Es ist nicht einmal klar, dass wir überhaupt einen freien Willen haben. David Eagleman

Die Leisesprecher

Die Lautsprecher in der Politik sind selten geworden. Man bleibt heute lieber vage, um sich alle Optionen offenzuhalten. Leider.

Sie lavieren und taktieren. Anscheinend müssen sie es auch. Denn mit verquaster Sprache und wolkigen Formulierungen lassen sich Kontexte zutexten, kann viel ge- und zugleich wenig ausgesagt, können Solidarität bekundet und in einem Atemzug Skepsis kundgetan und Vorbehalte angemeldet werden. Alles eine Frage der Interpretation. Die Aussagen von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem französischen Präsidenten François Hollande, man wolle, dass Griechenland Teil des Euro-Raums bleiben möge, werden als die Vermeidung eines klaren Bekenntnisses zum Verbleib des Krisenlandes in der Euro-Zone gedeutet. So hält man sich Türen und Hintertüren offen.

Sehnsucht der Völker nach vorbildhaften politischen Führern

Selten kann ein Politiker wie Helmut Schmidt mit Recht über sich sagen: „Ich rede immer Klartext“ („Hörzu“, 10.8.2012). Den rauchenden Hanseaten mit dem „Kampfnamen“ „Schmidt Schnauze“ aber hat seine unnachgiebige und wenig diplomatisch verpackte Haltung zur NATO-Nachrüstung mit Pershing-II-Mittelstreckenraketen als Antwort auf die auf Mitteleuropa gerichteten sowjetischen SS-20-Atomraketen im Jahr 1982 ebenso wie 2005 auch den Kanzler der „Agenda 2010“, Gerhard Schröder, mit den daraus erwachsenen Hartz-Reformen die Kanzlerschaft gekostet. Die eigene Partei schätzt so viel Realismus wenig; auch die SPD von heute hätte mit der unverblümten Aussage „der Pragmatismus ist allen anderen Ideologien vorzuziehen – von Mao Tse-Tung bis Adolf Nazi“ von Schmidt ihre Schwierigkeiten. Denn zwischen den extremen Weltanschauungen der Massenmörder Adolf Nazi und Mao Tse-Tung wuchert ein breites ideologisches Spektrum. Ins gleiche Horn wie Schmidt stößt auch der in seiner Partei ebenfalls teils ge-, aber auch verachtete und zuweilen gefürchtete, aber keinesfalls heiß geliebte Altkanzler Schröder, der fast sturköpfig immer noch eine „richtige und moderne“ von einer „falschen“ Wirtschaftspolitik unterscheidet und mit den Begriffen „linke und fortschrittliche“ oder „konservative und rechte“ Ökonomie nichts anzufangen weiß.

Helmut Schmidt sieht eine „weiße“ Kopfbehaarung von Elder Statesman wie bei dem ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker oder auch dem amtierenden Joachim Gauck und natürlich bei sich selbst als ein Zeichen von Alter und Reife, das der Sehnsucht der Völker nach vorbildhaften politischen Führern mit einer natürlichen Autorität auf der Grundlage von Erfahrung, Klugheit und Weisheit entspricht. Wenn aber ein „Political Animal“ aus der Deckung heraus und aus dem Unterholz aufs freie Feld hinaus tritt, dann wird ein stolzer Auftritt vielleicht als sogar majestätisch und würdevoll wahrgenommen; zugleich aber eröffnet sich Jägern und auch Heckenschützen ein Schussfeld auf ein weitgehend schutzloses Wild. In seinem gewaltigen Epos „Doktor Schiwago“ über die Russische Oktoberrevolution und das Sowjetzeitalter der totalitären Diktatoren Lenin und Stalin porträtiert Nobelpreisträger Boris Pasternak verschlagene Mitläufer und opportunistische Winkeladvokaten wie den Anwalt und Minister Victor Ippolitowitsch Komarovskij als rattenhafte Nager und Männer mit einer auch sich selbst gegenüber rücksichtslos geraden Haltung wie den unbelehrbaren Bolschewiki und gnadenlosen Revolutionär General Strelnikow alias Pawel Pawlowitsch Antipov, genannt „Pascha“, als Wölfe. Während Wölfe und größere Raubtiere auf ihren Beutezügen erbarmungslos mörderisch vorgehen, so sind sie dem Menschen doch ehrbare Gegner und berechenbare Konkurrenten; doch auf Dauer haben sie gegen die Ausbreitung einer menschengerechten Zivilisation oder auch einer ideologischen Massenbewegung keine Chance und werden allein schon der unaufhaltsam vordringenden Menge ihrer Verfolger zum Opfer fallen. Anders agieren die Nager im Untergrund; sie wühlen sich in und durch jedes System, sind Meister der unauffälligen Anpassung und werden als in ihren Grenzen gehorsame und funktionstüchtige Kleintiere an den Scharnieren einer jeden gesellschaftlichen Maschinerie gebraucht. In der literarischen Porträtierung ist charakterlich kein Verlass auf sie; doch suchen sie Schutz in der Gruppe und deren Fortbestand ist neben dem eigenen Überleben ihre oberste Maxime.

