Zu viele Länder folgen immer noch der alten Logik des Kalten Kriegs. Kumi Naidoo

Goldene Zeiten

Myanmar hat gewählt. Die Entwicklung des Landes könnte die Verhältnisse in Asien nachhaltig verändern. Einfach Wahlen abzuhalten, ist jedoch noch lange nicht genug.

Myanmars fortschreitende Liberalisierung und die Normalisierung seiner Beziehungen zur Außenwelt bieten die Möglichkeit, die geopolitische Situation in Asien grundlegend zum Besseren zu verändern.

Geografisch dominiert Myanmar die Bucht von Bengalen. Jene Region also, in der die Einflusssphären von China und Indien überlappen. Darüber hinaus verfügt Myanmar über Öl, Gas, Kohle, Zink, Kupfer, Seltene Erden, Holz und Uran. Der Preis für diese exponierte Lage ist, dass Myanmar über Dekaden hinweg im Griff von Diktaturen lag, während China langsam die natürlichen Ressourcen aus dem Land sog. Man muss sich Myanmar als eine Art zweites Afghanistan denken: Ein Schlüssel, ein geostrategisches Puzzle-Teil, verwüstet von Krieg und uneffektivem Regieren. Selbst wenn dieses Land nur normalisiert werden kann, entfaltet es Handelsrouten in alle Richtungen.

Seit Chinas Yuan-Dynastie (ethnisch mongolisch) im 13. Jahrhundert in Myanmar einmarschierte, stand das Land unter dem Schatten des großen Nachbarn, weder geografische Barrieren noch architektonische Hindernisse wie die Chinesische Mauer separierten die beiden Länder voneinander. Gleichzeitig war Myanmar immer auch die Heimat einer indischen Händlergemeinschaft, welche als Teil des kolonialen Großbritanniens den britischen Einfluss in Myanmar förderte.

Auch China würde profitieren

Geht Myanmar seinen Weg der Reformen weiter, öffnet sich gegenüber den Vereinigten Staaten und seinen Nachbarn, dann kann es mehr werden als eine natürliche Ressource für China – ein eigenständiger Umschlagplatz, der den indischen Subkontinent, China und Südostasien vereint. Selbst wenn Chinas Einfluss dadurch zunächst zurückgedrängt würde, würde China schlussendlich immens profitieren. Ohne Zweifel wüchse Kunming in Chinas südlicher Provinz Yunnan zur ökonomischen Hauptstadt in Südostasien heran, wo sich Schifffahrts- und Eisenbahnrouten aus Myanmar, Laos und Vietnam vereinen werden.

Viele dieser Infrastrukturaktivitäten sind schon im Gange. China baut bereits auf der Insel Ramree (an Myanmars Nordwestküste) Pipelines, die Öl und Gas aus Afrika, dem Persischen Golf und der Bengalischen Bucht durch Myanmar hindurch nach Kunming leiten sollen. Der Nutzen wird sein, dass China seine Abhängigkeit von der Straße von Malakka wird verringern können, durch die derzeit vier Fünftel der chinesischen Rohöl-Importe laufen. Auf etwa der gleichen Route wird bis 2015 eine Hochgeschwindigkeitsstrecke für Züge entstehen.

Auch Indien baut zurzeit ein Energieterminal in Sittwe, nördlich von Ramree an Myanmars Küste, welches potenziell in der Lage ist, Erdgas durch Bangladesch hinein nach Westbengalen zu transportieren. Die indische Pipeline würde sich tatsächlich in zwei Richtungen aufteilen, mit einer geplanten Nordroute um Bangladesch herum. Kommerzielle Güter werden ihr auf neu gebauten Highways nachfolgen. Kolkata, Chittagong und Yangon, derzeit eher separierte Städte in drei getrennten Ländern, würden endlich Teil einer einzigen Welt im Indischen Ozean.

Indien wird tiefer nach Asien gesogen

Entscheidend ist, dass im Zuge einer Liberalisierung Myanmars auch Indiens landumschlossener Nordosten geöffnet wird. Dieser Teil Indiens litt lange an schlechter geografischer Lage und Unterentwicklung und hat als Konsequenz in den vergangenen Dekaden gleich ein Dutzend Unruhen erlebt. Bergig und von Dschungel bedeckt, ist Nordost-Indien vom Mutterland abgeschnitten durch das bitterarme Bangladesch im Westen und durch Myanmar im Osten. Die politische Öffnung und wirtschaftliche Entwicklung Myanmars wird auch Indiens Nordosten und Bangladesch zum Aufschwung verhelfen.

