Begehren soll sich durch Konsum ausdrücken. Susie Orbach

Boom: Müssen wir uns fürchten?

Eine eigenartige Wirtschaftsmischung beherrscht die Nachrichten, Meldungen, und offenbar die Realität dahinter: Die Unzufriedenheit mit der abnormen Zinslage dringt allerorten zu Gehör. Gleichzeitig aber folgt eine Höhenflugsmeldung der anderen auf dem Fuße, an der Wall Street werden Rekorde gefeiert. Was blüht dem DAX?

Unlängst gab es aus Nürnberg die Arbeitslosenzahlen für Juli – so niedrig wie kaum je zuvor in einem solchen Monat. Dass der Arbeitsmarkt in gewissen Bereichen bereits leergefegt ist, hatte man kurz zuvor vernommen. Im Segment der Fach- und Führungskräfte, gar nicht mal nur auf den oberen Etagen, herrscht bereits Mangel. Die Arbeitsagentur berichtet von vielen Fällen, in denen Beschäftigte zu einem neuen Arbeitgeber wechseln, sei es wegen besserer Bezahlung, sei es wegen räumlicher Nähe, was zur Folge hat, dass die frei gewordene Stelle durch das Unternehmen gar nicht leicht wieder besetzt werden kann. Eine indirekte Aufforderung, gute Leute zu halten – notfalls mit mehr Geld. In diesem Bereich könnte die Arbeitsmarktentwicklung gar zu einem Produktionshemmnis werden. Das hätte man den Deutschen einmal 2008/2009 erzählen sollen. Jedenfalls liegt der Stellenindex der Bundesagentur für Arbeit bei 238, annähernd zehn Prozent höher als ein Jahr zuvor. Der Index beziffert die Nachfrage nach Arbeitskräften.

Auf der anderen Seite stehen die Geschäftserwartungen und das Konsumklima. Beides hervorragend – hier kommen natürlich auch wieder die Zinssituation und die Erwartung, dass diese sich so bald nicht ändern wird, ins Spiel. Der Einzelhandel meldete allein von Mai auf Juni eine Einnahmensteigerung von 1,1 Prozent – um die 0,2 war man gewöhnt. Umsatzsteigerungen ergaben sich natürlich in erster Linie beim Online-Handel (7,6 Prozent im ersten Halbjahr) und beim Geschäft mit Einrichtungsgegenständen, Haushaltsgeräten und in Baumärkten (3,6 Prozent). Wenn man bedenkt, dass die staatliche Abgabenlast praktisch als einzige Belastung in diesem Zeitraum gestiegen ist, wirkt das Ganze noch beeindruckender. Eine dauerhafte Stärkung der Kaufkraft sieht der Einzelhandel allerdings erst als denkbar an, wenn der Staat sein Steuersystem überarbeitet – zumindest die kalte Progression müsse ausgeglichen werden. In der Tat setzen Kosten von früher unbekanntem Ausmaß dem Verbraucher zu – allen voran die Ausgaben für die offensichtlich gescheiterte Energiewende, die bei ständig steigendem Subventionsbedarf noch nicht eines ihrer erklärten Ziele erreicht hat. Und die im Falle des CO2-Ausstoßes etwa aufgrund des europäischen Zertifikatehandels dieses Ziel auch niemals erreichen kann. Umsteuern allerdings dürfte schwerfallen.

Warum der Star-Ökonom Hans-Werner Sinn meint. Italien werde bald den Euro-Raum verlassen müssen, lesen Sie in Ihrer aktuellen BÖRSE am Sonntag.

Analog übrigens die Entwicklung im Euroraum: Auch hier wächst die Wirtschaft, die Arbeitslosenzahl geht zurück. Was umso wichtiger erscheint, als in den südlichen Euroländern vor allem die Jugendarbeitslosigkeit erschreckend hoch bleibt. Dennoch – vor allem die Sorgenkinder Frankreich und Spanien befinden sich auf Kurs Aufschwung. Die Tücken der Wachstumsstatistik zeigen sich dabei allerdings im Fall Frankreichs: In das letzte Halbjahr fiel die Auslieferung eines Luxus-Ozeanriesen durch dessen französische Werft, Wert des Geschäfts: 700 Millionen Euro. So ein Sümmchen reicht schon, um die Wachstumskurve ganz allein nach oben abknicken zu lassen.

Die Börsen machen aus alledem nicht viel Euphorisches, der DAX-Index ist in letzter Zeit bekanntlich eher gefallen und dann auf niedrigerem Niveau stabil geblieben. Was die Börsianer wiederum etwas beruhigt hat: Von irrationalem Überschwang ist nichts zu spüren; vielleicht nehmen die Kurse bereits eine Ankündigung der EZB im September vorweg, wenn die Notenbank aller Voraussicht nach das allmähliche Ende der Geldflut ankündigen wird. Bislang bestand die begründete Furcht, dass in einem solchen Fall die Kurse dramatisch einknicken könnten. Dieses Risiko ist verringert, wenn die Märkte eben gerade nicht in der Nähe ihres Allzeithochs notieren. Sollte es trotzdem zu Schockreaktionen kommen, empfiehlt sich Gelassenheit. Auch die nervösesten Anleger werden nach kurzer Zeit bemerken, dass die Normalisierung der Geldpolitik Jahre in Anspruch nehmen wird. In der Zwischenzeit kann an den Börsen viel, wirklich viel passieren.

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Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Reinhard Schlieker: Es ist noch nicht zuende!

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