In zehn Jahren werden die 67-Jährigen die 92-Jährigen pflegen. Kurt Biedenkopf

„Es ist so viel mehr als nur Text auf dem Bildschirm“

Eine Zeitung nur fürs iPad – kann das klappen? Auf der DLD Women sprachen Alexandra Schade und Inanna Fronius mit Rebecca Grossman-Cohen über diese neue Form des Journalismus, seine Vorzüge und Herausforderungen.

The European: „The Daily“ ist eine Tageszeitung, die man nur auf dem iPad lesen kann. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
Grossman-Cohen: Nun ja, es war nicht meine Idee. Wir hatten bei News Corporation die Idee, etwas für diese aufstrebende Plattform zu entwickeln. Wir wollten etwas entwickeln, das alle Vorteile des iPads ausnutzt. Das hat zu der Zeit niemand anderes getan und auch heute tun das nur wenige. Wir haben uns überlegt, wie ein Geschäftsmodell aussehen könnte und wie wir daraus ein erfolgreiches Geschäftsmodell machen können. Wir wollten herausfinden, was wir alles mit diesem Gerät machen können.

The European: In Deutschland haben sich einige Zeitungen auch an solchen Apps versucht. Man hat hier wahnsinnig viel Geld investiert und diese Investitionen haben sich schlichtweg nicht ausgezahlt. Ist hier also nicht eine Menge Risiko mit dabei?
Grossman-Cohen: Das hängt stark vom jeweiligen Markt ab. Wir haben etwas geschaffen, wo für jeden etwas dabei ist. Wir haben nicht nur Nachrichten. Wir haben sieben Sektionen: Nachrichten, Kultur und Gesellschaft, Klatsch, Sport, Technik, Wirtschaft und Meinung. Wenn sich also jemand für eines dieser Themen oder für mehrere interessiert, findet er das in unserer App. Ich glaube, es geht darum zu verstehen, was der Verbraucher möchte und wofür sich die Leute interessieren und ihnen dann die entsprechenden Inhalte zu liefern.

„Der Nachrichtenmarkt ist sehr gesättigt“

The European: Im Internet gibt es so viele Informationen, für die man nicht bezahlen muss. Für „The Daily“ muss man hingegen schon bezahlen. Was ist es, was die Leute dazu bringt, „The Daily“ zu lesen und sich ihre Informationen nicht von sonst wo im Internet gratis zu beschaffen?
Grossman-Cohen: Es gibt nicht viele Verleger, die Inhalte speziell nur für das iPad produzieren. Das ist ein klarer Unterschied zu „The Daily“. Die anderen Apps sind oftmals nur wenig anders als das, was man auf den entsprechenden Seiten im Internet oder in der Printausgabe einer Zeitung findet. Oder man bildet einfach nur die Webseite auf dem iPad ab, was nicht das gleiche Erlebnis ist und oft auch nicht gut. Wir haben uns einfach die ganzen Vorteile des iPads zunutze gemacht und eine spezielle App genau für diese Vorteile entwickelt. „The Daily“ ist multimedial; es gibt hier nicht nur Text, sondern auch 360-Grad-Fotos, Videos und Audio-Inhalte. Unsere Sport-Sektion ist an die Kunden angepasst usw. Es ist so viel mehr als nur Text auf dem Bildschirm. Sicher, ich arbeite dafür, aber glauben Sie mir: So etwas gibt es anderswo einfach noch nicht. Und das ist, was die Benutzer schätzen. Außerdem ist der Preis anders als der von Printmedien: 99 Cent pro Woche oder 39,99 Dollar für ein Jahresabo. Das macht die Entscheidung einfacher, ein Abo abzuschließen. Der Nachrichtenmarkt mag zwar schon sehr gesättigt sein, egal ob im Online-, Print-Bereich, oder sogar schon auf dem iPad. Aber: die Menschen interessieren sich noch immer sehr stark für Nachrichten und fragen solche Formate nach.

The European: Nun gibt es aber viele Menschen, die kein iPad besitzen. Sie bieten diesen Menschen also nicht einmal eine Möglichkeit, die Zeitung zu erwerben. Wie rechtfertigen Sie das?
Grossman-Cohen: Richtig, das ist eine unserer größten Herausforderungen. Wir sind auf dem iPad sehr gefragt und sind beständig unter den Top-Downloads im iTunes-Store. Innerhalb weniger Monate ist „The Daily“ mehr als eine Million Mal heruntergeladen worden. Das ist sagenhaft. Und klar, nicht jeder hat ein iPad. Ich glaube, im Moment gibt es 20 Millionen iPads weltweit und am Ende dieses Jahres werden es doppelt so viele sein. Wir sind daran interessiert, andere Plattformen für uns zu erschließen, um noch mehr Menschen zu erreichen. In Kürze werden wir auch auf Android verfügbar sein.

„Für die Medienindustrie ist das großartig“

The European: Wer sind Ihre Leser?
Grossman-Cohen: Wir wissen eine ganze Menge über unsere Leser. Apple fragt die Leute, ob sie zustimmen, bestimmte persönliche Daten an die Verleger und Entwickler weiterzugeben. Die Zustimmungsrate liegt bei etwa 50 Prozent. Auf dieser Grundlage haben wir dann Untersuchungen angestellt. Was wir herausgefunden haben – und was wir auch erwartet hatten –, ist, dass die meisten unserer Leser aus den Küstenregionen der USA stammen, also aus New York, Kalifornien und Südflorida. Wir hatten etwas Sorge, dass wir den Rest des Landes überhaupt nicht erreichen würden. Aber das stimmt nicht. Unsere Leser stammen aus den ganzen USA. Es sind nicht nur Medienmacher oder Menschen, die gerne neue Technologien ausprobieren, sondern auch ganz „normale“ Menschen. Darüber sind wir sehr froh.

The European: Im Internet tut sich wahnsinnig viel und das hat auch einen großen Einfluss auf den Journalismus. The European ist ein reines Online-Magazin; man kann es nicht als Printausgabe im Laden kaufen. Sie arbeiten für eine iPad-Tageszeitung. Wie, glauben Sie, wird sich der Journalismus in Zukunft entwickeln? Werden wir in 20 Jahren noch die klassische Tageszeitung haben?
Grossman-Cohen: Ich hätte mit Sicherheit viel mehr Geld, wenn ich vorhersagen könnte, was in 20 Jahren der Fall ist. Aber im Ernst: Leute verbringen gerne Zeit mit dem iPad und beschäftigen sich auch gern damit, etwa 30, 35 Minuten pro Tag. Das ist fast so, als wenn sie ein Magazin lesen würden. Im Internet klicken die Leute mal hier, mal da; mit dem iPad verbringen sie Zeit. Sie lesen mehr. In meinen Augen hat das iPad eine neue Plattform für Journalisten geschaffen. Nicht nur schreibende Journalisten, auch für Video- und Radiojournalisten. Hier kommt alles zusammen. Für die Medienindustrie ist das großartig.

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