Wir alle kennen das Bild der 18-jährigen Afghanin Bibi Aisha, der nach einem gescheiterten Fluchtversuch von ihrem Ehemann von Taliban die Nase abgeschnitten wurde. Im Juli vorigen Jahres trat die amerikanische „TIME“ mit ihrem Titelbild und der Überschrift „Was passieren wird, wenn wir Afghanistan verlassen“ eine Debatte über die menschenrechtlichen Konsequenzen eines Abzugs los. Nun ist das Bild zum World Press Photo des Jahres 2010 gewählt worden. Bibi Aishas Schicksal legt den Finger in eine offene Wunde: Was wird aus den Menschen in Afghanistan, wenn wir das Land überstürzt verlassen und die Taliban die Macht übernehmen? Auf diese entscheidende Frage hat bisher kein Befürworter eines sofortigen Rückzugs eine Antwort gegeben.
Jeder fürchtet die Steinzeit-Islamisten
Niemand sollte sich Illusionen darüber machen, dass am Hindukusch in naher Zukunft eine liberale Musterdemokratie entstehen könnte. Die Lage der Menschenrechte in Afghanistan ist auch nach zehn Jahren internationalen Engagements unzureichend. Dennoch: Die heutige Situation ist um ein Vielfaches besser, als sie es jemals unter den Taliban war. Steinigungen in Fußballstadien, Auspeitschen von Musikhörern und die vollkommene Entrechtung von Frauen haben für viele (wenn auch nicht alle) Afghaninnen ein Ende gehabt. Menschenrechte sind fester Bestandteil der afghanischen Verfassung und Hunderttausende Mädchen haben endlich Zugang zu Bildung. Zu Recht mögen wir diese magere menschenrechtliche Bilanz kritisieren. Für die Menschen in Afghanistan sind sie ein enormer Fortschritt.
Diese menschenrechtlichen Verbesserungen würden bei einem sofortigen Rückzug des Westens zweifellos zerstört werden. Die Menschen in Afghanistan wollen aber weder auf ihre Rechte verzichten noch die Taliban zurück an der Macht sehen: Laut einer Umfrage von ARD, BBC, ABC und Washington Post (Dezember 2010) stehen 86 Prozent hinter der aktuellen Regierung, gegenüber nur 9 Prozent für die Taliban. Ebenso wenig sehen die Afghanen die westliche Welt als Hauptbedrohung des Landes: Nur 6 Prozent halten die USA, 64 Prozent hingegen die Taliban für die größte Gefahr des Landes. Die Menschen wissen noch aus eigener Erfahrung, was ihnen unter den Steinzeit-Islamisten droht. Niemand sollte so naiv sein zu glauben, dass die Taliban bei einer erneuten Machtergreifung nicht wieder ein Schreckensregime installieren und Millionen Mädchen und Frauen um ihre Lebenschancen bringen würden. Genau das droht, wenn sich der Westen übereilt aus Afghanistan zurückzieht und den Taliban somit den Weg nach Kabul ebnet. Genau das sind die menschenrechtlichen Konsequenzen, über die die Befürworter eines schnellen Abzugs bisher nicht reden wollen.
Wir brauchen Alternativen
Afghanistan wird noch einige Jahre auf die zivile und militärische Unterstützung des Westens angewiesen sein. Es ist schlicht unehrlich, einen schnellen militärischen Abzug zu fordern, ohne den Menschen in Afghanistan eine Alternative zur Taliban-Knechtschaft zu bieten. Aus menschenrechtlicher Sicht wäre ein übereilter Abzug vom Hindukusch daher fatal.




















