2011 war ein schlechtes Jahr für böse Jungs. Srdja Popovic

Luftlinie durch den Wind

Kann es passieren, dass nicht einmal eine Insolvenz pannenfrei organisiert werden kann? In Berlin, vor allem in Sachen Flugverkehr, wird Unmögliches möglich und Undenkbares wahr. Und das alles kurz vor der Bundestagswahl – und auf dem Rücken der Anleger.

Unter Zuhilfenahme der Politik wollte Air Berlin offenbar Fakten schaffen und den Verkauf so vieler Unternehmensteile wie möglich an die Lufthansa durchziehen – es muss alles sehr schnell gehen, war der Tenor. Im alltäglichen Flugbetrieb war Air Berlin tatsächlich schon mehrfach dadurch aufgefallen, dass Schnelligkeit vor Gründlichkeit ging – dann aber kam manches doch sehr langsam, Koffer der Passagiere zum Beispiel, und gründlich war dann nur die Pleite. Der Wortbruch von Etihad aus Abu Dhabi, die noch versprochen hatte, Air Berlin mindestens bis Ende 2018 zu finanzieren, ist inzwischen schon kein Thema mehr – was hülfe es auch, zu jammern. Die Scheich-Airline ist ja mit ihrem Milliardenverlust gestraft genug, mag man sich denken.

Nun also werden die „Underdogs“, nämlich Ryanair und die Firma Intro des Nürnberger Unternehmers Hans Rudolf Wöhrl doch noch zu den Gesprächen geladen. Beide wollen Air Berlin als Ganzes übernehmen und möglichst fortführen, was natürlich für die rund 7.200 Beschäftigten in Deutschland netter klingt als das Angebot der Lufthansa, sich bei ihr für künftige Aufgaben bewerben zu dürfen – bei geringerem Lohn, versteht sich. Da liegt aber auch schon ein Knackpunkt: Air Berlin ist ja nicht aus heiterem Himmel zu Boden gegangen. Hohe Personalkosten spielen mit, ganz abgesehen von der Situation als eine Art Konglomerat aus Geschäftsreisekonzern, Urlauberfluglinie und Punkt-zu-Punkt-Airline. Wer dieses Unternehmen als Ganzes kaufen und fortführen will, hat natürlich nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn er diese Strukturen gründlich umkrempelt.Hans Rudolf Wöhrl hat einen Plan, sagt er – allerdings ist Air Berlin auch deshalb so ein Gemischtwarenladen geworden, weil man einst die LTU in Düsseldorf zukaufte und die Deutsche BA – und zwar von, richtig, Hans Rudolf Wöhrl.

Auf der anderen Seite lauert mit Michael O’Leary und seiner Ryanair ein Stratege, der die Leute transportiert wie Orangenkisten und dem diese das erlauben, weil Fliegen mit Ryanair kaum was kostet. Das Personal ist knapp kalkuliert und wir kurzgehalten wie nirgendwo sonst, was in Berlin eher Schrecken auslösen dürfte. Dass Ryanair die Firma sanieren könnte, darf man glauben – allerdings will sich O’Leary die tatsächlichen Ausmaße des Desaster noch in echten Zahlen ansehen, bevor er bietet. Wahrscheinlich wäre er sogar bereits, etwas Unvernunft walten zu lassen – schließlich ginge mit einem Kauf ein hübsches Ärgernis für die Lufthansa einher, was dem Iren schon allein ganz gut gefallen würde.

Nun also kommen viele Lösungen auf den Tisch. Der Wunsch der Berliner Politik, das ganze möglichst vor der Bundestagswahl über die Runden zu bringen, ist inzwischen sehr unrealistisch geworden. Und die Hoffnung der Anleger, mit einem blauen Auge davonzukommen, auch. Als Pennystock dümpelt die Airberlin-Aktie auf die 30-Cent-Marke zu. Es ist eine Frage der Zeit, bis der Totalverlust eintritt. So wie beim Bonusprogramm der Airline, das jetzt auch seine Bruchlandung hingelegt hat. Es ist eine Insolvenz auf der ganzen Linie.

Diese Kolumne erschien zuerst in Ihrer BÖRSE am Sonntag.

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