Auch der Spekulant kann ohne fremdes Geld nicht leben. Jan Fleischhauer

Inseldenken

Island hat es in den vergangenen Jahren meisterlich verstanden, die Folgen der Bankenkrise zu bewältigen. Ein Erfolg, von dem wir alle lernen können.

Da kommen sie, stolz ihre Fahnen hoch im Wind, von der Siegessäule auf der Straße des 17. Juni auf das Tor zu, das in der Mitte Europas und im Zentrum Deutschlands wie kein anderes Bauwerk für Freiheit und Einheit und die Überwindung der Teilung der Welt steht. Der Hufschlag der Pferde übertönt die Fanfaren, die den stolz ihre Köpfe wiegenden und im einzigartigen Tölt trippelnden Tieren vom Tor her entgegenschallen.

Mehr als 300 Pferde und Reiter aus 18 Nationen nehmen in einem großen Kreis Aufstellung auf dem Platz des 18. März vor der Westseite des Brandenburger Tors. In 118 Etappen sind sie in einem Staffelritt 3.000 Kilometer weit aus drei Himmelsrichtungen nach Berlin geritten, um erstmals in einer Metropole eine Islandpferde-Weltmeisterschaft zu feiern. Ganz in die Farben ihres Landes gekleidet, hat sich auch die Gattin des isländischen Staatspräsidenten, Dorrit Moussaieff, in den Sattel eines der herrlichen Rösser geschwungen.

Olafur Ragnar Grimsson ist innerhalb von vier Wochen schon zum zweiten Mal in der Stadt. Schon seine erste Visite, ein Staatsbesuch, gilt als großer Erfolg. Der schlanke Mann mit akkurat gescheiteltem weißen Haupthaar, gerader Haltung und sonorer Stimme ist ein Präsident wie aus dem Lehrbuch geschnitzt. Grimsson verkörpert die Bewältigung der Finanz- und Staatskrise, die, von den Insulanern „Kreppa“ genannt, eine der größten europäischen Inseln im Oktober 2008 an den Rand des Staatsbankrotts gebracht hatte.

Auferstanden aus Ruinen

Innerhalb von nur einer Woche waren damals die zu Großbanken mutierten isländischen Finanzinstitute, deren Bilanzsummen durch die weltweit grassierenden Spekulationen innerhalb weniger Jahre auf das Zehnfache des BIPs aufgebläht waren, zusammengebrochen und drohten, die 320.000 Insulaner unrettbar in Chaos und Not versinken zu lassen. Als dann im März 2010 auch noch der Vulkan Eyafjallajökull ausbrach und den Himmel über Europa mit seiner Lavaasche so stark verdunkelte, dass in weiten Teilen des Kontinents wochenlang der Flugverkehr eingestellt werden musste, war die vom atlantischen Nordmeer umschlungene Insel aus Feuer und Eis endgültig zum Synonym für Katastrophenszenarien geworden. Die Isländer nahmen es seinerzeit auch mit Galgenhumor und formulierten mit Blick auf die vielen Geldanleger aus aller Welt: „Erst haben wir eure Kohle verbrannt und jetzt schicken wir euch auch noch die Asche.“

Doch dann rafften sie sich auf und starteten zu einem Parforceritt, der als Wiederaufstieg aus dem Szenario des drohenden Untergangs gefeiert wird. Bei seiner Rede zur Eröffnung der Islandpferde-Weltmeisterschaft hätte Präsident Grimsson vor dem Brandenburger Tor wahrlich formulieren können: „Auferstanden aus Ruinen“. Denn 2009 waren im Gefolge der Finanzkrise das BIP um zehn Prozent eingebrochen, die Inflation um 20 Prozent in die Höhe geschnellt, die zuvor extrem niedrige Arbeitslosigkeit auf 14 Prozent angeschwollen, die öffentlichen Schulden von 30 auf 115 Prozent des BIPs angewachsen und die Zinsen explodiert.

Das Land, in dessen Thingvellir-Talebene schon im 10. Jahrhundert die älteste parlamentarische Versammlung Europas tagte, stand am Abgrund. Keine Familie blieb von den Folgen verschont; viele Isländer verloren Arbeit und Einkommen und hatten sich, im Vertrauen auf ein stetig weiter explodierendes Wachstum, für den Erwerb von Wohneigentum oder die Anschaffung einer ausländischen Luxuskarosse auf Gedeih und Verderb ver- und überschuldet.

In seinem 2009 auch in Deutschland veröffentlichten Bestseller „Wir sind alle Isländer“ schreibt der ehemalige Verleger und Autor Halldor Gudmundsson „von Lust und Frust, in der Krise zu sein“. Der 1956 in Reykjavik geborene Literaturwissenschaftler gehört zu jenen, die mit neuen Visionen und realen Konzepten das Land aus der Krise holten. Das neue auf Bescheidenheit und Kompetenz gegründete Selbstbewusstsein der Insulaner weist auch für die in Not geratenen Inselstaaten Irland und Zypern, aber auch für Griechenland oder Portugal, gangbare Wege aus der europäischen Staatsschulden- und weltweiten Finanzkrise.

