Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen und Gott und dem Evangelium mehr als dem Papst. Hans Küng

„Regieren ist einfach erschöpfend“

Der britische Politikkenner und Blair-Vertraute Richard Lord Wilson of Dinton hält die kommenden Unterhauswahlen für ein “faszinierendes Rätsel”. Im Gespräch mit The European spricht er außerdem über die Bürde einer langen Regierungszeit, den strahlenden Herausforderer David Cameron und den möglichen Wahlausgang. Die Fragen stellte Mark Fliegauf.

The European: Lord Wilson of Dinton, die kommende Unterhauswahl ist die spannendste und am härtesten umkämpfte Wahl der letzten 25 Jahre im Vereinigten Königreich. Trauen Sie sich zu, einen Gewinner zu prognostizieren?
Lord Wilson of Dinton: Das schon, nur öffentlich werde ich es nicht machen. Aber ich stimme Ihnen zu. In erster Linie jedoch stellt die anstehende Wahl die Bevölkerung vor ein wahres und faszinierendes Rätsel.

The European: Das da wäre?
Lord Wilson of Dinton: Auf der einen Seite haben die Briten Alter und Erfahrung in Gordon Brown vereinigt. Wenn man die Probleme des Landes betrachtet, gerade die durch die Finanzkrise noch verschärften wirtschaftlichen, werden eben jene Eigenschaften wichtig sein, weil das Land das Vertrauen haben muss, dass die kommende Regierung – und ihr Regierungschef – fähig sind, die Probleme zu lösen.

“Regieren ist einfach erschöpfend”

The European: Je länger der Wahlkampf andauert, desto mehr bekommt man das Gefühl, dass sich aus diesen Gründen die Wähler wieder Brown zuwenden.
Lord Wilson of Dinton: Allerdings nur teilweise. Denn auf der anderen Seite ist Regieren einfach erschöpfend. Zwölf Jahre in den Spitzenämtern einer Regierung, wie sie Gordon Brown nachweisen kann, würden jeden von uns ziemlich ermüden. Doch gerade Energie und Frische brauchen wir in den nächsten Jahren dringend.

The European: Somit betritt David Cameron die Bühne …
Lord Wilson of Dinton: Kein Zweifel. Er ist frisch, energiegeladen und bringt sicherlich eine neue Denkweise mit, um die anstehenden Herausforderungen anzugehen.

The European: Dennoch hegen zahlreiche Briten Skepsis.
Lord Wilson of Dinton: Ja, weil jeder, der zum ersten Mal an die Macht kommt, notwendigerweise unerfahren ist. Es bedarf einfach einiger Jahre, um zu lernen, wie man regiert und vor allem wie man effektiv regiert. Somit haben wir unser Rätsel: Welcher der beiden Eigenschaften gibt der Wähler letztlich den Vorzug …

“Es wird faszinierend sein zu sehen, wie sich die Wähler letztlich entscheiden”

The European: Oder es kommt zur ungeliebten dritten Möglichkeit.
Lord Wilson of Dinton: Das stimmt natürlich. Wenn es zu einem “hung parliament” kommt, fällt auf keinen der beiden Kandidaten die ganze Macht, sondern Labour und Tories müssen untereinander eine Regelung finden. Ich halte diese Option gar nicht für so unattraktiv, weil sie im Endeffekt die Möglichkeit liefert, die Energie des einen mit der Erfahrung des anderen zu kombinieren.

The European: Ein “hung parliament” gab es zuletzt 1974. Räumen Sie einem solchen Wahlausgang wirklich eine hohe Wahrscheinlichkeit ein?
Lord Wilson of Dinton: Ich denke, ein “hung parliament” ist durchaus möglich. Ich will nicht behaupten, dass es per se eine gute Sache ist, aber das Wahlvolk hat das Vorrecht, die gegenwärtige Situation selbst zu beurteilen und seine eigenen Schlüsse daraus zu ziehen. Es wird faszinierend sein zu sehen, wie sich die Wähler letztlich entscheiden werden.

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