Das System ist kaputt. Kumi Naidoo

Deutschland sucht den Super-Wulff

Auf Schloss Bellevue ist eine Stelle vakant. Christian Wulff musste sich am Ende geschlagen geben, er war dem Amt nicht gewachsen. Jetzt gilt es, einen würdigen Nachfolger zu suchen.

Nun ist das langsame Sterben des Christian Wulff zu einem Ende gekommen; wie ein sterbender Schwan sank und wurde er niedergerungen. Sichtlich mitgenommen, angespannt und mit brüchiger Stimme, doch innerlich gefasst und trotzig die Medien anklagend, erklärte der Bundespräsident am Freitag den Rücktritt von seinem Amt. Aus der Traum von einem präsidialen Leben im Spannungsfeld zwischen kluger Wegweisung und gewichtiger Repräsentation, parkettsicherer Eleganz und bürgernaher Jovialität. „Doch mit den Clowns kamen die Tränen“ könnte in Abwandlung eines Romantitels von Johannes Mario Simmel das traurige Resümee des Wulff’schen Wegs ins Verderben überschrieben sein.

Denn schon lange vor seinem Einzug ins Bellevue war der Präsident offenbar einem Hang zu einer zunächst für das Publikum und schlussendlich auch für ihn „unerträglichen Leichtigkeit des Seins“ (so ein Romantitel von Milan Kundera) erlegen. Wo Altpräsident Köhler noch als „Bundes-Horst“ eher dröge und fast spießig daherkam, versuchte Wulff beschwingt wie in Roman Polanskis „Tanz der Vampire“ voll luftigem Leichtsinn und zu einem verdammt hohen Preis in der Welt der Reichen und Schönen dabei zu sein.

Das Kandidaten-Casting läuft an

Auch zu Karnevalszeiten muss ein Kandidaten-Casting für das Schloss Bellevue aber von hinreichendem Ernst geprägt sein. Bundeskanzlerin Angela Merkel und SPD-Chef Sigmar Gabriel wollen sich zusammenraufen. Denn keines der politischen Lager verfügt über eine sichere Mehrheit in der Bundesversammlung; die Regierungskoalition bringt allenfalls noch eine wackelige Mehrheit von vier Stimmen zustande. Alles hängt nun davon ab, dass ein Kandidat gefunden wird, der dem Amt wieder seine Würde, Seriosität und Gravität verleiht – und obendrein auf breite Akzeptanz im Volk stößt.

Joachim Gauck, der Aufrechte

Bei der Kandidatenkür ragt der ehemalige Bürgerrechtler wie eine deutsche Eiche heraus. Der aufrechte, zuweilen aber auch unduldsame Joachim Gauck hätte es sich nach Volkes Willen redlich verdient, Präsident zu werden. Auch verkörpert er ein für Angela Merkel bedeutsames Ideal, das sie hin und wieder und für ihre Verhältnisse euphorisch besingt: die Freiheit. Wenn Gauck mit sonor-emotionalem Timbre das Wort „Freiheit“ ausspricht, dann provoziert dies eine Gänsehaut wie der Klang des legendären Lieds von Marius Müller-Westernhagen. Gauck ist die Inkorporation der „Einheit in Freiheit“, er ist auch ein wenig ein pastoral gebildeter Richard von Weizsäcker, ein gerissener Genschman und ein prinzipientreuer Helmut Kohl in einer Person. Zu seiner profunden Bildung kommt eine wohltuend unaufgeregte, aber zuweilen auch eitel ehrgeizige Seniorität hinzu. Dabei verströmt Gauck das Charisma eines glaubhaft wirkenden Humanisten. Allerdings war er als Gegenkandidat zu Wulff der Mann von SPD und Bündnisgrünen, der Kanzlerin Merkel mit ihrer Entscheidung für Wulff als blanke Machtpolitikerin erscheinen ließ. Merkel müsste bei der Nominierung von Gauck über einen recht großen Schatten springen. Andererseits würde sie damit die Linkspartei als unverbesserlichen Altkaderverein vorführen und den gewieften Gregor Gysi ärgern können. Zugleich wäre eine Wahl von Gauck aber für die FDP das Signal, dass die schwarz-gelbe Koalition spätestens nach den Bundestagswahlen 2013 zu Ende geht. Die Chancen für Gauck sind daher abermals eher gering; er ist der Außenseiter im Rennen um die Präsidentschaft.

