Friseurgespräche sind der unwiderlegliche Beweis dafür, dass die Köpfe der Haare wegen da sind. Karl Kraus

Europa wird nicht untergehen

Statt abzuwarten und den Neuankömmlingen eine Chance zu geben, sehen viele in den Flüchtlingen den Anfang vom Ende. Glaubt man den düsteren Prophezeiungen, von denen Internet und Gazetten voll sind, steht es nicht gut um Europa.

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Wo liegt Europa? Wo fängt es an, wo hört es auf? Von der Antwort auf diese Frage hängt mehr ab, als man denkt. Schnell hat man als marktgläubiger Technokrat auf das falsche Pferd gesetzt und verrennt sich, Stichwort Ukraine oder zuvor schon Georgien. Im Wahn der universalen Vermittlung sieht man Chancen, wo keine sind und vergisst, wer man ist oder wenigstens sein könnte.

Wir leben in einer Zeit, in der „alle Ideen sich blamiert haben“ (Karl Mannheim). Das furchtbare 20. Jahrhundert hat sie, wohlgemerkt durch kräftiges Ausagieren, allesamt hinweggefegt. Geblieben ist uns nur eine, Condorcets leerer Fortschrittsglaube an Wohlstand und Weltfrieden durch mehr Handel und zunehmende Verflechtung der Menschen und Völker untereinander. Doch während bei uns kräftig gegen TTIP aufbegehrt wird, haben die Amerikaner und Asiaten mit TPP schon den nächsten Coup gelandet. Der pazifische Raum, seit Langem zum Mittelmeer des 21. Jahrhunderts ausgerufen, hat damit ein Argument mehr, was „live long and prosper“ angeht.

Europas geographische Lage könnte ungünstiger kaum sein

Wahr ist, Europas geopolitische Lage könnte ungünstiger kaum sein. Die drei schwerwiegendsten Probleme liegen direkt vor der Haustür: Afrika mit seinen failing states, seiner Unterentwicklung und Überbevölkerung, der mehr als tragische Nahost-Konflikt und vor allem die vollkommen destabilisierte arabische Welt, die in die Phase ihrer Selbstzerfleischung und einen möglicherweise hundertjährigen Krieg eingetreten ist.

Russland ist gefährlich

Als wäre das nicht genug, ist da noch ein weiteres, nicht eben harmloses Problem: Russland. Die Entwicklung seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion gibt wenig Anlass zur Hoffnung. Die Russen sind gefährlich, weil sie nicht mehr viel zu verlieren haben. Da hilft auch kein von Helmut Schmidt angeführtes Heer von Russlandverstehern, die Gefahr ist ganz real. Fakt ist jedoch: Die Rohstoffe würden uns guttun. Darum die Vorsicht gegenüber Russland und die Nachsicht mit Putin, wenn er wieder einmal die Muskeln spielen lässt. Tatsache ist auch: Kulturell gesehen gehört Russland zu Europa, mit Christentum, Puschkin und Dostojewski, Strawinsky und Rachmaninoff. Doch wie von hier nach dort kommen? Die russische Seele ist tief, wie die deutsche es einst war. Anders als die „verspätete Nation“ hat sie den Liberalismus niemals auch nur umarmt, und wir können nicht einmarschieren und haben auch sonst wenig Mittel, eine russische reeducation herbeizuführen, eine Entseelung im Sinne des Zivilisierungsprogramms des Liberalismus, wie sie Deutschland zu weiten Teilen erfolgreich abgeschlossen zu haben scheint.

Europa hat noch gar nicht begonnen

Eigentlich ist bestürzend, wie wenig sich Europa nach seinem vorweggenommenen Untergang in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts um sich selbst gekümmert hat. Was einst als Montanunion begann, war nie mehr als ein loser Verbund im Schlepptau der unseligen NATO, zusammengehalten von ein paar Wirtschaftsinteressen. Will sich Europa im globalen Kampf um Einfluss und Wohlstand erfolgreich behaupten, muss es über Dinge wie Binnenkonjunktur und Haushaltsstabilität hinausgehen. Vielleicht denkt Merkel also weiter als die meisten: Natürlich wird sie die Massen von Emigranten nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit aufnehmen, und ihr Vertrauen in die Integrationsfähigkeit und Stabilität der europäischen Gesellschaften muss man fast schon wieder bewundern.

Europa muss stärker zusammen halten

Was verbindet uns, abgesehen von Interrail-Ticket, Erasmus-Programm und Eurovision Song Contest? Vielleicht noch der Fußball. Abstrakte Ideen wie Gewaltenteilung, Menschenrechte und Pressefreiheit werden das Volk aber nicht ergreifen. Deswegen die Regression der Nichtprivilegierten auf Nationalstolz und Fremdenfeindlichkeit, diesem Zerrbild einer Kultur, die uns fehlt. Was auch fehlt: eine gemeinsame Sprache. Die Etablierung einer neuen, Völker verbindenden Sprache ist keine kleine Sache. Idealerweise hätte man damit 1951 angefangen und nicht erst 2016. Wie wäre es mit dem Italienischen, wegen der Nähe zu Latein, bekanntlich ja lingua franca des europäischen Mittelalters?

Kultur ist nur noch dort, wo der Kapitalismus nicht ganz gesiegt hat

Europa muss sich erklären, und Deutschland muss lernen, nach vorne zu gehen, weg von der Technokratie, hin zur europäischen Kultur, gemeinsam mit Skandinaviern, Osteuropäern, Franzosen, Spaniern, Portugiesen, Italienern, Griechen und – Engländern? Denn Kulturvergessenheit und moralische Verwahrlosung – das Problem haben alle, von Südkorea und China über England und Amerika bis nach Brasilien. Zugespitzt ließe sich sagen: Kultur ist nur noch dort, wo der Kapitalismus nicht ganz gesiegt hat. Bei uns hat er nicht ganz gesiegt, geschweige denn im Süden oder in – Russland.

Europa hat noch gar nicht begonnen. Das europäische Projekt trägt alle Züge einer halbherzig geplanten Liebhaberei, die immer mal wieder hervorgezogen wird, wenn gerade nichts anderes zu tun ist. Und doch ist sie den Menschen vor allem als jenes bürokratische Monstrum vor Augen, dessen Paralleluniversum aus Beamten und Lobbyisten Unsummen an Steuergeldern verschlingt und als Gegenleistung dem ihm unbekannten Bürger in dessen unachtsamen Momenten schamlos auf die Finger haut. In BWL-Sprech in aller gebotenen Kürze: Es ist kein gutes Produkt, und dann wird es auch noch schlecht gemanagt und verkauft.

Europa lebt von der Idee der wahren Freiheit des Einzelnen. Es wird nicht untergehen, weil es nicht untergehen darf. Als letzte Bastion einer über die partikulare Aneignung von Wohlstand hinausgehenden Ambition muss Europa sich im heraufziehenden Kampf aller gegen alle durch eine Art Wahrhaftigkeit, die Herrschaft des Rechts und eine Kultur, die den Namen verdient, zu behaupten suchen. Leicht wird das nicht, denn alle anderen sind skrupelloser. Entscheidend wird sein, sich aus der Umklammerung durch die anglo-amerikanische Welt, deren welthistorische Zeit abläuft und die durch ihren militanten Chauvinismus allerorten Ressentiment und Gegenzüge provoziert hat, zu befreien, und etwas Eigenes zu werden – jenseits von Finanzkapitalismus, kulturellem Konformismus und Machtbesessenheit. „Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch.“ (Hölderlin)

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ingo Friedrich, Gisela Stuart , Martin Valdés-Stauber.

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