Das sei ihre „Art der ziemlich intensiven Leidenschaft, die Probleme an der Wurzel anzupacken“; denn die „historische Aufgabe, den Euro zu schützen“ sei „jede Anstrengung wert“, bekundete eine sichtlich erleichterte Angela Merkel nach dem weithin gelobten Krisengipfel zur „Rettung Griechenlands und des Euro“ (wie viele Zeitungen titelten). Der Sehnsucht des melancholischen Udo Jürgens-Songs und der „Männer mit braunen Augen und schwarzem Haar“ nach der Heimkehr zu „alten Häusern, jungen Frauen, grünen Hügeln, Meer und Wind“ hatten die europäischen Staats- und Regierungschefs auf ihre Weise entsprochen und noch mal 109 Milliarden Euro nachgeschenkt. Damit suchten sie der schon im 19. Jahrhundert prophetisch in der griechischen National- und Freiheitshymne mit viel Pathos skizzierten schicksalhaften Situation Herr zu werden:
„Dort im Grabe eingeschlossen,
eingeschüchtert und betrübt,
wartetest du auf die Stimme,
die dir sage “Komm zurück!”
Dieser Tag ließ auf sich warten,
es war alles totenstill,
alles war durch Angst verdunkelt,
Knechtschaft deckte alles zu.
Unglückliche, Trost alleine blieb
dir die Erinnerung an die längst
vergangene Größe, die erzählend du
beweinst.
Banges Harren, banges Warten
auf ein freiheitliches Wort,
schlug die eine Hand die andre
in Verzweiflung immerfort.
Und du sagtest: “Wann erhebe ich
mein Haupt aus dieser Not?”
Es erwiderten von oben Klagen,
Ketten, Jammerlaut.“
Genesung durch nachhaltige Investitionen
Das Rettungspaket gewährt den Griechen auch eine Verlängerung der Kreditlaufzeiten und eine Zinssenkung auf 3,5 Prozent. Aus der Euro-Transferunion ist längst ein europäischer Währungsfonds (FAZ) geworden, ohne dass es bereits eine europäische Wirtschaftsregierung mit einer weitgehenden Abstimmung der Finanz-, Steuer- und Sozialpolitik gibt. Viel hängt nun davon ab, ob es gelingt, ein Wirtschaftsprogramm mit dem Ziel einer Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit der Staaten südlich des Siesta-Äquators abzustimmen und ob auch der europäische Norden seinen eigenen „Schuldenalkoholismus“ (Wolfram Weimer) endlich in den Griff bekommt. Immerhin liegen in Brüssel rund 20 Milliarden Euro Fördermittel für die Sanierung der griechischen Wirtschaft bereit. Der deutschen Wirtschaft kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Schon brüten deutsche und griechische Wirtschaftsvertreter mit den Politikern über eine Investitions- und Wachstumsoffensive für Hellas. Eine Art „Marshallplan“ soll durch gezielte Investitionen die Wettbewerbsfähigkeit der griechischen Wirtschaft wieder herstellen und das Land in eine moderne Marktwirtschaft verwandeln.
Lahme Wirtschaft, gelähmter Arbeitsmarkt
Das aber ist eine wahre Herkulesaufgabe. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Griechenlands beträgt mit 230 Milliarden Euro weniger als ein Zehntel des BIP Deutschlands und ist in etwa so groß wie das BIP von Hessen. Die Schulden des Landes belaufen sich auf rund 350 Milliarden Euro, also ca. 160 Prozent des BIP. Die Arbeitslosenquote liegt bei über 15, bei der Jugend sogar bei über 40 Prozent. Ähnlich erschreckende Zahlen weisen auch Spanien, Portugal und Italien mit rund 30 Prozent auf. Die ständig weiter steigende Arbeitslosigkeit und die Schuldenkrise drücken den Konsum. Geschwächt ist Hellas auch durch die anhaltende Korruption in Bürokratie und Verwaltung und die Steuerverweigerung der privilegierten Schicht. Auf dem aktuellen Korruptionsranking von Transparency International liegt Griechenland im europäischen Vergleich abgeschlagen auf Platz 78 – gemeinsam mit Ländern wie Kolumbien, China und Thailand. Geschwächt ist das Land auch durch ständige Unruhen und landesweiten Streiks – Reaktionen auf die von Europa verordneten rigiden Sparmaßnahmen. In Hellas vegetiert eine marode Staatswirtschaft, auf deren Umbau aber sich das wiedervereinigte Deutschland und andere der Zentralplanwirtschaft entronnene Länder Osteuropas verstehen müssten.
Veraltete Strukturen in der Landwirtschaft
Trotz jahrzehntelanger Brüsseler Milliarden-Hilfen finden sich im griechischen Agrarsektor noch Strukturen wie vor vierzig Jahren. Die EU-Subventionen wurden von den Landwirten häufig nicht für Modernisierung und den Ausbau der Produktionskette, sondern für Autos und Immobilien verwendet. Oliven und Orangen werden noch immer nach Deutschland, Großbritannien und China exportiert. Hier schlummert ungenutztes Potenzial: Durch eigene industrielle Verarbeitung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse könnten die Wertschöpfung erheblich gesteigert und neue Arbeitsplätze in der verarbeitenden Industrie geschaffen werden.
