Politische Sprache ist dazu geschaffen, Lügen wahrhaft und Mord respektabel klingen zu lassen. George Orwell

„Ein gewisses Leiden ist in Ordnung“

Mit Supergirl oder Through the Eyes of a Child wurden Reamonn zu international gefeierten Stars. Nach mehr als 10 Jahren trennt sich die Band um den Sänger Rea Garvey. Er sprach mit Markus Wolsiffer und Daniel Fallenstein über Casting-Shows, Familie und die Zeit nach der Trennung einer Band.

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The European: Casting-Shows werden immer populärer, es starten viele neue Formate. Ist da überhaupt noch Platz an der Spitze für Bands, die sich per Kleinanzeige zusammenfinden?
Garvey: Ich glaube, es ist eine Parallelwelt. Ist es ja nicht so, dass sich keine Bands mehr gründen, seit es Castingshows gibt. Die Medien haben einfach ein für viele aufregendes Format gefunden haben. Auch ohne Castingshow konnten sich etwa Silbermond als Band etablieren und große Erfolge schon feiern. Und wenn man ehrlich ist: Bands wie Tokio Hotel wären in solchen Sendungen nie weiter gekommen – und sie haben es trotzdem geschafft. Die Oldschool-Art, dass man erst einmal in der eigene Region die kleinen Clubs und Jugendzentren bespielt, um sich langsam eine Fanbase aufzubauen und einen Namen zu machen, das gibt es immer noch. Letztlich liegt es doch immer an der Qualität der Musik.

The European: Sie haben einmal gesagt, dass Ihnen ihre Familie sehr fehlt. Geht es nach Reamonn jetzt zurück nach Irland?
Garvey: Wir haben beschlossen so lange auseinander zu gehen, bis alle Bock haben, wieder eine Platte zu machen. In der Zwischenzeit werde ich in jedem Fall in Irland sein, aber das Leben in Deutschland mag ich sehr. Ich fühle mich extrem wohl hier, meine Tochter ist deutsch und deswegen werde ich auch nach wie vor hier bleiben. Natürlich vermisse ich meine Heimat, aber ich habe mich damit arrangiert. Ein gewisses Leiden ist in Ordnung. Wenn man ein festes Ziel hat, dann muss man immer auf etwas verzichten – bei mir ist das leider Irland. Es gibt immer mal wieder schwere Phasen, aber ich liebe mein Leben so, wie es ist. In meiner Heimat würde man sagen, dass ich nie der “Silverspoon” war, dem alles zufliegt und der aus reichem Elternhause kommt. Ich musste immer für das kämpfen, was ich erreichen wollte.

“In Deutschland habe ich gelernt, dass man alleine etwas bewegen kann”

The European: Was kommt nach Reamonn? Sie haben sich in der Vergangenheit vermehrt sozial engagiert. Könnten Sie sich vorstellen, sich nach Reamonn verstärkt sozial zu engagieren? Oder vielleicht sogar in diesem Feld zu arbeiten?
Garvey: Die Stiftung ist ein sehr wichtiger Teil in meinem Leben. Mit Erfolg geht für meine Begriffe auch immer Verantwortung einher. Zu merken, dass die schwachen Menschen Hilfe brauchen, ist doch die Balance der Menschheit. Und ich fühle mich stark und habe genug Energie, anderen zu helfen. Ich bin aber gewiss nicht der einzige mit dieser Einstellung – es gibt viele Menschen, die sich ihrer gesellschaftlichen Verpflichtung bewusst sind. In Deutschland habe ich gelernt, dass man alleine etwas bewegen kann – das war mir neu. Vorher dachte ich immer, dass die ganze Welt was tun muss, damit sich etwas verändert. Wenn man leidende Kinder sieht, die nichts zu essen haben und weinen, dann muss man auch was machen. Ich wohne in Berlin und auch da gibt es viel Elend – man darf sich nicht verstecken und muss sich engagieren.

The European: Welche Künstler, die Sie bisher getroffen haben, fanden Sie persönlich inspirierend? Und warum?
Garvey: Ich liebe Musiker an sich – ganz gleich welcher Stilrichtung. Mit der vierten Platte waren wir in Los Angeles mit Audioslave im Studio. Da ist es ganz normal, wenn Chris Cornell jeden Tag mit einem anderen Auto oder Motorrad vorfährt. Die Zeit dort war schon richtig interessant. Oder als wir mal im Studio mit einem der Jackson Five im Studio waren. Da lachst du ein bisschen, merkst aber auch, dass sie ihren Kaffee manchmal schwarz trinken. Die Musik ist einfach eine Sprache, die jeder von uns versteht und genau das macht ihren Reiz aus. Aber auch Nelly Furtado hat mich sehr beeindruckt. Ich durfte sie auf ihrer Tournee begleiten und eine Single mit ihr machen. Ich habe ihre Ruhe gelernt. Es ist echt unfassbar, wie ruhig diese Frau ist. Oder Mary J. Blige: harte Frau mit einem riesigen Herz. Wenn Mary in den Raum kommt, weißt du, dass sie da ist. Wenn ich ehrlich bin, dann ist es diese innere Ruhe und dieses gesunde Selbstbewusstsein, das dir so viel Platz gibt, sich auf die Musik zu konzentrieren. Weil du keinen Gedanken hast, wo das alles hinführt. Du machst es einfach und das liebe ich.

