Aus Utopie kann Grauen werden. Leonhard Schenk

Enkeltrick goes Internet

Der bayerische Autozulieferer Leoni, im MDAX notiert, musste es seinen Aktionären beichten: 40 Millionen futsch – durch Trickbetrüger! Der Aktienkurs schwankte, die Rating-Agenturen stuften Leoni herab, die Rücklagen sind verschwunden. Er ist alles andere als harmlos, der Enkeltrick im Internet.

Die höchst kriminellen Tricks, erstmals beobachtet in Europa 2013, sind von der Idee her simpel: Du hast Geld, ich nicht, also gib mir was ab. Nachdem das klar ist, verzweigen sich die kriminellen Wege. Meist recherchieren die Täter die genauen Entscheidungswege in einer Firma, finden heraus, wer da was zu sagen hat, befreunden sich via Facebook oder Linkedin mit interessanten Zielpersonen und ahmen dann deren Vorgesetzte nach: Man habe da ein enorm wichtiges Projekt, schreibt verschwörerisch der angebliche Chef via E-Mail, und nur er, der Herr Buchhalter, werde hiermit eingeweiht. Der müsse nun aber schnell einige Millionen nach Hongkong transferieren, damit der Asien-Deal klappt, und das dürfe auch sonst niemand wissen – es sei ja bekannt, die Konkurrenz hat ihre Augen und Ohren überall…

Der ebenso überraschte wie geschmeichelte Angestellte schickt per Eilüberweisung 40, gern auch 50 Millionen Euro dem angeblichen Chef hinterher – und in den Orkus. Denn am anderen Ende warten die Gangster weitgehend risikolos auf diesen Jackpot, und gefasst werden allenfalls kleine Handlanger. Das weltweite Netz der ungeahnten Möglichkeiten sorgt damit für eine überaus unangenehme Sorte von Finanzausgleich, und zum Beispiel der bayerische Autozulieferer Leoni, ehemals die traditionsreichen Leonischem Drahtwerke, musste, da börsennotiert, der erstaunten Öffentlichkeit das peinliche Abhandenkommen von 40 Millionen Euro bekanntgeben, ein nicht unwesentlicher Teil der Reserven des Unternehmens.

Wer genau der Genasführte im Hause Leoni war, und wie die „Fake-CEO“-Masche hier genau ablief, bleibt geheim. Für Leoni folgte die Strafe des Marktes auf dem Fuße: Kurskapriolen, kritische Neubewertungen durch Ratingagenturen und dergleichen machen noch zu schaffen, wenn die Kriminellen mit ihrer aufgefrischten Kapitalbasis längst die nächste Nummer abziehen. Die wohl ausgestatteten Betrüger können sich damit Imitatoren und Schauspieler leisten, die es sogar wagen, den Chef direkt zu geben – am Telefon mit nachgeahmter Stimme. Das katapultiert die Trickserei in eine weitere Dimension.

Noch mehr als bei Leoni saugten die fremdländischen Verbrecher dem Online-Opfer im Falle der österreichischen FACC ab. Leider gingen 53 Millionen Euro urplötzlich verloren, und halbierten zum Ende des vergangenen Geschäftsjahres die liquiden Mittel des Flugzeug-Zulieferers, der zu 55 Prozent einem chinesischen Konsortium gehört. Einen Teil des solcherart befreiten Geldes konnte die Firma, ebenfalls börsennotiert und schwindsüchtig, was den Kurs betrifft, noch in letzter Minute sicherstellen. Ob der chinesische Investor schneller in Hongkong ankam als die Überweisung, ist nicht überliefert.

Inzwischen stellt sich die Gegenwehr auf: Schulungen für das mittlere Management, das ohnehin unter Druck und Zeitnot steht, des weiteren Problembewusstseinskampagnen und womöglich die Pflicht zum sechs-Augen-Prinzip: Man wird der Masche Herr werden, so wie auch längst nicht mehr jeder Senior bereit ist, für vergessene Verwandte den Wohltäter zu geben. Inzwischen aber, so schätzen die internationalen Sicherheitsbehörden, sind weit mehr als drei Milliarden Dollar weltweit in firmenfremde Umlaufbahnen katapultiert worden – Startkapital für Gangstertum 5.0, wie man annehmen darf. Absolute Sicherheit gibt es, wie immer, nicht – außer vielleicht für jene Unternehmen, die bereits pleite sind und wo der Insolvenzverwalter jede Überweisung höchstselbst abzeichnen muss.

Klar, so ein richtiger Trost ist das nicht: Zu jener kleinen, feinen Minderheit möchte niemand gern gehören, aber womöglich hilft eine E-Mail aus Hongkong ja gestressten Firmenvorständen beim Abstieg in die Liga der Ungefährdeten. Und dann ist endlich Ruhe.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Reinhard Schlieker: Das wahre Gesicht von Facebook

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