Poseidon ist und bleibt ein Grieche
Auf den Weltmeeren aber sind die Hellenen immer noch Spitze. Nach Nationalität der Eigner geordnet ist die griechische Flotte hinter Japan und vor Deutschland die zweit bedeutendste der Welt. Bei den Tankerflotten nimmt die alte Seefahrernation sogar den ersten Platz ein. Der Hafen von Piräus, den Griechenland seit zwei Jahren an einen „volkseigenen“ chinesischen Hafenbetreiber vermietet, könnte sich zu einem Handels-Knotenpunkt zwischen Fernost und Osteuropa sowie dem Balkanraum entwickeln. Von der strategischen Partnerschaft mit dem Reich der Mitte könnte Griechenland erheblich profitieren: Piräus wäre der Umschlagplatz für chinesische Importe in den gesamten Mittelmeerraum, die Region ein Industriestandort für die Weiterverarbeitung chinesischer Halbfertigwaren – das könnte Arbeitsplätze schaffen und als Motor für wirtschaftliches Wachstum im ganzen Land dienen.
Tourismus: Akropolis, Ägäis und Altersresidenz
Die einzigartige Mischung aus antiker Geschichte und Kultur, mediterranem Klima, südländischer Lebensfreude und erquickenden Landschaften bietet auch weiter beste Voraussetzungen für Tourismus als wichtigem Standbein der griechischen Wirtschaft. Attraktiv könnte ein ganzheitliches Konzept für Ruheständler aus den alternden nordeuropäischen Gesellschaften mit einer Seniorenrundumbetreuung sein.
Wind und Sonne – Griechenlands Zukunft
Die Küstenlänge Griechenlands beträgt stolze 13.676 Kilometer; das übertrifft in Europa nur Norwegen. Kein Ort in Griechenland liegt mehr als 90 Kilometer vom Meer entfernt. Dies bietet ein enormes Potenzial für regenerative Wind- und Solarenergie; die durchschnittlichen Sonnenscheinstunden pro Jahr liegen in Griechenland mit 3.000 etwa doppelt so hoch wie in Deutschland. Das Know-how könnten deutsche Unternehmen liefern.
Das beste Konjunkturprogramm aber heißt Bildung
Griechenland liegt in allen Bereichen der jüngsten PISA-Studie deutlich unter dem OECD-Durchschnitt. Besonders desolat schneiden Pythagoras’ Nachfahren in Mathematik und Naturwissenschaft ab und stehen deutlich schlechter da als alle anderen EU-Länder. Fördermittel müssten in Kindergärten, Schulen, Hochschulen, Weiterbildung und Qualifizierung investiert werden; auch hier sinnt die Bundesregierung bereits darüber, junge Griechen und andere südeuropäische Jugendliche in Deutschland aus- und weiterzubilden. Denn die alternden nordeuropäischen Länder haben ein erhebliches demografisches Problem – den Mangel an Nachwuchs.
Mit der Kraft und List des Odysseus
Griechenland steht nach 6000-jähriger Geschichte an der Schwelle zu einer neuen Epoche. Gefragt ist die Innovationskraft des Odysseus und seiner Getreuen bei der Konstruktion des trojanischen Pferdes zur Einnahme Trojas. Wenn ein EU-Masterplan den Südeuropäern genug Grund für Zuversicht gibt, dann ist auch Hellas nicht verloren – wie es die Griechenhymne in ihrer letzten Strophe besingt:
„Von den heiligen Gebeinen
der Hellenen auferweckt
und, wie einst, nun stark geworden
Freiheit, Freiheit, sei gegrüßt!“



















Ausgezeichnet, lieber Herr Schütze, vielen Dank für diesen Beitrag!! Schon lange wünsche ich mir, dass die nebulösen Formulierungen wie “Marode griechische Wirtschaft” oder “Die griechische Wirtschaft hat Potential und könnte sich berappeln” mit konkreten Fakten, seriös und fundiert mit Inhalt gefüllt werden. Sehr erhellend, wie Sie Hellas’ Zustand in den Bereichen Landwirtschaft, Tourismus, Bildung, Handel usw. analysieren. Bravo und weiter so!!
Xaver Bergmann (Potsdam)
Zugegeben, Herr Schütze denkt zumindest über die Zukunft nach, das ändert aber am tatsächlichen Staatsbankrott Griechenlands gar nichts – und das Dumme ist, die griechische Korruptionselite reitet uns mit in die Pleite.
Fakt ist und das gilt für alle Zukunft: Der Euro wäre ohne die Griechen stabiler (ebenso ohne Portugal, Spanien etc.)
Deshalb wäre ein Schnitt der einzig richtige Weg!
schliesse mich Herrn Bergmann an. Wobei das “fundiert” angesichts der Kürze der Beiträge beim European wohl ein bisschen hochgegriffen ist. Trotzdem: Hört! Hört!
Zum ausgezeichneten Beitrag von Herrn Richard Schütze:
Griechischer Wein, schenk nochmal ein…thrakischer Wein…Odysseus bezwang mit diesem Wein den Zyklopen Polyphem. Vielleicht bezwingt das griechische Volk in diesem Sinne nach langem Kampf auch ihren gegenwärtigen Zyklopen “Akropolyphem”.
Denn die Beschlüsse des EU-Gipfels gehen grossenteils in die richtige Richtung, jedoch vermisse ich die konsequente Umsetzung der notwendigen Massnahmen. Wobei zu bemerken ist, daß es zu keiner Plazierung von Euroanleihen noch einer Bankenabgabe gekommen ist. Auch der EFSF wurde hier fiskalisch nicht strapaziert. Aber die Gefahr einer Infizierung der weiteren “Wackelkandidaten” dürfte sich aufgrund des zu niedrigen Schuldenschnitts erhöhen, einhergehend mit einem weiteren wohlmöglichen grossen Milliarden-Transfer durch die EU-Länder.
Denn wenn zwei weitere (kranke) Volkswirtschaften hinzukommen, würde dies den europäischen Rettungsfonds sprengen und ein Ende der Währungsunion bedeuten.
Aber die vinophile Hoffnung auf weitere gute Jahrgänge aus diesen mediterranen Ländern lässt hoffen.