschützt werden. Als Horst Köhler das als Bundespräsident ausgesprochen hat, habe ich mich gefreut. Endlich ein Politiker, der Eier in der Hose hat.

The European: Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die politische Debatte um „mehr militärische Verantwortung“ verfolgen?
Müller-Sedlatzek: Es ist doch völlig klar, dass das so kommt! Wer nicht völlig naiv durchs Leben läuft, sieht doch, was in Afrika los ist. Die Italiener können sich vor Flüchtlingen kaum retten. Heftige Konflikte­ in Afrika müssen gelöst werden. Sicherheit für die dortige Bevölkerung ist der Grundstein, damit in Ländern wie Mali Stabilität einkehrt. Die Menschen dort haben Hilfe verdient, auch wenn die Einsätze für uns verlustreich sind.

The European: Nicht jeder Soldat muss in den Kampf. Wie erinnern Sie den entscheidenden Befehl?
Müller-Sedlatzek: Als ich die Bilder der einstürzenden Twin Towers­ sah, war mir klar, dass das etwas ganz Großes ­bedeutet. Als dann mein Bataillon antreten musste,­ war der Marschbefehl keine große Überraschung. Damals dachte ich nur: Hoffentlich darf ich mit! Ich wollte meinen Mann stehen, das ­Gelernte anwenden. Ich bereue es nicht, würde­ rückwirkend aber manche Entscheidung anders treffen. Ohne eine Lebensversicherung etwa würde­ ich nicht mehr in den Einsatz gehen.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Alexander Kluge: „Jeder Mensch stirbt vierundzwanzig Stunden am Tag“

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Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 4/2014.

Darin geht es u.a. um Hitler: Wir haben den größten Verbrecher aller Zeiten zur Popfigur gemacht. Was dieses „Hitlertainment“ über uns verrät, debattieren u.a. Timur Vermes und Ernst Nolte. In weiteren Debatten geht es um den gerechten Krieg (u.a. mit Egon Bahr) und das Ende der Globalisierung (u.a. mit Thomas Piketty).

Sie können es hier direkt bestellen.

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