Kein Kompass, keine Richtung, keine Perspektive. Nahezu alle politischen Beobachter sind sich einig: Altkanzler Kohl treffe mit dieser Kritik an seiner Nachfolgerin Angela Merkel ins Schwarze. Die Kanzlerin reklamiert trotzig, jede Zeit habe ihre eigenen spezifischen Herausforderungen. Sie beantworte aber die Fragen nach dem Kern ihrer Politik nicht und lasse keine über den Tag hinausweisende Kursbestimmung erkennen, hält Hans-Peter Schütz der CDU-Chefin (European 2.9.2011) entgegen.
Überraschend ausgeglichen
Doch reicht es nicht aus, dass Merkel Deutschland „gestärkt“ erst aus der Finanz-, dann aus der Atom- und nun aus der Euro- und Schuldenkrise herausführen will? Betont sie nicht unermüdlich, dass es gelte, Land und Leute fit für das 21. Jahrhundert und die Zukunft zu machen? Und wenn sie sich in Europa umschaut: Steht ihr dann nicht ins Gesicht geschrieben, dass sie das Pathos von Neo-Napoleon Nicolas Sarkozy, das Brimborium von Bunga-Berlusconi oder das zaristische Gepränge Wladimir Putins bestenfalls als übertrieben empfindet? Lehrt sie ein Rückblick in die Geschichte nicht, dass die dem Fernsehzeitalter und BILDgebenden Medien huldigenden SPD-Staatsschauspieler Schmidt-„Schnauze“ und „Glotze“-Schröder trotz schneidiger Auftritte jeweils auf halbem Wege der eigenen Kanzlerschaft verlustig gingen? Und überlebte CDU-Parteipatriarch und Dauerkanzler Kohl die Konkurrenz nicht zuvörderst mit dickfelligem Aussitzen?
Verfolgt die Kanzlerin denn nicht in der Hitze des politischen Krisenmanagements eine eigene Agenda und zeigt sich dabei überraschend ausgeglichen? Welchen Vorteil hätte es für sie, strategische Ziele und philosophische Grundlagen einer „hidden Agenda“ offenzulegen? Das Publikum kann doch beobachten, wie sich die innere Einstellung und „Denke“ der Kanzlerin in einer unaufgeregten Haltung, wie sich ihre „Corporate Philosophy“ in einem sichtbar Ruhe bewahrenden Verhalten (Behaviour) ausdrückt. Und hat Merkel nicht ihren rasant vollzogenen Glaubensabfall von der friedlichen Nutzung der Kernenergie für alle nachvollziehbar damit begründet, dass nach dem Reaktorunfall in Fukushima nichts mehr so sein könne wie zuvor?
Doch politische Führung verlangt nach mehr Kommunikation, nach Darlegung von Grundsätzen und Leitideen. Die amerikanischen Kommunikationspsychologen Joseph Luft und Harry Ingham haben schon vor einem halben Jahrhundert mit ihrem Kommunikationsmodell („JoHari-Fenster“) klar gemacht, dass die Offenbarung von Absichten und Zielen eine wichtige Grundlage für das Verständnis, ein daraus resultierendes Einverständnis und damit eine Motivation für solidarisches und engagiertes Handeln ist. In einem Führungs- und Markenmodell zur Herausbildung einer imagebildenden Identität von natürlichen und juristischen Personen (Corporate Identity) hat der Schweizer Kommunikationsexperte und Manager Walter von Wartburg den organischen Zusammenhang von Denken, Handeln, Kommunizieren und dem Erscheinungsbild von Persönlichkeiten und Organisationen entwickelt. Danach empfinden Menschen dann ein zustimmendes und eigene Aktivitäten anregendes Gefühl (Feel) für eine planvoll vorgehende Person oder eine zielgerichtet operierende Organisation (Corporate), wenn mit Transparenz und Wahrhaftigkeit ein nachvollziehbar geordneter Zusammenhang vom Denken (Think) über ein sichtbar wahrnehmbares Verhalten der Führungspersönlichkeiten bis hin zu demonstrativ symbolischen Handlungen (Walk) erklärt (Talk) und ihnen so das gesamte Auftreten inklusive dem äußeren Erscheinungsbild (Corporate Design) einsichtig vor Augen gestellt wird (Look).
