Das ist keine Kampfkandidatur. Das ist Demokratie, wenn man Auswahl hat. Renate Künast

„Architekten glauben, dass ein Gebäude alle Probleme löst“

Reinier de Graaf ist Architekt – und möchte die Grenzen seiner Profession einreißen. Er erklärte Lars Mensel, warum unsere Welt mehr Generalisten braucht.

The European: Herr de Graaf, Sie haben einmal gesagt, dass Ihr Architekturbüro OMA an Dingen interessiert ist, „die auf den ersten Blick nicht ansprechend, intellektuell oder geschmackvoll erscheinen“. Erklären Sie das bitte.
de Graaf: Wir haben eine gewisse Tradition darin entwickelt, das Intellektuelle im scheinbar Banalen zu finden. Das ergibt eine Menge unternehmerischen Sinn: Wenige Leute reden über diese Subjekte und sie bekommen wenig Aufmerksamkeit. So können wir oft die Ersten zu sein, die bestimmte Themen ansprechen. Das ist die eine Seite der Geschichte.

The European: Welche ist die andere?
de Graaf: Architektur ist eine sehr hermetische Profession. Deswegen sind Themen, die in der Architektur nur marginal betrachtet werden, in Wirklichkeit Mainstream. Architektur ist sehr gut darin, wichtige Dinge zu ignorieren und sich stattdessen auf Fußnoten zu fokussieren. Wir versuchen, aggressiv das Gegenteil zu tun.

„Wir vermeiden es, Spezialisten zu sein“

The European: Zum Beispiel?
de Graaf: In den Siebzigern fokussierte sich mein Kollege Rem Koolhaas auf New York City. Zu jener Zeit war „Metropole“ ein Schimpfwort in der europäischen Architekturdebatte. Wir beobachteten auch die Entstehung von Städten in China – damals sehr unmodisch – oder den Siegeszug des Shoppings. Heute werden mehr Quadratmeter Shoppingfläche in unserer Welt gebaut als fast alles andere. Und sie werden zumeist ohne architektonische Aufmerksamkeit errichtet. Wenn sich Architektur nur auf Dinge beschränkt, die klein, schön und kulturell akzeptiert sind, trägt sie immer weniger zur gebauten Umwelt bei, marginalisiert sich stattdessen freiwillig selbst.

The European: Architekten müssen zum Mainstream zurückkehren?
de Graaf: Es geht nicht um den Mainstream, es geht um Subjekte des Mainstreams. So bringen Sie per Definition wieder Architektur zum Menschen – weil das die Gebäude sind, die ihnen am häufigsten begegnen.

The European: Shoppingzentren sieht man häufiger als Privatvillen.
de Graaf: … was nicht bedeutet, dass wir keine Villen bauen. Wir sind bewusste Allesfresser. In einer Welt, die zunehmend von Spezialisierung dominiert wird, fragen Leute uns oft nach unserem Fachgebiet. Aber wir vermeiden es, Spezialisten in irgendetwas zu sein.

The European: Wie machen Sie das?
de Graaf: Anders gesagt: Wir sind in allem Spezialisten – und damit keine.


Image courtesy of OMA; photography by Ossip van Duivenbode

The European: OMA hat gerade erst De Rotterdam fertiggestellt, ein Gebäude, das Sie als „vertikale Stadt“ bezeichnet haben. Braucht es für so etwas einen Spezialisten in allem?
de Graaf: Möglicherweise. Das Gebäude ist ein Produkt seiner Zeit – auch wenn diese schwer zu bestimmen ist. Wir haben es 1998 konzipiert und es wurde erst jetzt fertiggestellt. Die Pläne haben zwei aufeinanderfolgende Wirtschaftskrisen überstanden, sie lagen lange Zeit auf Eis. Es ist das Produkt des Optimismus der späten Neunziger und damit einer wagemutigen Einstellung von Planern und städtischen Behörden. Es ist ein ungewöhnlich großes, ungewöhnlich abwechslungsreiches Gebäude.