Wolfgang Schäuble, der unnachgiebige Preuße

Für den schwäbischen Preußen wäre es die Krönung seiner politischen Laufbahn, die mit immensen Schmerzen verbunden ist. Das Attentat im Oktober 1990 fesselte den sportlichen Unterhändler der deutschen Einheit an den Rollstuhl. Altkanzler Kohl verhinderte dann eigenwillig den Einzug seines vermeintlichen Kronprinzen vor der verlorenen Bundestagswahl 1998 ins Kanzleramt. Die damalige Generalsekretärin Merkel schob im Jahr 2000 ihren Partei- und Fraktionschef Schäuble mit Hilfe des noch immer einflussreichen Kohl dann wegen einer bis heute nicht aufgeklärten Spendenaffäre ins Abseits. Doch Schäuble rackerte unverdrossen weiter und diente ihr anschließend, unnachgiebig gegen sich und andere, von 2005 bis zum heutigen Tag als Innen- und Finanzminister. Neben Ursula von der Leyen ist er eine tragende Säule im Kabinett. Zweimal schon war das Präsidialamt für ihn zum Greifen nah; einmal verweigerte sich die FDP und Köhler wurde installiert, dann kam ihm Wulff zuvor. Sein Ansehen ist weit über die Parteigrenzen hinweg immens; dass der griechische Präsident ihn in diesen Tagen unqualifiziert attackierte, diskreditiert den Angreifer und verschafft Schäuble zusätzlichen Respekt. Ob SPD und Bündnisgrüne ihn auch wegen seines rüden Umgangs mit Untergebenen wie seinem ehemaligen Sprecher Michael Offer akzeptieren mögen, steht dahin. Manche mögen auch zweifeln, ob der bald Siebzigjährige eine fünfjährige Amtszeit noch gesundheitlich durchstehen kann. So stehen Schäubles Chancen bei 50 : 50.

Ursula von der Leyen, die disziplinierte Politmanagerin

Bei der letzten Wahl vorzeitig zur Favoritin ausgerufen, stand die smarte und blitzgescheite Mutter von sieben Kindern dann am Ende des Castings düpiert da. Sollte Schäuble Präsident werden, wäre die stets diszipliniert und sortiert auftretende Ministerin neben Thomas de Maizière eine erste Wahl für das in Zeiten der Staatsschulden- und Eurokrise gewichtige Finanzministerium. Der mehrsprachigen Dressurreiterin wird zugetraut, bei den anstehenden Verhandlungen zur Bildung der europäischen Fiskalunion über die nötige Gewandtheit und Härte zu verfügen. Am Ende des Tages könnte sie sogar für die Nachfolge von Kanzlerin Merkel selbst in Betracht kommen. Ihre Chancen als Nachfolgerin von Christian Wulff sind daher eher gering.

Klaus Töpfer, der Elder Statesman

Bundesumweltminister a.D. Klaus Töpfer hätte die Karos fürs Präsidentenamt. In der Städtebaupolitik, als Beauftragter der Regierung Kohl für den Bonn-Berlin-Umzug, aber auch als Direktor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, als Bundesumweltminister und als Leiter der Ethikkommission bei der Atomwende im vergangenen Jahr verfügt der katholische Volkswirt auch international über ein großes Prestige. Seine Chancen, ins Bellevue einzuziehen, sind recht gut.

Glaubwürdigkeit besitzen und Vertrauen ausstrahlen

Weitere Persönlichkeiten wie Verteidigungsminister Thomas de Maizière, die Vizepräsidentin des Bundestages Katrin Göring-Eckardt oder der Präsident des Bundesverfassungsgerichts Andreas Voßkuhle stehen in Reserve und kommen als weniger prominente, aber akzeptable Kompromisskandidaten in Frage. Auf jeden Fall soll nun eine unabhängig erscheinende und skandalfreie Persönlichkeit, die Glaubwürdigkeit besitzt, Vertrauen ausstrahlt und die entstandenen Wunden heilen und die Würde des Amtes wieder herstellen kann, ins Bellevue einziehen. Das wünschen sich alle.

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