Wer Sehnsucht nach Harmonie hat, muss in einen Gesangsverein gehen. Aber nicht in die Politik. Norbert Blüm

Und führt uns in Versuchung

Bundestagsdebatten sind zumeist sterbenslangweilig und wenn man sich die junge Garde der Parteien anguckt, dann scheint es auch nicht viel Hoffnung auf Besserung zu geben. Was aber macht die politische Rede zu einer mitreißenden Erfahrung? Wie gelingt es Visionären und Demagogen, die eigene Sache so geschickt wie verführerisch zu verkaufen?

Anruf des Redakteurs eines bekannten TV-Magazins: Ob „man“ ein Interview zur rhetorischen Qualität und dem Auftreten von Jungpolitikern machen könne. „Man“ könne. Es gehe darum, dass die nun zur Führung ihrer Partei berufenen FDP-Youngsters ebenso wie die Nachwuchsleute bei der Jungen Union und den Jusos sprachlich und habituell die Altvorderen beflissen nachahmten, Allparteiengesichter und bis zur Austauschbarkeit profillos seien und ohne eigenes Charisma. Sie formulierten mit Floskeln wie „alles auf den Prüfstand stellen“ und präsentierten sich altklug und angepasst, ganz den Gesetzen der political correctness gehorchend. Mein Einwand, Philipp Rösler zum Beispiel verfüge doch über hintergründigen Humor und eine gute Portion Selbstkritik, liebe auch die leisen Töne, gebe sich zurückhaltend, agiere fast jungenhaft verlegen und wenig besserwisserisch, verfing nicht so recht; „man“ hatte ein Drehbuch im Kopf und wollte dazu passende Statements.

Gequältes Lächeln, sanfter Augenaufschlag

Ich erinnerte einen Lanz-Talk im ZDF vor wenigen Tagen. Die hübsche FDP-Lady und junge Vizepräsidentin des EU-Parlaments, Silvana Koch-Mehrin, sah sich unversehens bohrenden Fragen eines Rudels Comedians ausgesetzt; Jörg Knör und Kollegen wollten partout in Erfahrung bringen, welchen Auftrag sie persönlich verspüre und für welche Mission, welche Botschaft und welche Inhalte die neue FDP nach Westerwelle stehe. Wofür sie, Koch-Mehrin, buchstäblich brenne. Gequältes Lächeln, sanfter Augenaufschlag. Dann ein paar uninspirierte Sätze über „mitfühlenden Liberalismus“, Soziales und Freiheit. Wie bitte? Weiter Fragezeichen in den Gesichtern der Comedians.

Was aber macht in der „Fernsehdemokratie“ eines Helmut Schmidt dessen bezwingende Dominanz, was die machtversessene Schnodderigkeit von Gerhard Schröder („Bild, BamS und die Glotze“), was die vulkanös-unberechenbare Explosivität von Franz-Josef Strauß, was die angelsächsische Seniorität eines Richard von Weizsäcker, was die ruppig-freche Scharfzüngigkeit von Joschka Fischer („Herr Präsident, mit Verlaub, Sie sind ein Arschloch!“) anziehend? Welches Charisma strahlten die tyrannischen Despoten Fidel Castro (in dessen weniger senilen Zeiten) und Mao Tse Tung, der verführerische Charme John F. Kennedys, das Heldentum Martin Luther Kings und Nelson Mandelas aus? Welche Faszination ging von Papst Johannes Paul II. auch auf Nichtchristen aus und wie verzauberte Baron zu Guttenberg die Menschen über Parteigrenzen hinweg? Mit welcher Demagogie konnten blutrünstige Mordgesellen wie Hitler und Goebbels die Massen aufhetzen und dämonisieren? Und warum sind Bundestagsdebatten heutzutage zumeist sterbenslangweilig?

Von der Idee beseelt

So unterschiedlich die Persönlichkeiten, so unterschiedlich ihre Viten und die Ergebnisse ihres Tuns; all diese Menschen waren beseelt von einer Idee. Sie waren, wovon die „Geheime Offenbarung“ spricht, heiß oder kalt, aber niemals lau (vgl. Offb 3,15 f.). Furchtlos und ganz bei sich, authentisch. Sie spielten nicht nur eine Rolle, sondern traten entschieden für ihre Anliegen ein; diese innere Einstellung brachte charakterliche Haltungen hervor, im Guten wie im Schlechten.

Politische Führung bedeutet Herrschaft im und Gestaltung des Gemeinwesens; ihre edelste Form ist der Dienst am bonum commune. Politik ist kein Beruf, sie bedarf der Berufung. Politikern wächst in Anlehnung an Aristoteles dann ein eigenes Charisma zu, wenn sie ihre Absichten und Ziele (Ethos) sowie eine Marschroute mit eigenen Worten und in Übereinstimmung mit ihrem sichtbaren Verhalten darstellen, wenn sie als Zeugen in eigener Sache überzeugen. Wenn aber die Wahrhaftigkeit (veritas) und die Wertschätzung (caritas) verloren gehen, nimmt die bloße Leidenschaft (Pathos) Überhand und bis zu schäumendem Geifern verhetzt und verhext ein Redner sein Publikum; in dem Poem „Wien: Heldenplatz“ (1952) porträtiert Ernst Jandl den brodelnden Fanatismus, den Hitler erzeugen konnte.

Das Ringen um Wahrheit (logos) sei die Voraussetzung für den „dia-logos“, sagt Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika aus dem Jahr 2009 „Caritas in Veritate“ (CV Nr. 4). Kommunikationskultur gründet auf Vertrauen als Vorschuss auf künftiges Handeln und gemeinsame Werte: „Wenn der Einsatz für das Gemeinwohl von der Liebe beseelt ist, hat er eine höhere Wertigkeit als der nur weltliche, politische“ (CV, Nr. 7). Emotional aus sich selbst herauszugehen und andere für die Mission einer Vision zu begeistern, gelingt dann nachhaltig, wenn der Respekt vor dem Bürger als Souverän und die Demut vor der Sache als kontinuierliche Aufgabe verstanden werden. „Mandatum novum do vobis“, sagt Christus, „wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben“ (Joh 13,34 f.). Auch STASI-Chef Erich Mielke suchte, als die Bürger zu sich selbst („Wir sind das Volk!“) und ihm auf die Schliche kamen, vor der DDR-Volkskammer sein Heil in der mit totalitaristischem Vorzeichen allerdings dreisten Rechtfertigung: „Aber ich liebe doch die Menschen!“ Nur nicht um ihrer selbst willen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Richard Schütze: Welt ohne Religion?

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