The European: Ein kühnes Vorhaben?
de Graaf: Wir wussten, dass es alles oder nichts werden wird – also entschieden wir uns für alles.

„Architekten sind ebenfalls Menschen“

The European: Solch ein Gebäude verändert das Stadtbild dramatisch. Müssen Architekten mutig sein?
de Graaf: Nun, die Frage stellt sich vermutlich in jeder anderen Stadt, aber nicht in Rotterdam. Die Stadt musste nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Nichts neu aufgebaut werden. Sie ist eine Stadt der Neuanfänge, eine Stadt des Ausprobierens. Eine Stadt, in der viele Wellen der Modernisierung und bestimmter Ideen in Bewegung gesetzt und wieder abgebrochen wurden. In Rotterdam geht alles irgendwie. Fehler wurden natürlich gemacht, aber deshalb besteht eine gewisse Toleranz, eine Akzeptanz des Modernen. Und ein Gefühl von Stolz. Dieses Gebäude spiegelt diese Mentalität wider.

The European: Wie schlägt sich dieser Enthusiasmus in Ihrer Arbeit nieder?
de Graaf: Wir hatten eine Menge Unterstützung durch die Behörden. Sie waren stolz, dass wir in Rotterdam arbeiteten. Seit 1992, seit dem Bau der Kunsthal (Kunstmuseum), haben wir hier nicht mehr gebaut. De Rotterdam ist eine Heimkehr für uns.

The European: Wie ist es mit Ländern, in denen Behörden weniger unterstützend sein könnten?
de Graaf: Wir hatten eine Menge Glück. Wir werden zumeist eingeladen, von Leuten, die unsere Arbeit realisiert sehen wollen. Es ist immer sehr wichtig, sich auf diese Plätze zu fokussieren und die positive Energie mitzunehmen.


Image courtesy of OMA; photography by Ossip van Duivenbode

The European: Die Arbeit von Architekten ist zwangsläufig sehr öffentlich – was den Beruf von vielen anderen unterscheidet. Berücksichtigen Sie die öffentliche Wahrnehmung während der Planungsphase?
de Graaf: Wir führen keine Umfragen oder Forschungen durch. Viele Dinge entstehen aus einem Bauchgefühl. Andererseits ist unser Büro groß genug und vielfältig genug, um unsere Entwürfe intern auszutesten. Letztlich sind Architekten ebenfalls Menschen – und wir besprechen die Dinge untereinander. Aber normalerweise wird die Öffentlichkeit nicht befragt.

„Alles, was größer als drei Meter war, galt als faschistisch!“

The European: In Deutschland stehen Großprojekte wie der Berliner Flughafen oder Stuttgart 21 im kritischen Blick der Öffentlichkeit. Interessieren sich Menschen wieder für Architektur, oder liegt es an den ganzen Problemen dieser Projekte?
de Graaf: Vermutlich beides. Die Tatsache, dass sie nicht fertig werden, kommt zu einer sehr schlechten Zeit, da ohnehin viel über die Verschwendung öffentlicher Mittel geredet wird. Der deutsche Protest richtet sich nicht zwangsläufig an Architektur sondern die Unzweckmäßigkeit des Arbeitsvorgangs im Ganzen. Diejenigen, die Sie erwähnt haben, stehen nicht ohne Grund in der Kritik. Aber als Architekt würde ich die öffentliche Meinung niemals fürchten.

The European: Glauben Sie, dass Architektur mehr Aufmerksamkeit erhält als zuvor?
de Graaf: Ich weiß nicht warum, aber sie ist zu einem beliebten Debattenthema geworden. Einer Debatte, die nicht kategorisch negativ ist. In meiner Jugend – in den Siebzigern – gab es einen riesigen Backlash gegen Nachkriegsmodernisierung. Die Leute wollten die Dinge zu jedem Preis bewahren, fanden den kleinen anstatt des großen Maßstabs reizvoll. Alles, was größer als drei Meter war, galt als faschistisch! In dem Sinn ist die gegenwärtige Debatte weitaus harmloser und unterstützender.

