Die Leute benennen ihre Bälger immer noch, als wären sie ein Schosshündchen von Fräulein Hilton. David Baum

„Wir müssen im freien Fall planen“

Zukünftig wird es immer weniger Deutsche geben. Reiner Klingholz macht vor allem die Entwicklung in den neuen Bundesländern Sorgen, allen voran in Sachsen-Anhalt. Warum der Osten besonders stark betroffen ist, wo die Region dennoch punkten kann und was nun getan werden muss, erklärt er im Interview.

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The European: Im aktuellen Bericht Ihres Instituts prognostizieren Sie einen dramatischen Bevölkerungsverlust als Folge der gegenwärtigen Entwicklung in Deutschland. Wieso ist der Osten besonders stark davon betroffen?
Klingholz: Seit 2003 nimmt die Bevölkerung de facto ab. Über drei Generationen ist eine Population von 100 auf 30 Individuen geschrumpft, also ist heute in Deutschland jede Generation etwa ein Drittel kleiner als ihre Elterngeneration. Seit Mitte der 1960er-Jahre hat sich die Zahl der Neugeborenen mehr als halbiert. Ohne eine massive Zuwanderung wird diese Entwicklung langfristig so weitergehen, in der Prognose werden wir bis 2050 etwa 12 Millionen Einwanderer verlieren. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass dieser Trend sich umkehrt – insbesondere in ländlichen Regionen Ostdeutschlands, in die es kaum Zuwanderer zieht. Nach dem Fall der Mauer sind im Osten etwa zwei Millionen Menschen abgewandert, vor allem die Jungen und Qualifizierten. In den neuen Bundesländern sehen wir deswegen sowohl einen Brain Drain als auch einen Verlust der Familiengründer der Zukunft. Jetzt, 20 Jahre nach der Wende, laufen diese Bundesländer auf eine halbierte Elterngeneration zu und werden damit praktisch einen zweiten Wendeschock erleben, wenn die Zahl der Neugeborenen in den nächsten Jahren noch einmal deutlich zurückgeht. Ganze Landstriche befinden sich im freien demografischen Fall, allen voran in Sachsen-Anhalt. Das Land ist am schlimmsten von der gegenwärtigen Entwicklung betroffen. Diese Tatsache müssen wir nun anerkennen, damit das Land sich auf die Veränderungen vorbereiten kann.

„Die Menschen hatten neue Optionen und waren gleichzeitig wirtschaftlich verunsichert“

The European: Laut der Bertelsmann-Stiftung wird bis zum Jahre 2020 allein die Stadt Magdeburg 25.000 Einwohner verlieren. Ist denn irgendwo ein Ende der Schrumpfung abzusehen?
Klingholz: Solange die Kinderzahlen so niedrig bleiben, wovon man ausgehen muss, und solange keine massive Zuwanderung stattfindet, geht der Verlust weiter. Das gilt selbst für Magdeburg, immerhin die Landeshauptstadt und damit ein Zentrum, das sich im Vergleich zu den ländlichen Regionen einigermaßen stabilisieren kann.

The European: Sind vergleichbare Regionen in Europa mit ähnlichen Problemen konfrontiert?
Klingholz: Europa ist demografisch zweigeteilt: Länder wie Skandinavien, die Niederlande und Großbritannien haben eine hohe Geburtenrate, mit etwa zwei Kindern pro Frau. Die übrigen Länder liegen praktisch auf unserem Niveau. Dass es kein mittleres Level gibt, liegt an der jeweiligen nationalen Familienpolitik, das machen die Ländergrenzen deutlich. Vor allem in Süd- und Osteuropa ist die Entwicklung mit unserer vergleichbar, sie erfolgt allerdings zeitversetzt ein wenig später. Insbesondere in den osteuropäischen Ländern sind die Geburtenraten nach der Wende eingebrochen. Die Menschen hatten neue Optionen und waren gleichzeitig wirtschaftlich verunsichert, in der Folge sanken die Kinderzahlen pro Frau auf 1,2 bis 1,3.

The European: Eine ältere Studie Ihres Instituts kommt zu dem Schluss, dass es Regionen gibt, die nicht förderbar sind. Wie steht es um Sachsen-Anhalt?
Klingholz: Das hängt von der jeweiligen Region ab. Ländliche Teile wie die Altmark haben bereits große Teile ihrer Bevölkerung verloren. Dort wird es in Zukunft großflächige Landwirtschaft und viel Wind- und Solarenergie geben, viel mehr aber auch nicht. Diese Regionen haben sich so sehr ausgedünnt, dass eine neue Stabilität dort schlicht und einfach nicht mehr zu erwarten ist. Für Regionen und Kommunen ist das ein großes Problem: Sie hatten 40.000 Einwohner und haben heute 25.000, aber mit einer Stabilität können sie noch immer nicht rechnen. Bald werden sie 20.000 oder 15.000 Einwohner haben. Das heißt, dass im freien Fall geplant werden muss – was besonders schwer ist.

