Ich spare durch Wachstum. Norbert Röttgen

„Scheitern gibt es nicht!“

Was unterscheidet eine gute von einer revolutionären Idee, und wie hält man ein Weltunternehmen innovativ? Wenn das einer weiß, dann der Abenteurer und Virgin-Group-Gründer Richard Branson. Die Fragen stellten Alexander Görlach und Thore Barfuss.

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The European: Herr Branson, werden die Begriffe Innovation und innovativ heute inflationär benutzt?
Branson: Nein. Bei der gigantischen Jugendarbeitslosigkeit, die wir heute in vielen Ländern haben, müssen wir sogar dafür sorgen, dass diese Begriffe häufiger verwendet werden.

The European: Wie soll das gegen Arbeitslosigkeit helfen?
Branson: Unternehmertum – die Chance, etwas selbst in die Hand zu nehmen – kann jungen Menschen Hoffnung und Alternativen zu den traditionellen Karrieremöglichkeiten bieten. Die Natur des Unternehmertums hat sich komplett gewandelt. Und das ist nur der Status quo: Neue innovative Unternehmer werden auftauchen, und dann geht das ganze Spiel von vorne los. Hier muss man natürlich auch auf die Jugend setzen.

„Wichtig ist der Glaube an das Produkt”

The European: Sehen Sie gerade jemanden, bei dem das bereits der Fall ist?
Branson: Sehr inspirierend war für mich ein Treffen mit mehreren Jungunternehmern, die sich zu The B Team zusammengeschlossen haben. Sie bauen bislang sehr erfolgreich neue Unternehmen auf und setzen dabei drei gleichwertige Prioritäten: Personen, Planet und Profite. Und sie sind erst am Anfang: Sie werden nicht nur weitere Unternehmen aufbauen, sondern auch für bessere Geschäftspraktiken sorgen. Und klar: Wir bei Virgin wollen natürlich auch noch mitmischen.

The European: Was unterscheidet eine gute Idee von einer, die ihre Branche revolutionieren wird?
Branson: Eine Idee, die das Business auf den Kopf stellt, fällt sofort auf. Es ist alles andere als leicht, ein Unternehmen zu gründen. Noch schwieriger ist es aber, es am Leben zu halten und zum Laufen zu bringen. Um heute aufzufallen, muss man etwas radikal Anderes machen. Wenn Sie an die erfolgreichsten Unternehmen der letzten 20 Jahre denken – Microsoft, Google, Apple – haben alle drei ihren Markt gehörig umgekrempelt. Zum einen, indem sie etwas komplett Neues gemacht haben, zum anderen, indem sie es konsequent weiterentwickelten. Heute gehören sie zu den marktbeherrschenden Unternehmen.

The European: Wie aber merkt man selber, ob man an etwas ­Großem arbeitet?
Branson: Erschafft man etwas, auf das alle, die daran mitgearbeitet haben, stolz sind, dann ist man auf dem richtigen Weg. Die Menschen, die das Unternehmen formen, sind immer der wichtigste Faktor für den Erfolg.

The European: Was ist der richtige Weg zum Erfolg: das stetige Versuchen und Scheitern oder die Bündelung aller Kräfte auf ein Produkt?
Branson: Um eine Idee oder ein Produkt erfolgreich zu machen, sollte man sicherlich zu Beginn nach dem „Trial and error“-Prinzip verfahren, aber danach muss man sich darauf konzentrieren, das Konzept zu perfektionieren. Viel wichtiger als das ist aber der Glaube an das Produkt – davon braucht man sehr, sehr viel. Man muss sich selbst vertrauen und den Menschen um einen herum. Und vor allem: niemals die eigenen Träume aufgeben!

The European: Wie machen Sie das bei Virgin?
Branson: Ich denke, dass wir als innovativ angesehen werden, weil wir nie aufgehört haben, nach den Sternen zu greifen. Wir suchen stets nach neuen Herausforderungen. In vielen verschiedenen Industriezweigen ist Virgin ein Pionier, weil es eine Idee für eine Innovation hatte – nicht, weil wir inzwischen so groß geworden sind.

„Am Ende zählt immer der Kunde.”

The European: Wichtige Innovationen waren sehr oft von beeindruckenden Persönlichkeiten beeinflusst. Ihre Namen werden bis heute damit verbunden. Sei es James Watt, Henry Ford oder Steve Jobs. Ist das eine Voraussetzung für Innovation?
Branson: Nein. Innovation ist auch ohne diese großartigen Persönlichkeiten möglich. Aber natürlich hilft ein Vordenker dabei, das Gesicht des Unternehmens positiv zu beeinflussen.

The European: So wie bei Virgin.
Branson: Virgin spiegelt ganz klar meine Persönlichkeit wider. Das Unternehmen ist leidenschaftlich, entschlossen und konzentriert sich auf seine Mitarbeiter. Und vor allem ist es nach all den Jahren immer noch neugierig. Selbst heute ist das Unternehmen nicht einfach nur ein Produkt wie Coca Cola. Virgin ist noch immer eine Lebenseinstellung – nicht nur für mich, sondern für viele Menschen.

The European: Was macht diese Einstellung aus?
Branson: Die Kunden sollen eine gute Zeit haben. Es geht darum, ihnen etwas Nützliches zu bieten, das gleichzeitig auch Spaß macht. Und letzten Endes geht es natürlich auch darum, ihnen ein innovatives Produkt anzubieten.