The European: Sie betreiben auch einen Thinktank namens AMO. Er befasst sich mit Dingen wie Markenidentität oder Energie. Wie kam es dazu?
de Graaf: AMO ist ein Versuch, aus der hermetischen Architekturbranche auszubrechen. Es ist eine Bemühung, den Kontext zu verstehen, in dem Architektur produziert wird. Eigenartigerweise haben diese Bemühungen zu viel neuer Arbeit geführt.

The European: Was ist daran eigenartig?
de Graaf: Ich hätte nicht erwartet, dass Neugier Arbeit erzeugen kann. AMO erlaubt es uns, sehr früh an einem Projekt mitzuwirken, lange bevor jemand einen Architekten anheuert. Wir sind an solch einem frühen Zeitpunkt beteiligt, dass wir sogar etwas anderes als ein Gebäude empfehlen können. Architekten denken zu oft, dass ein Gebäude die Lösung aller Probleme ist.

The European: Wenn man nur einen Hammer hat, sieht alles aus wie ein Nagel.
de Graaf: Nur ein Gebäude verschafft Ihnen Arbeit. Wir haben uns davon glücklicherweise befreien können.

„Architekten haben wenig Macht“

The European: Eines der Felder, auf das Sie Ihr Augenmerk gelegt haben, ist Energie. Wie sind Sie von Gebäuden zu Offshore-Windanlagen gekommen?
de Graaf: Wir wurden von einer NGO kontaktiert, die uns nach einem Masterplan für die Nordsee fragte. Das war interessant, weil unsere Pläne normalerweise an Land stattfinden. Zudem war der Plan nicht für Menschen, sondern für eine Energieversorgung: ein Masterplan, die Nordsee von einem Reservoir fossiler Energie in ein Reservoir erneuerbarer Energien zu verwandeln.


Image courtesy of OMA

The European: Die Energiewende, das Vorzeigeprojekt der deutschen Regierung, stellte sich als viel komplizierter heraus, als gedacht. Wieso schaffen es so wenige Projekte von der Blaupause in die echte Welt?
de Graaf: Je größer die Arbeit und je ferner der Horizont, desto härter ist es, sie umzusetzen. Architekten haben letztlich wenig Macht: Sie haben nur die Macht, Vorschläge zu machen. Sie sind auf andere angewiesen, um ihre Ideen umzusetzen.

The European: Warum ist das ein Problem?
de Graaf: Das Ausmaß eines Großprojektes kollidiert oftmals mit der Fragmentierung des Marktes und den divergierenden Interessen seiner Akteure. In der ehemaligen Sowjetunion waren solche Arten von Projekten noch möglich. Aber natürlich ohne jegliches Element der Korrektur.

„Generalisten haben erstaunliche Möglichkeiten“

The European: Der verstorbene Apple-Chef Steve Jobs argumentierte gern, dass Apples Erfolg aus der Tatsache resultiere, dass die Firma Hardware und Software unter einem Dach erschaffte. Ihr Ansatz ist ähnlich. Laufen Sie nicht Gefahr, sich dadurch zu isolieren?
de Graaf: Sie können unseren Ansatz, Dinge selber zu erledigen, als Form verschärfter Isolation interpretieren. Aber uns ist äußerst bewusst, dass wir nicht alle Dinge alleine machen können. Im Endeffekt wagen wir uns in Bereiche vor, die traditionell nicht unsere eigenen sind. Mit anderen Leuten zusammenzuarbeiten, führt zum Bruch der Isolation – das ist entscheidend.

The European: Ein ganzheitlicher Ansatz öffnet die Tür für neue Ideen?
de Graaf: Das ist es, was Architekten und Journalisten gemein haben. Im Kontext einer immensen Spezialisierung der Welt erhält ein Generalist erstaunliche Möglichkeiten. Nur noch wenige Menschen behalten den Überblick. Ein Laie mit viel Neugier zu sein – das ist zunehmend ein Vorteil.

Übersetzung aus dem Englischen.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Steve-jobs, Architektur, Rotterdam

meistgelesen / meistkommentiert