In Deutschland gibt es nach dem Missbrauch symbolischer Parallelen von Mensch und Tier durch die volksverhetzende rassistische und mörderische Propaganda der Nazis und deren dämonischem Meister Joseph Goebbels zu Recht wenig Raum und eine hohe Sensibilität für Vergleiche des „Zoon Politikon“ mit „Political Animals“. Doch gibt es auch hierzulande erhabene und große Löwen wie den Bajuwaren Franz Josef Strauß oder Polit-Elefanten wie Hans-Dietrich Genscher („Genschman’s Ohren“), die nicht nur in „Elefantenrunden“ oder als „König der Tiere“ gewaltig auftreten, laut brüllen und trompeten oder auch nur weise das greise Haupt schütteln wie Richard von Weizsäcker oder sein Kollege Roman Herzog oder schneidende Worte und Rauchzeichen ausstoßen wie Altkanzler Schmidt.

Mit der Fundamentalkritik am „System M.“ in ihrem neuen Buch „Die Patin“ hat sich auch die Politikberaterin Gertrud Höhler als Löwin im Politbetrieb geoutet und weit aus dem Fenster gelehnt. Mit der zugespitzten und sicher auch übertriebenen Polemik zur Personal- und Realpolitik von Angela Merkel ist sie dabei ins Fadenkreuz geraten. Erst langsam aber kommt eine Diskussion darüber, ob die Parteivorsitzende die CDU inhaltlich entleert, ihr Profil abschleift und fundamentale Werte relativiert, in Gang; zunächst haben sich die Kritiker lieber an der Persönlichkeit der Kanzlerkritikerin als angeblicher Möchtegern-Kanzlerberaterin und Literaturprofessorin abgearbeitet. Auch dem unbeugsamen und scharfsinnigen Verfassungs- und Steuerrechtler Paul Kirchhof steht neuer Ärger bevor. Abermals hat er den Finger in die Wunden des Staatsschuldenalkoholismus gelegt und erneut eine Vereinfachung des Steuersystems mit mehr Gerechtigkeit angemahnt. Noch dazu will er, dass zum Wohle künftiger Generationen endlich auch Staatsschulden getilgt, statt pausenlos weiter aufgehäuft werden und der Staat notfalls auch seine Staats- und Sozialleistungen im gleichen prozentualen Maß reduzieren müsse, in dem er sich neu verschulde. Kirchhof, der den über alle Maßen hoch belasteten Steuerzahler wieder als „Bürger, nicht Bürgen“ restituieren will, war als designierter Finanzminister der Union von dem Alphatier Schröder bei dessen Kampagne gegen die damalige Kanzlerkandidatin Merkel im Bundestagswahlkampf 2005 als „Professor aus Heidelberg“ diffamiert, zum politischen Abschuss freigegeben und von der Union dann als Ballast flugs fallen gelassen worden. Um mit Blick auf die Sache, aber auch die eigene Reputation einem da capo zuvorzukommen, lässt der ehemalige Bundesverfassungsrichter nun seine Analyse „Deutschland im Schuldensog“ gleich an 5.000 Meinungsbildner und Entscheidungsträger, sprich politische Repräsentanten und einflussreiche Journalisten, versenden, damit diese sich ein eigenes Bild machen können. Sind aber Publizisten und Wissenschaftler wie auch Journalisten nur – wie dies eine Äußerung besagt, die wechselweise Altkanzler Helmut Kohl und dem ehemaligen SPD-Fraktionschef Herbert Wehner zugeordnet wird – Hunde, die am Wegesrand bellen, während die Karawane der Mächtigen unbeeindruckt weiter ihres Weges zieht? Zuweilen aber kommt es zu Ausbrüchen und heftigen Reaktionen.

Horst Seehofer hat keine Schule gemacht

Die vulkanöse und offenherzige Verbaleruption des aktuellen bayerischen Löwen und Ministerpräsidenten Horst Seehofer im ZDF-Interview mit Claus Kleber am 12. Mai 2012 zum desaströsen Wahlkampf des damaligen Bundesumweltministers Norbert Röttgen in Nordrhein-Westfalen aber wird wohl leider eine Ausnahme bleiben; dieser Stil hat wider alle journalistische Hoffnung nicht Schule gemacht und solcher Klartext wird nur noch von dem bayerischen Finanzminister Markus Söder imitiert und zugleich getoppt, der sich aber mit seinem Wunsch, an Griechenland ein Exempel zu statuieren, nicht nur im Ton vergreift. So bleibt die politische Rhetorik flächendeckend weiter doppeldeutig und begrifflich äquivok. Denn es gehe, so wird beflissen argumentiert, nicht um Wahrheit, Richtigkeit und Wissenschaftlichkeit, sondern „eben“ um Politik, sprich: auch um den Kompromiss um des berühmten lieben Friedens willen. Zuweilen ist das sehr bedauerlich, zuweilen aber wohl auch notwendig. Leider.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Richard Schütze: Welt ohne Religion?

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