Mit zumindest teilweise reduzierter Armut in all diesen Gebieten sinkt auch der Druck auf Kolkata und Westbengalen, immer mehr wirtschaftliche Flüchtlinge aufzunehmen. Indien würde dadurch unvorstellbar gestärkt. Seine Grenzen zu gescheiterten Staaten auf dem Subkontinent (Pakistan, Nepal und Bangladesch) verhinderten bislang, dass Indien die Fähigkeit entwickelte, sich politisch und militärisch stärker in Asien und dem Mittleren Osten zu engagieren. Allgemeiner formuliert: Ein liberalisiertes Myanmar zieht Indien tiefer nach Asien hinein, sodass Indien leichter eine Balance mit China herstellen kann.

Doch während die Zukunft mit Möglichkeiten lockt, ist die Gegenwart noch immer unsicher. Die politische Transition in Myanmar hat gerade erst begonnen und kann ebenso scheitern. Das Problem ist, genau wie schon in Jugoslawien und Irak, regionale und ethische Zersplitterung.

Einfach Wahlen abzuhalten, ist nicht genug

Myanmar ist ein ausgedehntes Königreich, das sich rund um das Flusstal des Irrawaddy zieht. Das Wort der ethnischen Burmesen für dieses Land ist Myanmar – der offizielle Name des Landes. Ein Drittel der Bevölkerung sind jedoch keine ethnischen Burmesen. Die Gebirgsareale rund um das Tal werden bewohnt von Chin, Kachin, Shan, Karen und Karenni, welche eigene Armeen und irreguläre Truppen halten und seit dem Beginn des Kalten Krieges gegen die von Burma kontrollierten nationalen Streitkräfte gekämpft haben.

Schlimmer noch, diese von Minderheiten bewohnten Bergregionen sind selbst in sich noch ethnisch aufgeteilt. Das Gebiet der Shan beispielsweise ist ebenfalls Heimat für Was, Lahus, Paos, Kavans und andere Stämme. All diese Gruppen sind das Produkt historischer Migration aus Tibet, China, Indien, Bangladesch, Thailand und Kambodscha – so haben die Chin im Westen Myanmars fast nichts gemein mit den Karen im Osten. Noch weniger existiert eine Gemeinschaft aus Sprache und Kultur zwischen den Shans und den ethnischen Burmesen, abgesehen einmal von der buddhistischen Religion. Und die Arakanesen, eine kosmopolitische Küstengesellschaft, beeinflusst vom hinduistischen Bengalen, fühlen sich explizit nicht dem Rest Myanmars zugehörig.

Mit anderen Worten: Einfach Wahlen abzuhalten, ist nicht genug. Wahlen würden schlichtweg ethnische Burmesen an die Macht bringen, die kaum zu Kompromissen mit den Minderheiten bereit wären. Das Militär übernahm 1962 genau aus dem Zweck das Land, um die Minderheitengebiete am Irrawaddy-Tal zu kontrollieren. Für ein halbes Jahrhundert haben die Militärs nun regiert, Myanmar hat kaum eine funktionierende Institution, die nicht vom Militär gesteuert wird. Was es nun braucht, ist ein System, das den Minderheiten großzügig Macht einräumt – die friedliche Integration der Minderheiten benötigt lebhafte föderale Institutionen.

Myanmar, das ist die gute Botschaft, wird weniger repressiv und dabei offener für die Außenwelt. Das alleine reicht jedoch nicht aus, um einen überlebensfähigen Staat zu formen. Alles in allem wird, selbst mit der Zivilbevölkerung an der Macht, Erfolg nur möglich sein, wenn das Militär über Jahre hinweg eine bedeutende Rolle spielt. Derzeit wissen fast nur Offiziere, wie überhaupt das Land regiert werden kann.

Berücksichtigt man die immensen natürlichen Ressourcen und die erhebliche Bevölkerungsgröße von 48 Millionen, wird klar: Gelingt es Myanmar, Institutionen zu bilden, die über ethnische Grenzen hinweg funktionieren, kann es eine veritable mittlere Macht in der Region werden. Eine Macht, die nicht zwingend China und Indien schaden würde und ganz nebenbei den Handel in Asien und dem Indischen Ozean entfesseln könnte.

Übersetzung aus dem Englischen. Der Text ist zuerst bei Stratfor erschienen.

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