Wieder eine Woche ohne die Kanzlerin; erst am Samstag ließ sie sich bei der „Frauen Union“ der CDU in Wiesbaden blicken. Unter der Woche mühte sich Regierungssprecher Steffen Seibert, die allüberall aufflackernden Brandherde einzudämmen. Dabei reichte die Bandbreite der Feuersbrunst von den unterschiedlichen Vorstellungen zur Lösung der Staatsschulden- und der daraus resultierenden Euro- und erneut drohenden Bankenkrise über die Dissonanzen der deutsch-französischen Achse und die deshalb abgesagte Regierungserklärung der Kanzlerin zum Krisenmanagement bis hin zu den mit der CSU nicht abgestimmten Vorschlägen von FDP-Chef Rösler und Finanzminister Schäuble zur steuerlichen Entlastung der unteren und mittleren Schichten. Wenn das Schweigen aber laut wird, fällt umso mehr auf und ins Gewicht, wer das Vakuum füllt. Neben Schäuble, Rösler und dem sich auf eine schmollende „Njet“-Politik kaprizierenden CSU-Chef Seehofer sprang vor allem eine Frau in die Bresche, die beherzt und immer mehr in zentralen und auch über ihre Ressortzuständigkeit hinausgehenden Themen die Zügel ergreift.
Meisterin des Themenplacements und Agendasettings
Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen wirkte wie eine Kanzlerin hinter der Kanzlerin. Die in Brüssel mehrsprachig aufgewachsene Tochter des ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht, promovierte Ärztin und ehemalige Studentin der Nationalökonomie entstammt als siebenfache Mutter selbst einer kinderreichen Familie, für die eine profunde Bildung und hingebungsvolle Leistungsbereitschaft, aber auch der Einsatz für das Gemeinwesen hohe Ideale sind. Mit der eisernen Disziplin und dem Einfühlungsvermögen einer erfahrenen Dressurreiterin, hoher Konzentration und kraftvollem Einsatz erlebt man sie auf öffentlichen Bühnen stets engagiert, aufmunternd und voll Energie. „Röschen“, wie sie daheim und im niedersächsischen „Land des Lächelns“ zärtlich genannt wird, greift ohne Berührungsängste Themen auf und treibt sie – zuweilen auch provozierend – voran. Die ehemalige Sozial- und Gesundheitsministerin in der ersten von Bundespräsident Christian Wulff geführten niedersächsischen Landesregierung verstand sich schon in der von Kanzlerin Merkel geführten großen Koalition als Meisterin des Themenplacements und Agendasettings. Dass die von immer mehr Singles und Dinks (double income no kids) dominierte und vergreisende Nation dringlich auch „neue Männer“ braucht, die sich für das Management von Heim und Herd interessieren sowie viel intensiver um die Erziehung und Bildung ihrer Kinder kümmern sollten als gewohnt, schrieb sie schon vor ihrem bundespolitischen Amtsantritt 2005 auf alle Fahnen, zu denen sie sich Zugang verschaffen konnte.
Selbst ein „Familienmensch“, scheint von der Leyen dennoch den von der Kanzlerin und Parteivorsitzenden Merkel vorgegebenen neuen Familienbegriff zu akzeptieren. Nach der vor allem in den Medien dominierenden Patchwork-Realität ist Familie dort, wo Menschen in einem engeren Sozialkontakt dauerhaft füreinander Verantwortung übernehmen. Auf die gesellschaftlich gelockerten Sozialstrukturen, eine abnehmende elterliche Verantwortungsbereitschaft und die verzweifelte Situation vieler Alleinerziehender im Spagat zwischen ökonomischen Zwängen und Kindererziehung sowie die auch daraus resultierenden Defizite in der frühkindlichen Erziehung reagierte von der Leyen; sie führte die von ihrer Amtsvorgängerin Renate Schmidt übernommene sozialdemokratische Familienpolitik fort, die traditionell die staatlich organisierte Kinderbetreuung in objektgeförderten Einrichtungen wie Kindertagesstätten (Kitas) zumindest gleichrangig zu stellen, wenn nicht gar gegenüber der Erziehung durch die Eltern bevorzugen möchte. Entsprechend brüskiert fühlten sich die, die als Eltern gern jene 800 Euro monatlich, die ein Kita-Platz kostet, als „Subjektförderung“ im Sinne einer gerechten Entlohnung für Erziehung, Bildung und Unterhalt ihrer Kinder erhalten und diese bis zur Einschulung selbst erziehen wollen. Aber die Ministerin startete auch eine Kampagne für Mehrgenerationenhäuser, um die Älteren zu einem ehrenamtlichen Engagement für die Bürgergesellschaft der Zukunft zu animieren.