Aufklärung und Transparenz
Will Merkel also ihre Partei, die deutschen und europäischen Staatsbürger und im September 2013 auch die Wähler überzeugen, so muss sie sich im Klaren sein, dass jeder Massenbewegung eine intellektuelle Elitenbewegung vorangeht. Dann muss sie dem Bedürfnis der Menschen nach Auf- und Erklärung ihrer Intentionen und zentralen Anliegen glaubhaft Rechnung tragen. Menschen fühlen sich dann manipuliert und auch missbraucht, wenn sie über die „Denke“ der sie führenden Persönlichkeiten, die ja zu einem Verhalten aufrufen, Zustimmung einfordern und Ansprüche auf Gefolgschaft stellen, in wesentlichen Teilen im Unklaren gelassen werden. Auch die Kanzlerberater sind verantwortlich, diese „Mission possible“ mit Merkel zu erarbeiten und sie damit im wahrsten Sinne des Wortes vertrauenswürdig zu machen. Alles hängt nun davon ab, ob Merkel tatsächlich ein mit der Philosophie der Union übereinstimmendes Anliegen in sich, oder ob sie nur unsichtbare – weil nicht vorhandene – Kleider wie in der Parabel vom nackten Kaiser trägt. Und ob sie bereit ist, aus einem grundsätzlichen Missverständnis von Kommunikation zur Herstellung einer auf mehr Wahrheit und Werten basierenden Communio zu finden.
Der Autor möchte Angela Merkel zum Tode ihres Vaters sein herzliches Beileid ausdrücken.


















Richtig analysiert!
Frau Merkel muss Klartext reden.
Ich denke da z.B. an die Familienpolitik oder an Artikel 1 GG: Die Würde des Menschen ist unantatsbar! Bei der PID-Debatte fehlte Merkels christliche Klarstellung. Und bei der Familienpolitik fehlt es an den richtigen Weichenstellungen für eine gute, kinderreiche Zukunft unseres Landes.
Zu spät oder wohl nie wird Frau Merkel reagieren -fürchte ich. Vielleicht liest sie oder einer ihrer Berater ja diesen Artikel?
Die Frage ist doch derzeit: Was ist eigentlich die Philosophie der CDU? Hat die CDU überhaupt noch eine eigene? Ein Alleinstellungsmerkmal, das die Partei von den anderen Parteien abhebt? Ein einziger Grund, warum ich ausgerechnet die CDU und niemand anderen wählen soll? Ich suche… Umweltpolitik: Da kann ich auch die Grünen oder die SPD oder die Linke wählen. Bekomm ich genau das Gleiche. Familienpolitik: Da kann ich auch die SPD oder Grünen oder die Linke wählen. Bekomm ich ebenfalls das Gleiche? Außenpolitik: Reden wir mal besser nicht über unseren Außenminister. Lebensschutz: Wie war das nochmal mit dem C in der "c"DU? Ich hab manchmal das Gefühl, dass ich besser nicht weiß, was die Kanzlerin wirklich vor hat, ich könnte sonst geneigt sein, den letzten Funken Hoffnung zu verlieren, dass sich irgendwo versteckt in der Agenda der CDU doch noch etwas findet, was mich bei der Stange hält.
Herr Schütze, Sie haben völlig recht, Frau Lambrecht und Frau Kelle Sie auch. Ich halte mehr Transparenz und bessere Kommunikation für eine hochbedeutende Forderung und zwar aus Gründen, die noch viel wichtiger sind als der politische Erfolg der Kanzlerin und der CDU: Das Fortbestehen und weitere Gelingen unserer ganzen politischen und gesellschaftlichen Ordnung hängt doch davon ab, dass die Bürger von den Mächtigen rechtzeitig, zutreffend, umfassend und verständlich informiert werden. Nur dann können sie sich beteiligen, auch wählen, vertrauen und sich führen lassen. Demokratie heisst doch
Bürgerherrschaft. Welcher “Herr” würde sich den planlosen Opportunismus und das Verstecken der wahren Absichten von seinem Diener gefallen lassen, wie sie uns heute von Beamten, Funktionären und Politikern geboten werden? auch von Frau Merkel und Co.