  1. Kultur und Werte bewahren, in Wissenschaft und Forschung investieren

Bereits kurz nach Ausbruch der Krise machte sich Gudmundsson mit einem mutigen und kreativen Team daran, den Gastauftritt isländischer Autoren und Verlage bei der weltweit größten Literaturschau vorzubereiten. Mit dem vom Team Gudmundssons entwickelten genialen Slogan „Sagenhaftes Island“ und einer kreativen Performance mit einem Fotowettbewerb und zahlreichen Inszenierungen präsentierte sich das „Ehrengastland“ der Frankfurter Buchmesse 2011 sogar weit erfolgreicher als das riesige China im Jahr zuvor. Mit einem vergleichsweise kleinen Gesamtbudget von nur drei Millionen Euro gelang es dem Kultur- und PR-Strategen, auch eine Neuübersetzung der mittelalterlichen Edda-Saga vorzulegen und mit zahlreichen Auftritten auch im Umfeld der Buchmesse deutschland- und weltweit für maximale Aufmerksamkeit zu sorgen.

Mit einer immensen Anstrengung führte das Land aber auch sein ambitioniertes Kulturprojekt, das zu den weltweit zehn besten Konzerthallen gehörende Harpa-Konferenzzentrum in Reykjavik, zum Erfolg. Dem Rohbau der Harpa drohte wegen der Finanzkrise das Aus. Doch die von dem gefeierten Künstler Olafur Eliasson gestaltete weltweit einmalige Glasfassade und die von dem Architekten Henning Larsen konstruierte Halle, die UN-Generalsekretär Ban Ki-moon vor wenigen Wochen besichtigte, könnte sogar für die noch immer ausstehende Fertigstellung der Hamburger Elbphilharmonie als Vorbild dienen.

Eliasson, der auch die weltberühmten „Brooklyn Bridge Waterfalls“ installiert hat, betreibt heute auch ein Atelier und Studio in Berlin und beschäftigt in der deutschen Hauptstadt mehr als 60 Mitarbeiter. Zum Chef der Harpa-Konzert- und Konferenzhalle aber wurde der erfolgreiche Kulturmanager Gudmundsson berufen. Doch nicht nur in Kunst und Kultur, auch in Bildung und Ausbildung, Wissenschaft und Forschung hat Island, gerade auch unter dem Eindruck der Krise, stets weiter investiert.

  1. Öffentliche Budgets und Löhne kürzen und die Steuern maßvoll erhöhen

In Absprache mit dem Internationalen Währungsfonds, der das Land mit Milliardenhilfen vor dem finanziellen und ökonomischen Ruin bewahrte, wurden der Staatshaushalt drastisch zusammengestrichen, die Löhne gesenkt und die Steuern mit Augenmaß erhöht. Zugleich ist es gelungen, den Sozial- und Wohlfahrtsstaat in seinem Kern zu erhalten.

  1. Banken in die Pleite entlassen und die Landeswährung abwerten

Die drei großen „systemrelevanten“ Geschäftsbanken, Landsbanki, Glitnir und Kaupthing, wurden verstaatlicht, umstrukturiert oder zerschlagen. Nur Spareinlagen bis 20.000 Euro wurden gesichert, ausländische Finanzinvestoren gingen weitgehend leer aus. Da Island nicht der Euro-Zone angehört und auch kein Mitglied der EU ist, konnte die isländische Krone drastisch abgewertet werden. Der Erfolg auch dieser Maßnahme sind ein neuer Tourismusboom, ein erneuertes Vertrauen ausländischer Investoren und ein Wachstum der Exportindustrie, die von der billigen isländischen Krone profitiert.

  1. Sich um neue Investoren bemühen

Island lebt nicht nur vom Fischfang oder der Landwirtschaft und seinen riesigen Schafherden. Auch die Zucht der weltberühmten Islandpferde und der Tourismus sind wesentliche Faktoren. Hinzu kommen Wasserkraft aus unzähligen Wasserfällen sowie geothermische Ressourcen wie Heißwasserquellen. Mit seiner günstigen „grünen Energie“ bietet das Land ideale Voraussetzungen für Aluminium- und Agrarindustrie, aber in Verbindung mit dem wissenschaftlichen Potenzial auch für die Pharmaindustrie.

Dank der ergriffenen Maßnahmen ist die Arbeitslosigkeit mittlerweile wieder auf circa sechs Prozent zurückgegangen, die Inflationsrate auf drei Prozent gefallen und die Wirtschaft wächst seit 2012 wieder um rund drei Prozent. Die Handelsbilanz ist positiv und der Staatshaushalt soll schon 2014 wieder ausgeglichen sein.

  1. Die Demokratie lebendig halten

Während Staatspräsident Grimsson die Kontinuität wahrt und im Ausland repräsentiert, leisten sich die Isländer daheim des Öfteren auch radikale Wechsel. Jagten sie nach dem Banken-Desaster 2008 ihre konservativ-liberale Regierung bei Neuwahlen vom Hof und betrauten mit den Aufräumarbeiten eine linksgeführte Regierungskonstellation, so gaben sie bei den Parlamentswahlen im April dieses Jahres zwei Mitterechtsparteien eine neue Chance, sich als kompetent zu erweisen. Machtverschiebungen und Parteienfusionen oder Neugründungen sind häufiger und halten die isländische Demokratie lebendig. Derzeit erlebt das isländische Begehren, der EU beizutreten, eine Eiszeit. Mit ihren verkrusteten Strukturen und allen auch daraus resultierenden Problemen scheint die EU auf die Nachfahren der Wikinger nicht mehr sehr attraktiv zu wirken. Denn das „sagenhafte Island“ ist nicht nur bei der Zucht seiner in aller Welt begehrten Rösser derzeit einfach weltmeisterlich.

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