Die Medien sind Spielball im Kampf um Deutungshoheit. Wadah Khanfar

„Das Konzept der Exklusivität ist passé“

Er ist Direktor einer der größten Non-Profit-Organisationen für Investigativjournalismus in den USA, dem „Center for Investigative Reporting“. Alexander Görlach sprach mit dem Journalisten Robert Rosenthal über neue Geschäftsmodelle, die Probleme von Non-Profit-Organisationen im Journalismus und die Zukunft der Auslandskorrespondenten.

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The European: Was ist das Alleinstellungsmerkmal Ihrer Organisation?
Rosenthal: Ganz klar: einzigartige Inhalte von hoher Qualität. Wir wollen keine Nachrichtenagentur sein und das tun, was alle anderen tun. Wir konzentrieren uns auf das, was wir „investigativen und verantwortlichen Journalismus“ nennen.

The European: Was genau meinen Sie damit?
Rosenthal: Die zentrale Idee ist es, den Kern einer Geschichte – also die Information – zu nehmen und darum herum ein Team von Leuten aufzubauen und die Geschichte auszuerzählen. Traditionellerweise wird so gearbeitet, dass eine Story in die Zeitung, ins Fernsehen oder ins Radio gebracht wird. Bei unserem Modell wird die Geschichte auf jeder Plattform erzählt, um neue Verknüpfungen zu schaffen. Das ist ein Produktions- und Denkmodell, was nichts mehr mit dem Erbe von Nachrichtenagenturen zu tun hat.

„Es war nicht klar, ob wir auch nur ein einziges Jahr überstehen“

The European: Mit wem konkurrieren Sie?
Rosenthal: Unsere Arbeit ist in den gesamten Vereinigten Staaten anerkannt. Dieses Jahr haben wir mehrere Journalismuspreise gewonnen und standen dabei im Wettbewerb mit der „New York Times“ oder der „Washington Post“. Wir haben ein Team von Leuten hier, die verstehen, dass unsere Arbeit sehr kooperativ ist. Denn jede Idee kann eine gute Idee sein.

The European: Haben Sie diesen Erfolg erwartet?
Rosenthal: Als ich das Center for Investigative Reporting gründete, war nicht mal klar, ob wir auch nur ein einziges Jahr überstehen würden. Die Finanzierung kam nicht voran und außerdem hatten wir auch noch die große Finanzkrise. Vier Jahre später haben wir 74 Mitarbeiter und ein Budget von fast 11 Millionen Dollar.

The European: Sehen Sie sich denn mehr als Unternehmer oder als Journalist?
Rosenthal. Als beides: Die unternehmerischen Fähigkeiten musste ich mir aber mehr aneignen. Ich war einfach unglaublich frustriert, weil die Verlage nie etwas anderes versucht haben, seit das Geschäftsmodell für Zeitungen immer mehr am zusammenbrechen ist.

The European: Bei Ihnen zahlt nicht der Leser. Dafür haben Sie Menschen gefunden, die guten Qualitätsjournalismus fördern wollen.
Rosenthal: Wir generieren Umsätze und Reichweite durch andere Verlage, Fernsehen, Radio oder Webseiten. Profitorientierte Nachrichtenagenturen bezahlen für unsere Dienste. Die meisten Einnahmen generieren wir durch Videos. Wir können sogar Videos in Fernsehqualität produzieren.

The European: Also arbeiten Sie möglichst breit?
Rosenthal: Ja. Das Modell besteht darin, nicht exklusiv zu sein. Das Konzept der Exklusivität ist passé. Im Internetzeitalter ist etwas vielleicht für 30 Sekunden exklusiv. Den Menschen ist es egal, wer etwas zuerst berichtet. Das kümmert allenfalls Journalisten. Das wirklich wertvolle ist der einzigartige und hochwertige Inhalt, der in dem ganzen Durcheinander von Informationen besteht. Dabei geht es nicht nur um Reichweite, sondern auch darum, einen Wert um die Information herum zu schaffen.

The European: Woran liegt es, dass die klassischen Medienhäuser nicht die Kraft haben, sich durch neue Ideen und Lösungen zu erholen?
Rosenthal: Verlage sind profitgetrieben. Alles, was sich störend auf die Einnahmen auswirken könnte, ist erschreckend und verboten. Die ersten Fragen, die mir immer gestellt werden, sind: Wo sind die Einnahmen? Was wird das kosten? Wird es Unruhe stiften? Dabei muss man gerade jetzt Unruhe stiften.