The European: Brauchen Marken eine solche Einstellung, um ­erfolgreich zu sein?
Branson: Jede Marke hat eine Persönlichkeit, ob es einem gefällt oder nicht. Manche sind gut und beliebt, andere eher weniger. Marken gehören ihren Kunden, Unternehmen können das Bild nur beeinflussen. Am Ende zählt immer der Kunde.

The European: Was zeichnet einen innovativen Unternehmer aus? Besitzt er eine Gabe, die andere nicht haben, oder hat jeder das Potenzial, der nächste Richard Branson zu werden?
Branson: Muhammed Yunus hat mal gesagt: „Jeder Mensch wird als Unternehmer geboren. Nur leider nutzen viele niemals die Möglichkeit, die in ihnen schlummert“. Nach meiner Erfahrung haben sehr viele junge Menschen diesen unternehmerischen Geist in sich und können einen herausragenden Tatendrang entwickeln. Aber natürlich brauchen sie Hilfe dabei. Regierung wie Unternehmen müssen mehr tun, um junges Unternehmertum zu fördern.

The European: Das ist immer schnell gesagt. Wie stellen Sie sich das genau vor?
Branson: Die Politik muss praxisorientierter denken. Sie muss sicherstellen, dass es Möglichkeiten für jene gibt, die mutig genug sind, etwas zu wagen. Die Mächtigen in unserer Gesellschaft – nicht nur in der Politik – haben nach meiner Überzeugung drei Pflichten, um jungen Unternehmen zu helfen.

The European: Nämlich?
Branson: Das Fördern von Talent, die Weitergabe von Wissen und das Bereitstellen von Geld.

„Ein Rückschlag ist niemals eine schlechte Sache“

The European: Schöpferische Zerstörung ist nach Schumpeter der Schlüssel zu Innovation: Sind die meisten Menschen zu ängstlich, um zu zerstören?
Branson: Ja. Der Ipod mag zwar die CD-Branche zerstört haben, aber der Schaden der Musikindustrie war zu unserem Vorteil. Niemand kann diese Prozesse stoppen.

The European: Viele Menschen fürchten ebenso das Scheitern. Ist das eine Voraussetzung, keine Angst vor ­Niederlagen zu haben?
Branson: Als Unternehmer muss man sehr schnell lernen, dass es so etwas wie Scheitern nicht gibt. Wenn etwas nicht nach Plan läuft – das Geld wird knapp, das Geschäft läuft schlecht, muss man das als ­Herausforderung sehen, nicht als Scheitern.

The European: Wie genau sollte man damit umgehen?
Branson: Querdenken ist essenziell. Nur so findet man eine Lösung. Es tun sich viele Möglichkeiten auf, wenn man schlecht dasteht. Man muss nur offen für alles sein und keine Angst vor Risiken haben. Es fasziniert mich immer wieder, wie viele Menschen Energie verschwenden, indem sie sich über Verluste beklagen. Sie sollten sie in andere Projekte stecken. Ein Rückschlag ist niemals eine schlechte Sache. Er birgt immer die Chance, zu lernen und zu wachsen.

„Sie müssen sowieso kreativ und flexibel sein.”

The European: Sind Sie denn auch immer so weise mit ­Rückschlägen umgegangen?
Branson: Wenn ich auf meine Geschichte blicke, sehe ich nicht allzu viele Misserfolge. Das liegt daran, dass ich mit Veränderungen sehr gut umgehen kann und immer schnell reagiert habe. Es ist wichtig, die Bürokratie möglichst klein zu halten. Bei Virgin gibt es immer sehr wenig Papierkram. Wir treffen Entscheidungen schnell und setzen sie dann sofort um – zur selben Zeit halten unsere Konkurrenten gerade das fünfte Meeting zu dem Thema ab.

The European: China, Indien und andere Länder drohen auf Dauer, den Westen abzuhängen. Ist Innovation der Schlüssel, um im Wettbewerb zu bestehen?
Branson: Der beste Weg aus Krisen in wandelnden Märkten sind Experimente und Anpassung. Sich neu zu erfinden, ist immer der Schlüssel zum Erfolg. Ich kenne keinen einzigen Industriezweig, der sich nicht stets neu in Frage gestellt und verändert hat. Und die erfolgreichsten Unternehmen im Markt waren stets die, die sich am schnellsten und besten angepasst haben. Gerade bei kleineren Unternehmen ist der Unterschied zwischen Innovation und dem, was sie täglich machen, kaum zu erkennen. Sie müssen sowieso kreativ und flexibel sein.

The European: Zum Schluss: Gibt es eine Innovation in letzter Zeit, die Sie beeindruckt hat?
Branson: Es gibt da eine wunderbare neue Firma in Neuseeland, die Lanzatech heißt.

The European: Was produzieren die?
Branson: Lanzatech hat einen Weg gefunden, um aus den Abfallprodukten, die in den Schornsteinen von Stahl- und Alumniumwerken entstehen, Flugbenzin zu machen. Recycling in bester Manier. Eines Tages werden vielleicht alle Flugzeuge dieses Benzin verwenden.

Übersetzung aus dem Englischen

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Nick Bostrom: „Perfektion ist kein gutes Konzept“

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 2/2013 des The European enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Vollendung, warum uns der Kampf um das Menschenbild alle angeht. Lesen Sie, wie der Mensch von Morgen aussehen könnte und warum es Gründe gibt, sich vor ihm zu fürchten. Außerdem: Wie eine Welt ohne Fußball aussehen könnte, was die Welt über die deutsche Energiewende denkt und ob der Atheismus das Zeug hat, die neue Weltreligion zu werden.

Sie können es hier direkt bestellen.

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