„Sachsen-Anhalt hat es am schwersten unter allen Bundesländern“

The European: Welche Faktoren führen zu dieser massiven Abwanderung?
Klingholz: Sachsen-Anhalt kann weder mit ausreichend attraktiven Jobs noch mit flächendeckend guten Bedingungen für Familien aufwarten. Denn in den entlegenen Regionen haben viele Schulen geschlossen, womit der wichtigste Haltefaktor für Familien verschwunden ist. Immerhin ist mit der Ansiedlung zukunftsträchtiger Industriebranchen wie der Solarenergie ein wichtiger Schritt beim Schaffen nachhaltiger Arbeitsplätze getan. Doch noch warten die guten Jobs in ausreichender Zahl eher in Stuttgart oder München als in Sachsen-Anhalt.

The European: Muss eine Region, die so viele Einwohner verliert, eher den Schaden begrenzen oder aktiv um neue Bürger werben?
Klingholz: Das aktive Werben funktioniert nur über die Lebensbedingungen, mit attraktiver Arbeit, guten Schulen, einer umfangreichen Kinderbetreuung. Unter den deutschen Kommunen hat sich in dieser Hinsicht ein verschärfter Wettbewerb entwickelt. Die gut aufgestellten Regionen in Bayern und Baden-Württemberg werben mittlerweile mit diesem Paket. Doch im Osten sehen wir diese Konzentration nicht nur in Richtung Süddeutschland, sondern auch innerhalb der Zentren wie Dresden und Leipzig, Weimar, Erfurt, Rostock oder im Großraum Berlin – diese Zentren stabilisieren sich eben deshalb, weil sie die attraktiven Bedingungen noch bieten können. Doch sie stabilisieren sich zu Lasten des eigenen Umlands.

The European: Ist Sachsen-Anhalt aus dem nationalen Wettbewerb bereits ausgeschieden?
Klingholz: Das Land hat es am schwersten unter allen Bundesländern. Die Verschuldung ist hoch, dazu kommt der freie demografische Fall, selbst in den Zentren.

„Sachsen-Anhalt ist wahrlich kein touristischer Hotspot“

The European: Wer ist gefordert? Die Politik, die Wirtschaft?
Klingholz: Ein Lösungsansatz wäre, den Kommunen mehr Entscheidungsmacht in Planungs- und Finanzangelegenheiten zu übertragen. Subventionen und Fördermittel verpuffen in diesen Gebieten häufig: Sie brauchen nicht mehr Geld, sondern mehr Autonomie. Ein Beispiel: In dünn besiedelten Regionen der Schweiz und in Skandinavien fällen viele Gemeinden selbst die Entscheidung über den Betrieb der Schulen. Während in Deutschland Bildungseinrichtungen schließen, wenn Kinderzahlen unterschritten werden, entstehen dort innovative Pädagogikkonzepte, Kooperationen mit Nachbargemeinden oder Teleunterricht, weil die Kommunen mit ihren Bürgern über die Art der Schule und des Unterrichts entscheiden. Dies ist der erste Schritt zu aktiver Bürgerarbeit, die Familien langfristig bindet. Denn wer eine Schule aufbauen kann, kann auch ein Unternehmen aufbauen.

The European: Gibt es ein positives Gegenbeispiel, das zeigt, dass demografischer Wandel nicht immer in Bevölkerungsverlust mündet?
Klingholz: Auch diese ländlichen Räume können sich wieder stabilisieren, zum Beispiel durch Tourismus in attraktiven Räumen. Aber Sachsen-Anhalt ist wahrlich kein touristischer Hotspot. Immerhin ist mit der Ansiedlung zukunftsträchtiger Industriebranchen wie der Solarenergie ein wichtiger Schritt beim Schaffen nachhaltiger Arbeitsplätze getan. Das ist sinnvoller als eine Papierfabrik, die zwar groß ist, aber auch automatisiert, und deshalb nur zwölf Mitarbeiter hat.

The European: Wie wird sich demografische Wandel in Sachsen-Anhalt in den nächsten Jahren entwickeln?
Klingholz: Mit etwas Glück und gut ausgebildeten jungen Leuten können Städte dort nachhaltige Industrieinvestitionen anlocken. Sachsen-Anhalt wird auch in 20 Jahren nicht leer sein, aber in diesem Prozess anteilsmäßig mehr Bevölkerung verlieren als jedes andere Bundesland.

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