Vor wenigen Wochen forderte sie forsch, Griechenland möge für die finanzielle Inanspruchnahme des deutschen Steuerzahlers Sicherheiten gewähren. Diese Idee wurde auch vom Kanzleramt zunächst als unsinnig abgetan; heute ist dieser Vorschlag genauso in der Diskussion wie das unermüdliche Werben von der Leyens, die Europäische Gemeinschaft noch weiter zu vertiefen und damit gerade auch zur Lösung der aktuellen Krise „mehr“ statt „weniger“ Europa zu schaffen. Auch in puncto Frauenförderung in den Topetagen der Wirtschaft erweist sie sich als ungeduldig. Statt wie Bundesministerin Schröder und Kanzlerin Merkel auf eine freiwillige Anstrengung der Unternehmen und Verbände, setzt sie auf eine gesetzliche Quotenregelung, um mehr als vier Prozent der Vorstände von DAX-Konzernen weiblich zu besetzen. Die Ministerin scheint auch getrieben von der Sorge, dass Deutschland ohne Frauen in allen Bereichen der Produktion schon auf Sicht seinen Wohlstand nicht wird erhalten können.
Ernsthafte Kandidatin für die Merkel-Nachfolge
Mit brillanter Eloquenz und Unerschrockenheit besticht und verstört sie zugleich; Ursula von der Leyen verfügt über ein facettenreicheres rhetorisches Repertoire als die amtierende Kanzlerin und vermag ihre Sicht der Dinge auch mit einprägsamen Bildern darzustellen. Immer mehr wächst sie von einer Apologetin zur Tatkraft und Lust an der Gestaltung ausstrahlenden, kreativen Führungspersönlichkeit der Regierung heran. Für die CDU wäre sie wohl eine ernsthafte Kandidatin für eine Nachfolge Merkels. Dazu müsste es ihr gelingen, das tiefe Misstrauen der an christlichen Werten und dem Ideal einer freien Bürgergesellschaft orientierten Stammkundschaft gegenüber obrigkeitsstaatlicher Bevormundung und einem radikal-emanzipatorischen Säkularismus zu berücksichtigen und auch dieses Zentrum der Union für sich zu gewinnen.


















sehr richtiger artikel, von vorne bis zum schluss.
warum sollten frauen z.b. 33% der vorstandsmitglieder von technolgiekonzerne “sicher” haben, wenn sie bei den relevanten studiengängen heute gerade mal auf 25% kommen? und in den fraglichen jahrgängen, die heute als vorstände verantwortung tragen auf vielleicht 15%? das ist ein falsches verständnis von gleichheit, denn da wird ungleiches gleich behandelt und ist daher einfach nur eines UNRECHT!!! denn ungleiches darf ungleich behandelt werden, einer der rechtsgrundsätze unseres sozialstaats
grüße, inti
“Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten.”
Frau von der Leyen beeindruckt in der Regel nur Menschen, die niemals vorhaben, die CDU zu wählen. Für Eltern, die Verantwortung für ihre Kinder selbst übernehmen wollen, ist sie ein ständiger Affront. Ich verstehe auch nicht ganz, wie der Autor auf die Idee kommt, sie sei als “Familienmensch” ein Gegenpol zu ihren Regierungsfreunden. Als Familienmensch stelle ich mir nicht jemanden vor, der seine sieben Kinder von anderen großziehen lässt, sondern es selbst tut. Insofern passt sie sogar ganz einwandfrei und widerstandslos in das Bild einer Karrierefrau und ist damit bestens aufgehoben unter den Kolleginnen auf der Regierungsbank. Ich persönlich als Mutter brauche keine “Supernanny” in Berlin, die mir erklärt, was als Frau und Mutter so alles gut für mich ist. Angefangen von der Erziehung meiner Kinder bis hin zur Frauenquote, die eine der schlimmsten Vorhaben ist, die sie gerade vorantreibt. Eine Kanzlerkandidatur von “Röschen” wäre für mich definitiv der i-Punkt, um die CDU nicht mehr zu wählen.
Und wie war das bei Frau von der Leyen: bei der Abstimmung zur Präimplantationsselektion hat sie zugestimmt – und damit ihre Zustimmung erteilt für das Abtöten von wehrlosen menschlichen Wesen im Embryonalstadium. Das soll ein Familienmensch sein? Warum?
Man sagt, ihr Mann sei an der Reproduktionsmedizin und an der milliardenschweren Industrie, die hinter der Präimplantationsselektion steht, beteiligt. Wir können nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon, irgendwann muss sich jeder klar für eine der Seiten entscheiden. Wo stehen Sie Frau von der Leyen?
Ich kann den beiden Vorrednerinnen nur zustimmen: vdL ist im Familienressort die größte denkbare Fehlbesetzung gewesen, getoppt nur durch die noch unfähigere Nachfolgerin.