Gott nützt mir letztlich nur, wenn er ist. Walter Kasper

Elmshorn in Kalifornien

Ein Austauschprogramm zwischen Kalifornien und Schleswig-Holstein zeigt: Die beste Werbung für die deutsche Sprache sind deutsche Jugendliche.

Es ist nicht einfach, ein „normaler” Deutschlehrer in Südkalifornien zu sein.  Schüler stellen immer die gleichen Fragen, wenn man sie fragt, ob sie Deutsch lernen wollen: „Warum soll ich Deutsch lernen? Keiner spricht es hier!”  

Wenn Schüler trotzdem Deutsch lernen wollen, sind die Eltern oft dagegen. “Mein Kind wird Deutsch nie gebrauchen.  Spanisch zu lernen ist viel praktischer.”  Diese Probleme habe ich aber nicht, weil ich zu den Deutschlehrern gehöre, die nicht „normal” sind, Ich mache jedes Jahr einen achtwöchigen GAPP (German American Partnership Program) – Austausch, und meine Schüler und ihre Eltern wissen, dass sie deswegen die deutsche Sprache benutzen werden.

Wir haben eine Partnerschule in Elmshorn, eine nette Stadt in der Nähe von Hamburg. Die Schüler kommen jeden Frühling in Begleitung von Lehrern für vier Wochen nach Ventura; wir besuchen sie für vier Wochen im Sommer. Die Schüler und Eltern wissen, dass wenn man Deutsch an meiner Schule lernt, auch dann wenn man den Austausch nicht macht, hat man die Chance, „real Germans” kennen zu lernen, und Freunde auf der anderen Seite der Welt zu machen. Ich muss den Eltern nie sagen, warum es wichtig ist, Deutsch zu lernen. Ich muss auch nicht versuchen, Deutsch in meinem Unterricht „lebendig” zu machen.


Zukunft mit deutschen Freunden


In den 21 Jahren, die ich Deutsch an der Buena High School in Ventura unterrichtet habe, ist die deutsche Sprache durch den Austausch lebendig geworden. Es gibt sogar deutsch-amerikanische Babys als Beweis (Gott sei Dank sind sie alle nach einer Hochzeit oder einer langen Partnerschaft gekommen und nicht nach den vier Wochen im Frühjahr oder Sommer!).

Es gibt ehemalige Schüler, die vor 20 Jahren den Austausch gemacht haben, und immer noch Kontakt zu ihren Partnern haben. Austauschschüler und ihre Eltern lernen sich nicht nur kennen; sie werden Mitglieder ihrer Familien und bleiben es. Ich weiss nicht, wie viele Schüler zurück nach Elmshorn gegangen sind und andersrum. Ich bekomme regelmäßige Nachrichten auf Facebook oder E-Mails von ehemaligen Schülern mit Updates von ihren Reisen und Abenteuern in Deutschland, und was ich so toll finde, ist dass die Schüler immer ihre Partner und ihre „deutsche Familie” besuchen, wenn sie in Deutschland sind.

Die Schüler an meiner Schule und ihre Eltern wissen, dass die Schüler, die Deutsch lernen, die Chance haben, eine Zukunft mit der deutschen Sprache und mit deutschen Freunden haben.  Fast jeder Schüler an meiner Schule kann mit dem Namen „Elmshorn” etwas anfangen, auch die Schüler, die Spanisch lernen. Obwohl es keine deutsche Community in unserer Nähe gibt, haben wir den Austausch. 

Den Austausch kann ich auch im Unterricht nutzen, damit die Schüler das echte Alltagsleben eines deutschen Teenagers kennen lernen. Meine Kollegen müssen ein Buch benutzen, in dem sie Geschichten von fiktiven Familien lesen. Auch wenn sich die Autoren dieser Lehrbücher viel Mühe geben, die Lektüre interessant zu machen, können sie nicht mit den echten Erfahrungen von echten Menschen verglichen werden. Alles, was ich im Unterricht mache, hat mit dem Austausch zu tun. Meine Schüler lernen Vokabeln mithilfe von Videos und Bildern von Orten, die sie besuchen können oder schon besucht haben. Wenn wir das Thema „Schule” haben, sehen wir unsere Partnerschule, die alle Schüler kennen und alle besuchen wollen. Sie wissen jeden Tag, dass was sie im Unterricht lernen, praktisch ist. Sie sind motiviert. Letzten Sommer, als wir in Elmshorn waren, ist eine Schülerin die Treppe heruntergefallen und musste ins Krankenhaus. Als ich sie traf, hatte sie einen Gipsverband, aber auch  ein Großes Lächeln. Sie sagte mir als erstes stolz: „Ich habe alles mit dem Arzt auf Deutsch besprochen. Sie hatten recht, als Sie uns sagten, dass wir den Wortschatz über das Krankenhaus lernen sollten. Gott sei Dank war ich fleißig!” Ich konnte auch nur stolz auf sie sein, und konnte auch nur lachen.


Wie Deutschland wirklich ist


Wegen des Austausches sammeln meine Schüler Erfahrungen, die ich jahrelang im Unterricht benutzen kann. Die Erfahrungen der Schüler sind für mich im Unterricht ein Vorteil. Ich kann immer erzählen, wie wichtig ein Umlaut sein kann, weil ein Schüler einmal an einem heißen, feuchten Tag auf einem Familienfest laut sagte: „Meine Güte, es ist so schwul hier!” Seine Familie hat ihn liebevoll korrigiert und alle haben gelacht.

Ich kann auch eine Geschichte erzählen, wie englische Wörter manchmal eine andere Bedeutung in der deutschen Sprache haben. Meine Gastmutter wollte ein Parfüm aus Amerika haben, das keiner in Deutschland hat. Als ich bei Macys war und gefragt habe, welches Parfüm das sein könnte, wusste das die Verkäuferin nicht. Sie hat eines von Donna Karan vorgeschlagen, weil es so schön ist, aber ich kaufte es auch wegen seines Namens: Cashmere Mist.

Die Schüler lachen immer, wenn ich ihnen sage, dass keine deutsche Frau nach Mist riechen will. Diese Geschichten findet man nicht im Lehrbuch.

Weil meine Schüler so viel Kontakt mit Deutschen haben, sehen sie mit ihren eigenen Augen, wie Deutschland wirklich ist. Sie wissen, dass nicht alle Deutschen blond und blauäugig sind. Sie wissen, dass es neben Sauerkraut auch Döner gibt (und die Türken im besten Dönerladen in Elmshorn fragen immer nach „ihren Amis.”). Sie wissen, dass die Musik von Beethoven schön ist, aber auch die Musik von Peter Fox. Sie wissen, dass die Deutschen auch lustig sein können… und sogar cool. Ich habe keinen Platz mehr im Deutschunterricht. Meine Klassen sind voll (50 oder mehr Schüler pro Kurs bei den Anfängern).

Warum? Wegen der Deutschen! Die beste Werbung für die deutsche Sprache sind die deutschen Jugendlichen. Das muss man wissen und das muss man fördern!

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