Weisheit ist begreifen, dass man nicht weiß, ob etwas schwarz oder weiß ist. Umberto Eco

Die Elektroniker sind nicht zu stoppen

Natürlich sieht man es auch an den Aktienkursen – gerade hat Apple wieder einmal Quartalszahlen vorgelegt, die jeden Skeptiker widerlegen. Die schöne neue Welt der Elektronik hat offenbar so viele Fans, dass es uns angst und bange sein darf – nicht um die Konzerne, sondern um unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Was wurde nicht schon alles über den Elektronik-Konzern aus Kalifornien gemutmaßt, in den letzten Jahren fast durchweg negativ, und immer so etwa zur Mitte eines Quartals oder direkt vor Einführung eines neuen Produkts. Das ja gar nichts Neues sei, und viel zu teuer, und überhaupt. Das jüngste iPhone mit der Typenbezeichnung X geriet vor seinem Erscheinen ganz besonders schlimm unter die Räder, denn der Preis von deutlich über 1.000 Dollar sickerte rechtzeitig durch, um die Kassandras zu wecken und ihre Expertise herauszukitzeln: Welcher Verrückte bezahlt so viel Geld für ein Mobiltelefon?

Das ewig junge Phänomen der Vanitas

Vergessen wird bei den Zahlenfetischisten das Allzumenschliche: Es gibt vielerlei irrationale Gründe, so ein Ding haben zu wollen, und solche Gründe kann man weder vorhersehen noch analysieren, legitim sind sie gleichwohl. Wer es gern rationaler hätte: Für viele ersetzt das iPhone, und noch mehr das iPad Pro, inzwischen jeden stationären oder tragbaren Computer, denn was die Geräte können – von der Filmbearbeitung bis zu mannigfaltiger Kommunikation – geht oft über die Leistung großer Computer hinaus, jedenfalls, sofern sie von 2014 oder der Zeit davor stammen. Dazu muss man sich aber in die Materie einarbeiten, auch sinnlich: Dann kommt man zu der Erkenntnis, dass ein simpler Leistungsvergleich mit Huawei und Samsung die Sache nicht hinreichend beleuchtet.

Der Apple-Kurs jedenfalls erklimmt Rekorde, und konsequenterweise müssten die Auguren die Apple-Aktionäre in die gleiche Verrückheitskategorie einsortieren wie die Apple-Kunden. Beide aber erwarten und erhalten bislang Mehrwert, und das wäre das. Ähnlich geht es mit Amazon oder auch mit Tesla. Letztere berichteten stolz über Megaverluste, was den Kurs nur vorübergehend eine Schrecksekunde kostete. Zu sehr spielt Hoffnung mit, zu sehr das von geradezu an Heilserwartungen grenzenden Hoffnungen gespeiste Image. Doch wenn man sich die (wenigen) aktuellen und (sehr wenigen) angekündigten Produkte ansieht, könnten hier auch leicht Zweifel aufkommen.

Die Euphorie trifft auf ein Auto

Elon Musk, das mobile Gegenstück zum legendären Steve Jobs von Apple, schiebt die Euphoriewelle im Alleingang. Das, was von Tesla bereits fährt, ist allen anderen E-Fahrzeugen überlegen und vom ganzen Konzept her mit eigenen Stromsäulen bis hin zu Netzanbindung eine neue Klasse für sich. Vom Design gar nicht zu reden – bei der deutschen Konkurrenz scheint man der Auffassung zu sein, dass E-Mobile durchaus so hässlich sein dürfen, dass man meint, sie hätten diverse Parkplatzrempler bei Auslieferung schon hinter sich. Nun gut, bis auf den BMW i8 vielleicht, aber der spielt auch in einer Staunensliga, ähnlich wie (vor allem bei der Preisgestaltung) das Model S von Tesla.

Amazon derweil war auch vor nicht allzulanger Zeit noch gut zufrieden mit Verlusten oder allenfalls moderaten Gewinnen, und der Verzicht auf Dividenden gehört zum guten Ton (auch Apple brach mit dieser Tradition erst vor ein paar Jahren). Und so kommt es, dass Amazon mit seinem manischen Boss Jeff Bezos mittlerweile Furcht verbreitet, weil es inzwischen nicht nur Konkurrenz im Netz ausschaltet wie auch kleine Buchhändler, sondern stationär Lebensmittel verkauft, mit dem Chef eine Zeitung wie die Washington Post besitzt und eigentlich nicht den Eindruck erweckt, eine Branche jemals verschonen zu wollen.

Man hat erlebt, dass mit herkömmlichem Kartellrecht alledem nicht zu begegnen ist, und da wird es nun langsam wirklich unheimlich. Eine Welt als reine Wohngegend und mit verlassenen Ladengeschäften, das ist die Schreckensvision. Im Falle Amazon, in Verbindung mit Alphabet (Google), könnte in der Tat eine durchgreifende Umwandlung der Gesellschaft im Gange sein, über welche die Gesellschaft insgesamt keine Entscheidung getroffen hat. Liberalerweise würde man die Entscheidung mit dem Portemonnaie als Abstimmung akzeptieren – dennoch wäre es wohl wünschenswert, wenn man dem Machtstreben mit noch besseren Ideen begegnen könnte statt mit dem Rechtsschwert und dem Steuerhammer. Letztere bremsen das Silicon Valley bestimmt nicht, und fördern auch keine Alternativen.

Diese Kolumne erschien zuerst in Ihrer BÖRSE am Sonntag.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Reinhard Schlieker: Die Hate-Hysteriker kommen uns teuer

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