The European: Sie sind 2006 von Virgin zu Universal Music gewechselt. Was für eine Rolle spielt der Einfluss von Labels auf die musikalische Entwicklung? Haben Sie mal darüber nachgedacht, zu einem kleineren Label zu wechseln? Gab es mal irgendwann Differenzen zwischen Ihnen und einem Major?
Garvey: Ich denke, als Band waren wir sehr frei in dem, was wir machen wollten. Von Anja Neuschwander, die uns zuerst unter Vertrag genommen hat, war ich begeistert. Nach einem halben Jahr ist sie gegangen und wir waren wir echt alleine mit unserem Management. Der Wechsel zu Universal kam durch Frank Briegmann, Tom Bohne und deren Team zustande. Auch diese Menschen haben uns auch sehr inspiriert. Ich mag es, ein Teil dieser Musikfamilie zu sein. Dabei steckt diese Industrie ja in einer großen Krise. Und die, die sich im Business behaupten konnten, sind echte Musikliebhaber. Unser neuer Manager, der ist so jung, dass ich am Anfang dachte: das wird nichts. Und dann merkst du aber, dass der Mensch so kompetent ist und es einfach eine Freude ist, mit ihm zu arbeiten.

“Mainstream ist eigentlich nur uncool, wenn du Alternative sein willst”

The European: “Mainstream” zu sein wird von vielen Künstlern ja als Negativaspekt empfunden. Wie sehen Sie das? Würden Sie sich eigentlich selbst als Mainstream-Band bezeichnen? Kann man “Mainstream” überhaupt klassifizieren?
Garvey: Mainstream ist eigentlich nur uncool, wenn du Alternative sein willst. Ich war vollkommen zufrieden mit der Idee, Millionen Platten zu verkaufen. Es gibt sicher auch Bands die super sind, aber nicht erfolgreich. Wir hatten das Glück, mit unserer ersten Single auf einer Art fliegenden Teppich zu schweben. Nirvana hätte “Supergirl” vermutlich nicht geschrieben, aber wir haben es geschrieben. Und ich bin wahnsinnig stolz drauf. Und ich stehe voll hinter jeder Nummer, die wir gemacht haben. Dass ich das auch kann, liebe ich. Am Anfang musste ich aber erst lernen, dass das, was ich mache, echt okay ist. Zunächst will man ja alle anderen nachmachen und es ist echt ein großer Moment, zu merken, dass man sich treu sein muss. Das kann man am besten. Mainstream hat eigentlich nur mit Erfolg zu tun.

The European: Es war vielfach zu lesen, dass Sie zunächst eine Solokarriere planen. Welche neuen Erfahrungen erhoffen Sie sich? Was haben wir musikalisch von Ihnen zu erwarten?
Garvey: Jeder der Band wird einfach was unternehmen. Aber die Plattform nur für mich zu nutzen, das habe ich nicht im Sinn. Erst einmal ist es wichtig, das Kapitel Reamonn bis zum Ende des Jahres zu Ende zu bringen.

“Ich bleibe bei der Musik”

The European: Es gibt verschiedene Klischees über Musiker nach ihrer Bandzeit: Dschungelcamp, Supermarkteröffnung oder Reunion. Was würden Sie nach dem Ende der Band nie tun?
Garvey: Ich habe Dinge gemacht, auf die ich nicht stolz bin. Ich bleibe bei der Musik und habe auch sicher kein Interesse daran, Schauspieler zu werden. Ich lass das alles auf mich zukommen.

The European: Wie kam der Entschluss zustande, sich zu trennen?
Garvey: Ich weiß, dass ich es angeleiert habe. Wir waren auf den Azoren und vor einem Jahr habe ich gesagt, lasst uns eine Pause machen und jeder war der Meinung, dass das eine gute Idee ist. Mit der Zeit ändert sich vieles, aber das wird sich nicht ändern. Ich schaue gerne in die Zukunft und ich freue mich drauf. Wie ein Kind, das nicht auf die Geschenke an Weihnachten warten kann.

The European: Was wird Ihnen am meisten fehlen?
Garvey: Ich denke, dass es durchaus in Ordnung ist, Dinge zu vermissen. Ich bin jung genug und habe echt noch viel vor. Ich kann mich nicht einfach auf eine Couch zurücklehnen. Das ist wie der Geruch, wenn man in ein neues Auto einsteigt. Du weißt einfach, dieses Auto ist neu und ich mach es jetzt zu einem Auto. Kürzlich habe ich mir eine alte Gitarre gekauft und diese hat einen echt starken Geruch nach Kippen. Die hat einfach ihren eigenen Sound und egal wo du spielst. Da denk ich mir: ich erschaffe jetzt die Zukunft dieser Gitarre.

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