„Das neue Modell muss die kreative und die wirtschaftliche Seite zusammenbringen“

The European: Als Journalisten haben wir nie darüber nachgedacht, wo das Geld herkommt. Ist das nicht also auch unser Fehler?
Rosenthal: Das war ein großer Fehler, ja. Als ich Herausgeber des „The Philadelphia Inquirer“ mit einem Budget von 75 Millionen Dollar wurde, hatte ich keine Ahnung vom Geschäft. Ich erlebte einen Zusammenprall der Werte zwischen der wirtschaftlichen und der kreativen Seite, was auch einer der Gründe dafür war, dass die Industrie zusammengebrochen ist. Als ich Geschäftsführer am Center for Investigative Reporting wurde, war ich der Überzeugung, dass das neue Modell die kreative und die wirtschaftliche Seite zusammenbringen muss. Wir sind alle Unternehmer, was bedeutet, dass wir alle unterschiedlich denken müssen.

The European: Warum wollen Sie trotzdem gemeinnützig bleiben?
Rosenthal: Wenn wir genügend Einnahmen generieren können, um gewinnbringend zu arbeiten, werden wir das tun. Aber im Moment bekommen wir noch eine Menge Geld von Stiftungen.

The European: Brauche ich als Leser, Internetnutzer oder Fernsehzuschauer eine Marke, zu der ich mich verbunden fühle?
Rosenthal: Das ist eine der Herausforderungen. Aber wie vermarket und labelt man etwas im Zeitalter von Social Media? Die Leute, die uns finanzieren, glauben, dass investigativer Journalismus und Berichterstattung von entscheidender Bedeutung für die Demokratie ist.

The European: Heute sind wir alle auf der Suche nach der großen Überschrift – nicht nur einmal am Tag, sondern alle drei Stunden.
Rosenthal: Das ist zumindest nicht das, was wir versuchen. Wenn Sie in einer langen Recherche sind, ist es unmöglich, diese gut zu machen, wenn Sie gleichzeitig als Teil Ihres Jobs auf der Jagd nach Nachrichten sind. Wir haben uns 51 Millionen Rechnungen einer Krankenhauskette über mehr als ein Jahr angesehen und ein Muster an fragwürdigen Abrechnungen und möglichem Betrug aufgedeckt, was einer der Gründe dafür ist, warum die Gesundheitskosten in diesem Land so hoch sind. Das hat unglaublich viel Zeit und Wissen gekostet. Wir ignorieren beinahe die Geschwindigkeit.

The European: In der Vergangenheit gab es den Chefredakteur in seinem Elfenbeinturm, der für seine Kollegen entschied und eine Geschichte veröffentlichte in dem Glauben, damit die Menschen zu erreichen.
Rosenthal: Unsere besten Ideen können von jedem im Team kommen. Wir wollen eine Organisation haben, in der jeder seinen Platz hat und etwas beiträgt. Wir brauchen das, um erfolgreich zu sein.

„Den Menschen ist die Welt egal“

The European: Gibt es eine Zukunft für das, was Sie vorher gemacht haben, nämlich die Auslandsberichterstattung?
Rosenthal: Daran darf gezweifelt werden. Zumindest in den Vereinigten Staaten gibt es heute weniger Wissen über die Welt als zuvor. Die Menschen interessieren sich mehr für die Dinge vor Ort. Ihnen ist die Welt egal, und das ist gefährlich. Die Entscheidung, einen Journalisten rund um den Globus zu schicken, wurde zu einer Dollar-Entscheidung und weniger zu einer Wertentscheidung. Wir machen internationale Berichterstattung, aber ganz ehrlich, es ist sehr schwer, die Finanzierung hierfür zu bekommen.

The European: Wie garantieren Sie Unabhängigkeit?
Rosenthal: Wir hängen von unseren Sponsoren ab, aber wir nehmen kein Geld für eine bestimmte Geschichte und haben deswegen auch schon Angebote abgelehnt. Das ist ein Geschäftsmodell: Die Leute würden Sie bezahlen, um etwas von einem bestimmten politischen Standpunkt oder einer bestimmten Agenda anzugehen. Ich glaube fest, dass diese Glaubwürdigkeit nicht nur ein Wert für die Gesellschaft ist, sondern sich potenziell langfristig auch finanziell auszahlt.

The European: Es gibt doch aber immer einen Interessenkonflikt. Wie handeln Sie, wenn es zu kontroversen Themen kommt?
Rosenthal: Wir machen Geschichten, die Menschen herausfordern und verletzen. Wir müssen einfach vorsichtig sein. Darum prüfen wir Fakten gegen und glauben, dass wir so akkurat und fair wie möglich sind. Aber wir wissen immer, dass es die Möglichkeit gibt, dass wir aus wirtschaftlichen und politischen Interessen angegriffen werden können. Das ist ein essenzieller Teil von dem, was wir tun.

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